Obgleich aber in der katholischen Kirche das Ansehen der aufgezählten Bücher, unter Übereinstimmung aller Rechtgläubigen, immer aufrecht stand, so fehlte es doch nicht an Ketzer, welche trachteten, denselben Büchern alles Ansehen geraden Weges zu entziehen. Weil aber Sixtus (Senensis) am Ende seiner Bibliothek jene Ketzereien, welche durch den Eifer unserer Vorfahren längst ausgelöscht und begraben waren, in unserer Zeit wieder dargestellt hat, so kann ich mich so kurz als möglich mit diesen alten Feinden, oder vielmehr Schatten von Feinden, befassen. Es kamen zu verschiedenen Zeiten achtzehn Ketzereien gegen die Bücher auf, welche wir unter die erste Ordnung gezählt haben. Die erste Ketzerei hegten diejenigen, welche die Bücher des Alten Testaments ganz verwarfen, weil sie glaubten, dieselben seien von einer bösen Gottheit angegeben worden. Dieser Meinung waren zuerst die Simonianer, Basilidianer, Marcioniten (Irenaeus. l. 1. c. 20. 22. 29.), dann die Manichäer (Epiphan. Haeres. 66.), Bogomiler (Euthymius. Panopl. part. 2. tit. 23. c. 1.), Albigenser (Antoninus. part. 4. tit. 11. c. 7.). Auch in unserem Jahrhundert urteilten fünfzehn Prädikanten der Wiedertäufer, auf einer Versammlung in Frankenthal, das Alte Testament sei bei Glaubensstreitigkeiten nur so weit zulässig, als es mit dem Neuen Testament übereinstimme. Diesen Irrtum widerlegen Epiphanius (Haeresis Manichaeorum.), Augustinus (Advers. Faustum Manichaeum. Contra adversarium legis et Prophet.) und Petrus Cluniacensis (Epist. contra Petrobrusianos.). Und es scheint wirklich verwunderungswert, dass diejenigen Ketzer, welche die Bücher des Neuen Testaments verehrten, die Bücher des Alten Testaments hätten verachten können, da diese von jenen sehr viele und sehr ansehnliche Zeugnisse haben. „Es ist notwendig“, sagt der Herr (Lk 24, 44), „das alles erfüllt werde, was im Gesetze Moses, in den Propheten und Psalmen von mir geschrieben steht.“ Und der Apostel Paulus sagt: „Paulus, ein Diener Jesu Christi, berufener Apostel, auserwählt für das Evangelium Gottes, welches er zuvor durch seine Propheten in den heiligen Schriften versprochen hatte“ etc. (Röm 1, 1–2). Denn es steht geschrieben: Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Magd und einen von der Freien. Aber der von der Magd war dem Fleische nach geboren und der von der Freien vermöge der Verheißung. Das ist bildlich gesprochen; denn dies sind die zwei Testamente etc. (Gal 4, 22–24). Mehrmals und auf vielerlei Weise hat einst Gott zu den Vätern durch die Propheten geredet, am letzten hat er in diesen Tagen zu uns durch den Sohn geredet (Hebr 1, 1–2).
Die zweite Ketzerei hegte ein gewisser Ptolemäus, welcher (Epiphanius. Haeres. 33.) das Gesetz des Moses in drei Teile zerlegte und für den Urheber des einen Teiles den Weltschöpfer, für den des anderen den Moses, für den des dritten die Lehrer der Synagoge ausgab. Ptolemäus hielt aber nicht den wahren Gott für den Weltschöpfer, sondern ein Mittelwesen zwischen Gott und Teufel. Er hielt sonach nicht einmal einen Teil des Gesetzes für heilig und göttlich. Diese Ketzerei widerlegt Zacharias, bei Lukas (1, 7), wo er bezeugt, dass der Herr, der Gott Israels geredet habe durch den Mund der Heiligen, welche von jeher sind, das ist, aller seiner Propheten. Es widerlegt dieselbe der Apostel Paulus, da er behauptet (2 Tim 3, 16), alle Schrift sei von Gott eingegeben.
