I, q. 16 a. 2
Ob die Wahrheit nur im zusammensetzenden und trennenden Intellekt ist?
Quaestio 16 · Von der Wahrheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Wahrheit nicht nur im zusammensetzenden und trennenden Intellekt ist. Denn der Philosoph sagt (De Anima iii), dass wie die Sinne hinsichtlich ihrer eigenen sinnlichen Objekte immer wahr sind, so auch der Intellekt hinsichtlich dessen, „was eine Sache ist“. Nun sind Zusammensetzung und Trennung weder in den Sinnen noch im Intellekt, der erkennt, „was eine Sache ist“. Daher liegt die Wahrheit nicht nur im zusammensetzenden und trennenden Intellekt.
Einwand 2: Ferner sagt Isaak in seinem Buch Über die Definitionen, dass Wahrheit die Angleichung von Sache und Verstand ist. Nun kann der Intellekt ebenso in Bezug auf einfache Dinge den Dingen angeglichen werden wie in Bezug auf komplexe Dinge; und dies gilt auch für den Sinn, der ein Ding erfasst, wie es ist. Daher liegt die Wahrheit nicht nur im zusammensetzenden und trennenden Intellekt.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Metaph. vi), dass in Bezug auf einfache Dinge und das, „was eine Sache ist“, Wahrheit „weder im Intellekt noch in den Dingen gefunden wird“.
Ich antworte darauf, dass, wie zuvor gesagt, die Wahrheit in ihrem primären Aspekt im Intellekt liegt. Da nun alles wahr ist, insofern es die seiner Natur eigene Form hat, muss der Intellekt, insofern er erkennend ist, wahr sein, soweit er das Abbild des erkannten Dinges hat, welches seine Form als Erkennender ist. Aus diesem Grund wird Wahrheit durch die Übereinstimmung von Intellekt und Sache definiert; und daher bedeutet, diese Übereinstimmung zu erkennen, die Wahrheit zu erkennen. Aber in keiner Weise kann der Sinn dies erkennen. Denn obwohl das Sehen das Abbild eines sichtbaren Dinges hat, erkennt es doch nicht den Vergleich, der zwischen dem gesehenen Ding und dem besteht, was es selbst darüber erfasst. Der Intellekt aber kann seine eigene Übereinstimmung mit dem intelligiblen Ding erkennen; doch erfasst er sie nicht, indem er von einem Ding erkennt, „was es ist“. Wenn er jedoch urteilt, dass ein Ding der Form entspricht, die er über dieses Ding erfasst, dann erst erkennt und drückt er Wahrheit aus. Dies tut er durch Zusammensetzen und Trennen: denn in jedem Satz spricht er entweder irgendeine durch das Prädikat bezeichnete Form dem durch das Subjekt bezeichneten Ding zu oder spricht sie ihm ab. Und dies zeigt deutlich, dass der Sinn von jedem Ding wahr ist, wie auch der Intellekt, wenn er erkennt, „was ein Ding ist“; aber er erkennt oder bejaht dadurch nicht die Wahrheit. Dies ist in gleicher Weise der Fall bei komplexen oder nicht-komplexen Worten. Wahrheit kann daher in den Sinnen sein oder im Intellekt, der erkennt, „was ein Ding ist“, wie in allem, was wahr ist; jedoch nicht als das erkannte Ding im Erkennenden, was durch das Wort „Wahrheit“ impliziert wird; denn die Vollkommenheit des Intellekts ist die Wahrheit als erkannte. Daher liegt die Wahrheit, eigentlich gesprochen, im zusammensetzenden und trennenden Intellekt; und nicht in den Sinnen; noch im Intellekt, der erkennt, „was ein Ding ist“.
Und so sind die vorgebrachten Einwände gelöst.