I, q. 16 a. 1
Ob die Wahrheit nur im Intellekt ist?
Quaestio 16 · Von der Wahrheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Wahrheit nicht nur im Intellekt ist, sondern vielmehr in den Dingen. Denn Augustinus (Soliloq. ii, 5) verwirft jene Definition der Wahrheit: „Wahr ist, was gesehen wird“; denn daraus würde folgen, dass Steine, die im Schoß der Erde verborgen sind, keine wahren Steine wären, da sie nicht gesehen werden. Er verwirft auch die folgende: „Wahr ist, was so ist, wie es dem Erkennenden erscheint, der erkennen will und kann“; denn daraus würde folgen, dass nichts wahr wäre, wenn es niemand erkennen könnte. Daher definiert er die Wahrheit so: „Wahr ist, was ist.“ Es scheint also, dass die Wahrheit in den Dingen liegt und nicht im Intellekt.
Einwand 2: Ferner ist alles, was wahr ist, durch die Wahrheit wahr. Wenn also die Wahrheit nur im Intellekt ist, wird nichts wahr sein, außer insofern es verstanden wird. Dies aber ist der Irrtum der antiken Philosophen, die sagten, dass alles, was wahr scheint, auch wahr sei. Folglich schienen widersprüchliche Aussagen zugleich wahr zu sein, da sie von verschiedenen Personen gleichzeitig so gesehen wurden.
Einwand 3: Ferner: „Dasjenige, weswegen ein Ding so beschaffen ist, ist es selbst in höherem Grade“, wie aus dem Philosophen (Poster. i) hervorgeht. Dass aber unser Denken oder Sprechen wahr oder falsch ist, kommt daher, dass eine Sache ist oder nicht ist, wie der Philosoph lehrt (Praedicam. iii). Daher liegt die Wahrheit eher in den Dingen als im Intellekt.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Metaph. vi): „Das Wahre und das Falsche sind nicht in den Dingen, sondern im Intellekt.“
Ich antworte darauf, dass, wie das Gute das bezeichnet, worauf das Streben zielt, so das Wahre das bezeichnet, worauf der Intellekt zielt. Nun besteht dieser Unterschied zwischen dem Streben und dem Intellekt oder jedweder Erkenntnis, dass die Erkenntnis insofern stattfindet, als das Erkannte im Erkennenden ist, das Streben aber insofern, als der Begehrende auf das begehrte Ding hinzielt. So ist das Ziel des Strebens, nämlich das Gute, im begehrenswerten Objekt, das Ziel des Intellekts aber, nämlich das Wahre, ist im Intellekt selbst. Wie nun das Gute in einem Ding existiert, insofern dieses Ding auf das Streben bezogen ist – weshalb der Aspekt der Güte vom begehrenswerten Ding auf das Streben übergeht, so dass das Streben gut genannt wird, wenn sein Objekt gut ist –, so muss, da das Wahre im Intellekt ist, insofern er dem verstandenen Objekt angeglichen ist, der Aspekt des Wahren notwendigerweise vom Intellekt auf das verstandene Objekt übergehen, so dass auch das verstandene Ding wahr genannt wird, insofern es eine Beziehung zum Intellekt hat. Nun kann ein verstandenes Ding entweder wesentlich oder akzidentell auf einen Intellekt bezogen sein. Wesentlich ist es auf jenen Intellekt bezogen, von dem es hinsichtlich seines Wesens abhängt; akzidentell aber auf einen Intellekt, von dem es erkennbar ist; so wie wir sagen können, dass ein Haus wesentlich auf den Intellekt des Architekten bezogen ist, aber akzidentell auf den Intellekt, von dem es nicht abhängt.
Nun beurteilen wir eine Sache nicht nach dem, was ihr akzidentell innewohnt, sondern nach dem, was ihr wesentlich ist. Daher wird alles absolut wahr genannt, insofern es auf den Intellekt bezogen ist, von dem es abhängt. Und so werden künstliche Dinge wahr genannt, insofern sie auf unseren Intellekt bezogen sind. Denn ein Haus wird wahr genannt, das die Ähnlichkeit der Form im Geist des Architekten ausdrückt; und Worte werden wahr genannt, insofern sie Zeichen der Wahrheit im Intellekt sind. In gleicher Weise werden natürliche Dinge wahr genannt, insofern sie die Ähnlichkeit der Spezies ausdrücken, die im göttlichen Geist sind. Denn ein Stein wird wahr genannt, der die einem Stein eigene Natur besitzt, gemäß der Vorkonzeption im göttlichen Intellekt. So also liegt die Wahrheit primär im Intellekt und sekundär in den Dingen, insofern sie auf den Intellekt als ihr Prinzip bezogen sind. Folglich gibt es verschiedene Definitionen der Wahrheit. Augustinus sagt (De Vera Relig. xxxvi): „Wahrheit ist das, wodurch das gezeigt wird, was ist“; und Hilarius sagt (De Trin. v), dass „die Wahrheit das Sein klar und evident macht“; und dies betrifft die Wahrheit, wie sie im Intellekt ist. Was die Wahrheit der Dinge betrifft, insofern sie auf den Intellekt bezogen sind, so haben wir Augustinus' Definition (De Vera Relig. xxxvi): „Wahrheit ist eine höchste Ähnlichkeit ohne irgendeine Unähnlichkeit zu einem Prinzip“; ebenso Anselms Definition (De Verit. xii): „Wahrheit ist eine allein vom Geist wahrnehmbare Rechtheit“; denn das ist recht, was in Übereinstimmung mit dem Prinzip ist; ebenso Avicennas Definition (Metaph. viii, 6): „Die Wahrheit eines jeden Dinges ist eine Eigenschaft seines Wesens, die ihm unveränderlich anhaftet.“ Die Definition, dass „Wahrheit die Angleichung von Sache und Verstand ist“, ist auf sie unter beiden Aspekten anwendbar.
Antwort auf Einwand 1: Augustinus spricht über die Wahrheit der Dinge und schließt aus dem Begriff dieser Wahrheit die Beziehung zu unserem Intellekt aus; denn was akzidentell ist, wird von jeder Definition ausgeschlossen.
Antwort auf Einwand 2: Die antiken Philosophen vertraten die Meinung, dass die Spezies der natürlichen Dinge nicht aus irgendeinem Intellekt hervorgingen, sondern durch Zufall entstanden seien. Da sie aber sahen, dass Wahrheit eine Beziehung zum Intellekt impliziert, waren sie gezwungen, die Wahrheit der Dinge auf ihre Beziehung zu unserem Intellekt zu gründen. Daraus ergeben sich Schlussfolgerungen, die unzulässig sind und die der Philosoph widerlegt (Metaph. iv). Solche folgen jedoch nicht, wenn wir sagen, dass die Wahrheit der Dinge in ihrer Beziehung zum göttlichen Intellekt besteht.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die Wahrheit unseres Intellekts durch das Ding verursacht wird, ist es doch nicht notwendig, dass die Wahrheit primär dort ist, ebenso wenig wie die Gesundheit primär in der Medizin sein muss statt im Lebewesen: denn die Kraft der Medizin, und nicht ihre Gesundheit, ist die Ursache der Gesundheit, da hier das Agens nicht univok ist. In gleicher Weise ist das Sein des Dinges, nicht seine Wahrheit, die Ursache der Wahrheit im Intellekt. Daher sagt der Philosoph, dass ein Gedanke oder ein Wort wahr ist, „dadurch, dass ein Ding ist, nicht weil ein Ding wahr ist.“