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Die dritte Ketzerei hegte Theodorus, Bischof von Mopsuestia. Dieser verwarf zwar nicht offen alle Propheten, behauptete aber unverschämt, dieselben hätten niemals etwas von Christus vorgesagt (Fragmenta Commentariorum. Synod. V. collat. 4.), und setzte dadurch teils die Nützlichkeit und das Ansehen der Propheten zu sehr herab, machte teils Christum und die Apostel der offenbarten Lügen schuldig. Denn was anderes als eine Lüge wird die Wahrheit selbst von sich sagen, indem sie (Lk 4, 21) nach Lesung des Zeugnisses von Jesajas beifügt: „Heute ist diese Schriftstelle vor euch in Erfüllung gegangen.“ Was wird es anderes als eine Lüge sein, was Petrus (Apg 10, 43) sagt: „Diesem geben alle Propheten Zeugnis?“ Ich übergehe die anderen Zeugnisse der Propheten, welche an verschiedenen Orten im Neuen Testament von den Evangelisten und Aposteln über Christus erklärt werden. Denn es gibt so viele, dass sie in kurzer Zeit nicht aufgezählt werden könnten. Mt Abschn. 2. 4. 12. 21. 27. Mk Abschn. 12. 15. Lk Abschn. 11. Joh Abschn. 2. 12. 19. Apg Abschn. 2. 4. 13. Eph Abschn. 4. Hebr Abschn. 1. 10. usw.
Die vierte Ketzerei verwirft die Psalmen Davids als menschliche oder vielmehr weltliche Gesänge, welche ohne alle göttliche Eingebung verfasst seien. Als Urheber dieses Irrtums bezeichnet Philastrius (Catalogus haeretic. c. 127.) die Nicolaiten und Gnostiker. Von Paulus, dem Samosateners, erzählt Eusebius (Hist. 1. 7. c. 25.), dass derselbe jene Psalmen, welche auf Christus gesungen wurden, als ein neues Machwerk aus der Kirche geschafft habe! Aber vielleicht entfernte jener Paulus nicht die Psalmen, sondern einige kirchliche Hymnen aus seiner Kirche. Denn es ist nicht glaublich, dass Davids Psalmen dem Samosatener nach so vielen Jahrhunderten neu ausgedacht scheinen konnten. In der Tat widerlegen dieses alberne Geschwätz zum Teil David selbst, zum Teil Christus und die Apostel. „Dies sind die letzten Worte“, sagt der Verfasser des Buches der Könige (2 Kön 23, 1–2), „welche David der Sohn Isaias gesprochen hat: es sprach der Mann, dem sichere Verheißung ward vom Gesalbten des Gottes Jakobs, der herrliche Sänger Israels: Der Geist des Herrn hat durch mich gesprochen und sein Wort durch meine Zunge.“ Und der Herr (Mt 22, 43) sagt: „Wie nennt ihn aber David im Geiste einen Herrn, da er spricht: Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten.“ Er redet also was im 109. Psalm steht. Und die Apostel (Apg 4, 25) reden alle mit einer Stimme wie der 2. Psalm: „Du o Herr, der du durch den heiligen Geist aus dem Mund unsers Vaters David deines Knechtes gesprochen hast: Warum toben die Heiden.“ Endlich sagt der Apostel Paulus (Hebr 3, 7): „Wie der heilige Geist sagt, heute, wenn ihr seine Stimme höret.“ Diese Worte stehen im 94. Psalm.
