I, q. 16 a. 3
Ob das Wahre und das Seiende austauschbare Begriffe sind?
Quaestio 16 · Von der Wahrheit
Einwand 1: Es scheint, dass das Wahre und das Seiende keine austauschbaren Begriffe sind. Denn das Wahre liegt eigentlich im Intellekt, wie gesagt wurde (Artikel [1]); das Seiende aber ist eigentlich in den Dingen. Daher sind sie nicht austauschbar.
Einwand 2: Ferner ist das, was sich auf Seiendes und Nicht-Seiendes erstreckt, nicht mit dem Seienden austauschbar. Aber das Wahre erstreckt sich auf Seiendes und Nicht-Seiendes; denn es ist wahr, dass das, was ist, ist; und dass das, was nicht ist, nicht ist. Daher sind das Wahre und das Seiende nicht austauschbar.
Einwand 3: Ferner scheinen Dinge, die zueinander in einer Ordnung von Priorität und Posteriorität stehen, nicht austauschbar zu sein. Aber das Wahre scheint früher zu sein als das Seiende; denn das Seiende wird nicht verstanden, außer unter dem Aspekt des Wahren. Daher scheint es, dass sie nicht austauschbar sind.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Metaph. ii), dass die Disposition der Dinge im Sein und in der Wahrheit dieselbe ist.
Ich antworte darauf, dass, wie das Gute die Natur dessen hat, was begehrenswert ist, so das Wahre auf die Erkenntnis bezogen ist. Nun ist alles, insofern es Sein hat, erkennbar. Weshalb in De Anima iii gesagt wird, dass „die Seele gewissermaßen alles ist“, durch die Sinne und den Intellekt. Und deshalb ist, wie das Gute mit dem Seienden austauschbar ist, so auch das Wahre. Aber wie das Gute zum Seienden den Begriff des Begehrenswerten hinzufügt, so fügt das Wahre die Beziehung zum Intellekt hinzu.
Antwort auf Einwand 1: Das Wahre liegt in den Dingen und im Intellekt, wie zuvor gesagt (Artikel [1]). Aber das Wahre, das in den Dingen ist, ist mit dem Seienden hinsichtlich der Substanz austauschbar; während das Wahre, das im Intellekt ist, mit dem Seienden austauschbar ist wie die Manifestation mit dem Manifestierten; denn dies gehört zur Natur der Wahrheit, wie bereits gesagt wurde (Artikel [1]). Es kann jedoch gesagt werden, dass auch das Seiende in den Dingen und im Intellekt ist, wie das Wahre; obwohl die Wahrheit primär in den Dingen ist; und dies ist so, weil Wahrheit und Sein sich im Begriff unterscheiden.
Antwort auf Einwand 2: Das Nicht-Seiende hat nichts in sich selbst, wodurch es erkannt werden kann; dennoch wird es erkannt, insofern der Intellekt es erkennbar macht. Daher gründet das Wahre auf dem Seienden, insofern das Nicht-Seiende eine Art logisches Seiendes ist, das heißt, durch die Vernunft erfasst.
Antwort auf Einwand 3: Wenn gesagt wird, dass das Seiende nicht erfasst werden kann außer unter dem Begriff des Wahren, so kann dies auf zwei Arten verstanden werden. Auf die eine Weise so, dass es bedeutet, das Seiende werde nicht erfasst, ohne dass die Idee des Wahren der Erfassung des Seienden folgt; und dies ist wahr. Auf die andere Weise so, dass es bedeutet, das Seiende könne nicht erfasst werden, ohne dass auch die Idee des Wahren erfasst werde; und dies ist falsch. Aber das Wahre kann nicht erfasst werden, ohne dass auch die Idee des Seienden erfasst wird; da das Seiende in der Idee des Wahren eingeschlossen ist. Der Fall ist derselbe, wenn wir das intelligible Objekt mit dem Seienden vergleichen. Denn das Seiende kann nicht verstanden werden, ohne dass das Seiende intelligibel ist. Dennoch kann das Seiende verstanden werden, während seine Intelligibilität nicht verstanden wird. Ebenso ist das Seiende, wenn es verstanden wird, wahr, doch wird das Wahre nicht dadurch verstanden, dass man das Seiende versteht.