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Einst hatten die Juden die wahre Religion, das wahre Gesetz und die wahre Kirche; aber nach der Ankunft des Messias kann ihre Religion nicht mehr wahr sein, weil sie gemäß ebendiesen von ihnen als göttlich anerkannten Prophezeiungen abgeschafft werden und ihr das neue Gesetz nachfolgen sollte, wie Jeremia voraussagte: Ecce dies venient, dicit Dominus, et feriam domui Israel et domui Iuda foedus novum. Zu diesen Worten schrieb sodann der Apostel: Dicendo autem novum, veteravit prius. Quod autem antiquatur et senescit, prope interitum est. Dass der Messias nun bereits gekommen ist und dass dieser Messias Jesus Christus war, wurde bereits im zweiten Teil, Kapitel IV und folgenden, klar bewiesen; und es geht aus ihren eigenen Schriften hervor, aus den Wundern des Erlösers und seiner Jünger sowie aus der Strafe, die die unglücklichen Juden seit so langer Zeit wegen ihrer Verstocktheit erleiden; während diese Unglücklichen den Verlust der Herrschaft über Judäa sehen, die Stadt zerstört, den Tempel verbrannt, die Opfer eingestellt und sich selbst über die ganze Erde zerstreut, ohne König, ohne Priester und ohne Altar; was alles von den Propheten vorausgesagt wurde: und sie sehen es durch die Tatsachen vollständig erfüllt, und dennoch fahren sie in ihrer Verstocktheit fort, ihren Erlöser zu leugnen.
Sie sagen, dass gemäß den Prophezeiungen Davids und Jesajas der Ankunft des Messias Flammen und Feuer vorausgehen sollten und dass er sodann mit Herrlichkeit und Majestät kommen werde. Darauf wird geantwortet, dass dort von der zweiten Ankunft die Rede ist, die der Messias als Richter halten wird; spricht man hingegen von seiner ersten Ankunft als Erlöser, so wurde von den Propheten (wie wir in Kap. VII und VIII des II. Teils gesehen haben) allzu deutlich vorausgesagt, dass der Messias auf dieser Erde arm, demütig, verachtet und gekreuzigt sein sollte.
Sie sagen ferner: Aber wir haben für unsere Synagoge dieselben Kennzeichen, die ihr Christen für die katholische Kirche habt. Wir haben das Altertum, denn unsere Religion ist die älteste; die Universalität, da die Juden über die ganze Welt verstreut sind; die immerwährende Sichtbarkeit, da von Mose bis heute jedermann die jüdische Religion kennt; wir haben die Wunder, wie jene von Mose, Josua und anderen, die wohlbekannt sind; die Heiligkeit, wie sie die der Patriarchen und Propheten war. Darauf aber wird geantwortet: Was das Altertum betrifft, so ist eure Religion zwar die älteste, dennoch wurde sie von Gott nicht gegründet, um ewig zu sein, sondern zeitlich begrenzt bis zur Ankunft des verheißenen Messias; weshalb sie, da dieser Messias bereits gekommen ist, gegenwärtig eine tote und von Gott verworfene Religion ist; wie man in der Tat sieht, da dieselbe weder Tempel noch Priester noch Opfer mehr besitzt. Was die Universalität betrifft, so genügt es für eine universale Religion nicht, dass mehrere über die Erde verstreute Familien ihr folgen, sondern es ist notwendig, dass sie unter allen Nationen öffentlich in dem von ihr vorgeschriebenen göttlichen Kult praktiziert wird; was sich nicht bewahrheitet. Was die immerwährende Sichtbarkeit betrifft, so ist es völlig falsch, dass die Synagoge nach der Verkündigung des Evangeliums so sichtbar sei wie die katholische Kirche; während sie doch bei allen, nicht nur bei den Christen, sondern auch bei den Ungläubigen, in Verachtung steht. Was schließlich die Wunder und die Heiligkeit der Personen betrifft, so können die Juden nach der Ankunft Jesu Christi kein Wunder und keinen heiligen Menschen mehr vorweisen. Es nützt ihnen auch nichts, die Wunder und die Heiligkeit ihrer Väter anzuführen; denn diese Wunder und heiligen Männer existierten zu einer Zeit, als ihre Synagoge die wahre Religion war, können aber gegenwärtig einer Religion nicht mehr nützen, die nicht mehr besteht; und jene Wunder und heiligen Männer bestätigen gegenwärtig nicht die Religion, die den kommenden Christus anbetet, sondern jene Religion, die Jesus Christus als bereits gekommenen anbetet, dessen Ankunft durch so viele Zeichen bereits offenkundig bewiesen wurde.