Die fünfte Ketzerei hegen die Hebräer, welche im Talmud (Ord. 4. tract. 3.) weder das Buch Job unter die göttlichen Bücher setzen noch glauben, dass Job jemals unter den Menschen gelebt habe. Die folgenden Rabbiner, z. B. Rabbi Salomon, Rabbi Levi ben Gerson und einige andere scheinen zwar das Buch anzunehmen, weil sie sich bestrebten, dasselbe zu erläutern, aber tadeln den Job häufig und heftig. Denn Rabbi Salomon behauptet kühn, der heilige Job habe aus Ungeduld über das ihm zugestoßene Unglück nicht mit Worten, sondern im Herzen gesündigt. Rabbi Levi aber geht weiter und schreibt, dieser heilige Mann habe die gerechteste Strafe dafür erlitten, dass er die göttliche Vorsehung und die Auferstehung der Toten abgeleugnet habe. Auch Martin Luther (Sermones convic. tit. de Patriarchis et Prophetis.) sagt, „er glaube nicht, dass sich alles so zugetragen habe, wie es im Buch Job erzählt wird. Das Buch Job (L. c. tit. de libris veteris et novi Testamenti.) sei gleichsam der Stoff einer Fabel, um ein Beispiel der Geduld vor Augen zu stellen.“ Aber in der Tat kann Ezechiel der ansehnlichste Zeuge gegen die Hebräer sein, dass die Geschichte Job nicht erdichtet und Job selbst ein wahrhaft heiliger und vollendeter Mann gewesen sei. „Wenn“, spricht der Herr durch Ezechiel (14, 14), „darin die drei Männer wären, Noe, Daniel und Job, so würden sie sich durch ihre Gerechtigkeit sich selbst retten.“ Übergehen will ich unterdessen, was über den heiligen Job Tobias (2, 12. 15), Jacobus (5, 11) schreiben und was aus diesem Buch, wie aus der übrigen heiligen Schrift, der Apostel (1Kor 3, 19; Ijob 5, 13) anführt, denn die Zeugnisse dieser Männer nehmen die Talmudisten nicht an.
Die sechste Ketzerei hegten (Philastrius. Catalog. haereseon. c. 132. Jacobus Christopolitanus. Praefatio commentariorum in Cantica.) diejenigen, welche das Buch Salomonis, mit der Aufschrift Ecclesiastes (den Prediger) verwerfen, weil es scheine, Salomon habe dieses Buch im höchstem Alter geschrieben, als er, von der Liebe zu den Weibern verdorben, das höchste Gut in körperliche Vergnügen setzte und den Weg zur Philosophie des Epikur und Aristipp bahnte. Martin Luther (Serm. conviv. tit. de lib. vet. et nov. Testamenti.) sagt, „der Verfasser des Ecclesiastes scheine ihm, der Schienen und Sporen beraubt, nur in Socken zu reiten, wie er selbst, als er noch im Kloster gewesen, zu tun gepflegt.“ Aber der Prediger Salomons handelt nicht von den Lüsten, sondern ermahnt in der ernstesten Sprache, wie ein strenger und eifriger Sittenlehrer, alle zur Verachtung menschlicher Dinge und zur Furcht Gottes. Wie beginnt er? „Eitelkeit der Eitelkeiten;“ – spricht der Prediger – „Eitelkeit der Eitelkeiten und alles ist Eitelkeit!“ (Koh 1, 2). Wie ist jener Schluss? „Lasset uns alle zusammen das Ziel aller Rede hören: fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das macht vollkommen den Menschen“ (Koh 12, 13). Die Mitte stimmt damit überein. „Das Lachen hielt ich für Unsinn und zur Freude sprach ich: Warum täuschest du mich umsonst?“ (Koh 2, 2) „Ich sprach in meinem Herzen, Gott wird richten den Gerechten und Ungerechten.“ (Koh 3, 17) „Bewahre deinen Fuß, wenn du in das Haus Gottes gehst, und mache dich nahe hinzu, auf dass du hörest: denn viel besser ist Gehorsam als der Toren Opfer.“ (Koh 4, 17) „Rede nichts unbedachtsam und dein Herz übereile sich nicht, vor Gott zu reden.“ (Koh 5, 1) „Besser ist, in das Trauerhaus gehen als in das Haus des Freudenmahls.“ (Koh 7, 3) „Weil das Urteil wider die Bösen nicht sogleich gesprochen wird, gehen die Menschenkinder Böses ohne alle Furcht.