III, q. 89 a. 1
Ob die Tugenden durch die Buße wiederhergestellt werden?
Quaestio 89 · Von der Wiedererlangung der Tugend durch die Buße
Einwand 1: Es scheint, dass die Tugenden durch die Buße nicht wiederhergestellt werden. Denn die verlorene Tugend kann nicht durch die Buße wiederhergestellt werden, es sei denn, die Buße wäre die Ursache der Tugend. Da aber die Buße selbst eine Tugend ist, kann sie nicht die Ursache aller Tugenden sein, und dies umso weniger, als einige Tugenden der Buße von Natur aus vorausgehen, nämlich Glaube, Hoffnung und Liebe, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [85], Artikel [6]). Daher werden die Tugenden nicht durch die Buße wiederhergestellt.
Einwand 2: Ferner besteht die Buße in gewissen Handlungen des Büßenden. Die eingegossenen Tugenden aber werden nicht durch irgendeine unserer Handlungen verursacht; denn Augustinus sagt (De Lib. Arb. ii, 18; In Ps. 118), dass „Gott die Tugenden in uns ohne uns wirkt“. Daher scheint es, dass die Tugenden nicht durch die Buße wiederhergestellt werden.
Einwand 3: Ferner verrichtet derjenige, der die Tugend besitzt, die Werke der Tugend mit Leichtigkeit und Freude; weshalb der Philosoph sagt (Ethic. i, 8), dass „derjenige nicht gerecht ist, der sich nicht an gerechten Taten freut“. Nun finden viele Büßende Schwierigkeiten darin, Werke der Tugend zu verrichten. Daher werden die Tugenden nicht durch die Buße wiederhergestellt.
Dagegen spricht, dass wir lesen (Lk 15,22), der Vater habe befohlen, seinen büßenden Sohn mit dem „ersten Gewand“ zu bekleiden, welches nach Ambrosius (Expos. in Luc. vii) der „Mantel der Weisheit“ ist, von dem alle Tugenden zusammenfließen, gemäß Weish 8,7: „Sie lehrt Mäßigkeit und Klugheit und Gerechtigkeit und Tapferkeit, welche Dinge sind, als die den Menschen im Leben nichts nützlicher ist.“ Daher werden alle Tugenden durch die Buße wiederhergestellt.
Ich antworte darauf, Sünden werden durch die Buße vergeben, wie oben dargelegt (Quaestio [86], Artikel [1]). Es kann aber keine Vergebung der Sünden geben außer durch die Eingießung der Gnade. Daraus folgt, dass dem Menschen durch die Buße Gnade eingegossen wird. Nun fließen alle Gnadentugenden aus der Gnade, so wie alle Kräfte aus dem Wesen der Seele hervorgehen; wie in der FS, Quaestio [110], Artikel [4], ad 1 dargelegt wurde. Daher werden alle Tugenden durch die Buße wiederhergestellt.
Antwort auf Einwand 1: Die Buße stellt die Tugenden auf dieselbe Weise wieder her, wie sie die Gnade verursacht, wie oben dargelegt (Quaestio [86], Artikel [1]). Sie ist nun Ursache der Gnade, insofern sie ein Sakrament ist; denn insofern sie eine Tugend ist, ist sie vielmehr eine Wirkung der Gnade. Folglich folgt daraus nicht, dass die Buße als Tugend die Ursache aller anderen Tugenden sein muss, sondern dass der Habitus der Buße zusammen mit den Haltungen der anderen Tugenden durch das Sakrament der Buße verursacht wird.
Antwort auf Einwand 2: Im Sakrament der Buße stehen die menschlichen Handlungen als Materie, während die formale Kraft dieses Sakraments von der Schlüsselgewalt herrührt. Folglich verursacht die Schlüsselgewalt Gnade und Tugend zwar effektiv, aber instrumental; und der erste Akt des Büßenden, nämlich die Reue, steht als letzte Disposition zum Empfang der Gnade, während die nachfolgenden Akte der Buße aus der Gnade und den Tugenden hervorgehen, die bereits vorhanden sind.
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt (Quaestio [86], Artikel [5]), bleiben manchmal nach dem ersten Akt der Buße, welcher die Reue ist, gewisse Überreste der Sünde zurück, nämlich Dispositionen, die durch frühere Handlungen verursacht wurden, was zur Folge hat, dass der Büßende Schwierigkeiten findet, Werke der Tugend zu tun. Dennoch verrichtet der Büßende, was die Neigung der Liebe und der anderen Tugenden selbst betrifft, Werke der Tugend mit Freude und Leichtigkeit, so wie auch ein tugendhafter Mensch zufällig Schwierigkeiten haben kann, einen Akt der Tugend zu tun, aufgrund von Schläfrigkeit oder einer Indisposition des Körpers.