Überdies können die Juden keine wahre Religion mehr haben, da sie keine göttliche Schrift mehr besitzen, weil ihre Bücher verfälscht worden sind. Ihre Schrift ist heute das Buch des Talmuds, geschrieben von den Rabbinern, welche sagen, dass dies ein anderes, Mose mündlich übergebenes Gesetz war; und daher ordneten die Erfinder des Talmuds bei dessen Veröffentlichung an, dass alle dort geschriebenen Dinge als göttliche Gesetze befolgt werden müssten, und verhängten die Todesstrafe über jeden, der sie leugnete. Man muss jedoch wissen, dass dieses Buch voller Fabeln, Irrtümer und Lästerungen ist. Was die Mysterien betrifft, so lehrt es, dass Gott im Himmel einen entlegenen Ort besitzt, wohin er sich in einem Teil der Nacht zurückzieht, um zu weinen, und dort brüllt er wie ein Löwe und spricht: „Wehe mir, dass ich mein Haus zerstört, den Tempel verbrannt und meine Kinder zu Sklaven gemacht habe!“ Es sagt ferner, dass der Herr sich jedes Mal, wenn er daran denkt, zugelassen zu haben, dass sein Volk so gepeinigt wird, an die Brust schlägt und zwei heiße Tränen in den Ozean gießt. Es sagt, dass er sich am Tage teils dem Studium des Gesetzes und auch des Talmuds widmet, teils die Kinder unterrichtet, die vor dem Erreichen des Vernunftalters sterben, und teils die Welt richtet, und in den letzten drei Stunden vergnügt er sich mit einem Drachen namens Leviathan. Es sagt, dass Gott vor der Erschaffung der Welt viele Welten erschuf und wieder auflöste, um die Kunst zu erlernen, 18.000 Welten zu bauen, die er danach erschuf, und dass er sie sodann des Nachts auf einem Cherub reitend besucht. Es sagt, dass Gott einst eine Lüge aussprechen musste, um Frieden zwischen Sara und Abraham zu stiften. Es sagt, dass Gott, weil er das Licht des Mondes im Vergleich zu dem, das er der Sonne gab, verringert hatte, Mose befahl, einen Ochsen als Opfer darzubringen, damit ihm diese Schuld vergeben werde. Wo ließen sich törichtere Albernheiten und abscheulichere Lästerungen als diese finden?
Was sodann die Sitten betrifft, so sagt der Talmud, dass derjenige, der die Götzen aus Liebe oder Furcht anbetet, keine Sünde begeht. Er sagt, dass derjenige keine Sünde begeht, der seine Eltern verflucht, ja selbst Gott, solange er nicht die Namen Adonai, Elohim oder Sabaoth ausspricht. Er sagt, dass, wenn jemand seinen Gefährten fesselt und ihn so vor Hunger sterben lässt oder ihn vor einen Löwen wirft, er vom Tode frei ist; anders verhalte es sich hingegen, wenn er ihn ohne Fesseln vor Hunger sterben lässt oder ihn vor Fliegen wirft. Er sagt, dass, wenn ein Angeklagter von allen Richtern verurteilt wird, er vom Tode frei ist; anders hingegen, wenn einige von ihnen ihn verurteilen und andere nicht. Er sagt überdies, dass derjenige, der es nicht unterlässt, an jedem Sabbat dreimal zu essen, gewiss gerettet wird. Man liest noch andere Torheiten in demselben Buch; aber diese genügen, um die Verblendung zu erkennen, in welche die heutigen Juden zur Strafe für ihren Starrsinn gefallen sind.
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