“ (Koh 8, 11) „Weisheit ist besser als Kriegswaffen und wer sich in einem verfehlt, richtet viel Gutes zugrunde.“ (Koh 9, 18) „Wehe dir Land, dessen König ein Knabe ist und dessen Fürsten des Morgens schon schmausen! Glückselig das Land, dessen König ein Edler ist und dessen Fürsten zur rechten Zeit essen, um sich zu stärken, und nicht zur Lust.“ (Koh 10, 16–17) „Wisse, dass dich Gott über all das vor Gericht führen wird. Nimm den Unmut aus deinem Herzen und tue das Böse von deinem Körper, denn Jugend und Lust sind eitel.“ (Koh 11, 9–10) Schmeckt dies nach Aristipp? Oder gingen jemals aus der Schule des Epikur so strenge Lehren hervor? Wenn der Prediger bisweilen lehrt, das Vergnügen der Speise und des Trankes sei nicht zu verachten, so tut er es nicht deshalb, weil er alles nach dem Vergnügen abmisst, sondern um einige Geizige und Schmutzige zu treffen, welche lieber sich selbst notwendiger und erlaubter Bequemlichkeiten und Erheiterungen des Lebens berauben, als nur das Geringste von ihrem Geldhaufen nehmen wollen. Auch steht in diesem Buche vieles, was Salomon nicht als seine Meinung, sondern als die Meinung des gemeinen Haufens und unweiser, genussüchtiger Menschen vorträgt, wie der hl. Gregorius (Dialog. 1. 4. c. 4.) weitläufig und vortrefflich beweist. Aber auch jene Behauptung der Ketzer, dass dieses Buch zu einer Zeit geschrieben worden, wo Salomon durch Weiberliebe verdorben war, ist falsch, wie es sich durch folgende vier Gründe dartun lässt. Erstens erwähnen das 1. Buch der Könige (Abschn. 4 und 11) und das Buch, welches die Aufschrift Ecclesiasticus führt (Abschn. 47), bei der geordneten Aufzählung der Taten Salomons eher seiner Bücher als seiner Liebschaften. Zweitens sagt der Prediger in dem Buche selbst, wovon wir handeln, dass seine Weisheit, welche er nämlich durch ein göttliches Geschenk einst empfangen hatte, bis jetzt bei ihm geblieben sei. „Und auch die Weisheit“, sagt er (Weish 2, 9), „blieb bei mir.“ Es ist aber nicht wahrscheinlich, dass das Licht der göttlichen Weisheit bei jener Verschlimmerung des Herzens habe wohnen können, von welcher die Schrift (1Kön 11, 3–4) spricht: „Und die Weiber wandten sein Herz ab. Und als er schon alt war, da ward sein Herz verdorben durch die Weiber, dass er fremden Göttern naching.“ Auch zählt Salomon in dem zweiten Abschnitt dieses Buches alle seine Vergnügungen auf, die Paläste, Teiche, Fruchtgärten, Sklaven, Mägde, Gesänge, Musik, die goldenen und silbernen Gefäße und sehr viel anderes der Art, aber so vieler Liebschaften und Weiber, über welchen er alle anderen Genüsse vergaß und welche allein sein Herz verweichlichen und verderben konnten, gedenkt er nicht einmal. Er hatte also zur Zeit der Abfassung dieses Buches noch nicht begonnen, wollüstig zu sein. Wer kann drittens glauben, dass aus einer so schlaffen und weiblichen Seele, wie Salomon sie hatte, als er mit siebenhundert Weibern und dreihundert Kebsweibern umging, so ernste Sprüche, als wir kurz vorher angeführt haben, kommen konnten? Ich weiß, dass die alten Juden (Hieron. in Ecclesiast. c. 1.) meinten, dieses Buch sei von Salomon nach der Buße verfertigt worden, und Hieronymus scheint diese Meinung zu billigen (Comment. Ezechielis. c. 43.). Aber ich hielt immer für annehmbarer die Meinung des hl. Augustin, welcher (In Psalm. 126. et alibi.) sagt, Salomon sei von Gott verworfen worden, weil die heilige Schrift sein Alter aufs Härteste tadle und nirgends etwas von dessen Buße hinzufüge. Wenn jemand jedoch der früheren Ansicht lieber huldigt, so habe ich nichts dagegen, da beide Meinungen zu unserer Absicht dienen. So viel über den Prediger.
Die siebente Ketzerei ist der vorigen nicht unähnlich. Es fehlte nämlich (Philastrius c. 133. Jacobus Christopolitanus 1. c.) nicht an alten Ketzern, welche glaubten, das hohe Lied sei nicht vom Geist des wahren Gottes, sondern der Wollust eingegeben worden und enthalte bloß Liebesgedichte des Königs Salomon und seiner Gemahlin, der Tochter Pharaos. Deswegen sei das Lied weltlich und aus dieser Ursache werde im ganzen Buche der Name Gottes nicht gefunden (Beza. Praefatio in Josue.). Aber wie vieles würde auf die törichteste Weise von dem weisesten Menschen gesagt werden, wenn jene Braut, welche in diesen Gedichten so sehr gefeiert wird, die Tochter Pharaos, das ist, des mächtigsten Königs wäre? Oder passt das auf eine Königstochter? „Meiner Mutter Kinder haben wider mich gestritten; sie setzten mich zur Hüterin in die Weinberge; aber meinen Weinberg hütete ich nicht.“ (Hld 1, 5) „Gehe heraus und folge den Fußstapfen der Herden nach und weide deine Böcke.“ (Hld 1, 7) „Da fanden mich die Wächter, die in der Stadt herumgehen: die schlugen mich und verwundeten mich.“ (Hld 5, 7) „O wenn mir jemand dich zu meinem Bruder gäbe, der die Brüste meiner Mutter sog, dass ich dich draußen finden und küssen dürfte!“ (Hld 8, 1) Wer kann glauben, dass die Tochter des Königs von Ägypten ein Landweib oder die Schwester Salomons sei oder von den Mauerwächtern hätte verwundet werden dürfen. Aber dieselbe, welche hier als Landmädchen beschrieben wird, wird anderswo (Hld 7, 1) „Fürstentochter“ genannt: „Wie schön sind deine Tritte in den Schuhen, o Fürstentochter!“ Und wiederum wird dieselbe, von der es a. a. O. heißt, dass sie von Mauerwächtern verwundet worden sei, an einem anderen Orte (Hld 6, 3. 9) furchtbar genannt, wie ein geordnetes Heerlager. Das ist in der Tat die Weisheit des Heiligen Geistes. Gott wollte, dass lange vorher der Brautgesang ertönte, um sein Wohlwollen gegen das Menschengeschlecht kundzugeben, um zu zeigen, mit welch brennender Liebe Christus sich die Kirche, wie eine Braut, durch das Geheimnis der Menschwerdung verbunden habe. Er wollte aber, dass über seine Braut Dinge geschrieben würden, welche auf kein einzelnes Weib passen, um fernzuhalten die Gelegenheit des Verdachtes, es werde in jenem Liede entweder die Tochter Pharaos oder ein anderes Weib gepriesen. Aus diesem Grunde glauben wir, dass bei der Ausschmückung und Abmalung der Brautgestalt Dinge gesagt werden, welche zwar ganz passend der Kirche zukommen, ein Weib aber mehr verunstalten als zieren können. Denn wie sähe dieses Weib aus, dessen Haupt so ungeheuer groß wie der Karmel, dessen Nase wie ein Turm, dessen Augen wie Fischteiche, dessen Zähne wie Herden geschorener Schafe sind und welches ganz schwarz ist wie die Hütten Cedar? Auch dies ist nicht befremdend, dass aus den zehn Namen Gottes, welche an verschiedenen Orten in den göttlichen Büchern des Alten Testaments vorkommen (Hieronymus. Epist. ad Marcellam n. 136.), keiner in diesem geistlichen Brautlied angewendet wird. Wenn nämlich in den übrigen Büchern des alten Testaments Gott, weil er mit der Synagoge, das heißt, mit der Magd zu tun hatte, sich wiederholt Gott, der Herr, den Starken, den Allmächtigen nannte: so überging er mit Recht jene Namen, welche Schrecken einzuflößen geeignet waren, in Liebesgesängen, wo Gottes Sohn mit der Kirche, das heißt, der Bräutigam mit der Braut spricht und nannte sich bloß Bräutigam, Vater, Freund, Liebender und Geliebten, welche Namen zur Nahrung und Weckung der Liebe gehören.
Die achte Ketzerei hegte Porphyrius, über welchen der hl. Hieronymus (Commentar. in Danielem. Praefat.) also schreibt: „Gegen den Propheten Daniel schrieb Porphyrius und behauptete, dies Buch sei nicht von Daniel, sondern von einem verfasst, der zu den Zeiten des Antiochus Epiphanes in Judäa gewesen sei. Dieser habe vergangene Dinge erzählt, statt dass Daniel zukünftige vorhergesagt. Was dieser Verfasser bis auf Antiochus gesagt habe, enthalte wahre Geschichte, seine weiteren Meinungen aber seien erlogen, weil er das Zukünftige nicht gewusst habe.“ Um das göttliche Zeugnis Christi (Mt 24, 15) über das Buch Daniel, welches von Porphyrius nicht angenommen wird, zu übergehen, schreibt Josephus (Antiquit. 1. 11. c. 8.), als Alexander der Große nach Jerusalem gekommen, sei ihm von den Priestern das Buch Daniels geboten und jene Stelle (Dan 8, 3–7) gezeigt worden, wo Daniel voraussagte und deutlich aussprach, es werde ein Widder von einem Ziegenbock, das ist, der König der Perser von dem König der Griechen besiegt und zugrunde gerichtet werden. Da aber Alexander mehr als 150 Jahre dem Antiochus voranging, wie ist es möglich, dass das Buch zur Zeit des Antiochus geschrieben worden sei, welches so lange vorher dem Alexander gezeigt worden? Endlich wird derjenige, welcher die von dem heiligen Hieronymus (Comment. in Daniel. Praefat.) empfohlenen Bücher fleißig aufschlägt, einsehen, dass die Weissagungen, welche in Daniel über die Zeit des Antiochus hinausgehen, nicht Lügen seien, wie Porphyrius behauptet, sondern Gottessprüche von der höchsten Wahrheit.
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Einwand 1: Es scheint, dass das Schicksal nicht unveränderlich ist. Denn Boethius sagt (De Consol. 4): „Wie das Überlegen zum Intellekt, wie das Gewordene zu dem, was ist, wie die Zeit zur Ewigkeit, wie der Kreis zu seinem Mittelpunkt; so verhält sich die wandelbare Kette des Schicksals zur…
Einwand 1: Es scheint, dass das Schicksal nicht in den geschaffenen Dingen ist. Denn Augustinus sagt (De Civ. Dei 5, 1), dass der „göttliche Wille oder die Macht Schicksal genannt wird“. Aber der göttliche Wille oder die Macht ist nicht in den Geschöpfen, sondern in Gott. Also ist das Schicksal…