III, q. 86 a. 5
Ob die Überreste der Sünde entfernt werden, wenn eine Todsünde vergeben wird?
Quaestio 86 · Von der Wirkung der Buße hinsichtlich der Vergebung der Todsünde.
Einwand 1: Es scheint, dass alle Überreste der Sünde entfernt werden, wenn eine Todsünde vergeben wird. Denn Augustinus sagt in De Poenitentia [De vera et falsa Poenitentia, dessen Urheberschaft unbekannt ist]: „Unser Herr hat niemals jemanden geheilt, ohne ihn gänzlich zu befreien; denn Er heilte den Mann am Sabbat gänzlich, da Er seinen Körper von aller Krankheit und seine Seele von allem Makel befreite.“ Nun gehören die Überreste der Sünde zur Krankheit der Sünde. Daher scheint es nicht möglich, dass irgendwelche Überreste der Sünde verbleiben, wenn die Schuld vergeben wurde.
Einwand 2: Ferner ist gemäß Dionysius (Div. Nom. iv) „das Gute wirksamer als das Böse, da das Böse nur kraft irgendeines Guten wirkt.“ Nun zieht sich der Mensch durch das Sündigen den Makel der Sünde auf einmal zu. Viel mehr wird er daher durch die Reue auch von allen Überresten der Sünde befreit.
Einwand 3: Ferner ist Gottes Werk wirksamer als das des Menschen. Nun werden durch die Übung guter menschlicher Werke die Überreste gegenteiliger Sünden entfernt. Viel mehr werden sie daher durch die Vergebung der Schuld weggenommen, welche ein Werk Gottes ist.
Dagegen spricht, dass wir lesen (Mk 8), dass der Blinde, den unser Herr erleuchtete, zuerst zu unvollkommenem Sehen wiederhergestellt wurde, weshalb er sagte (Mk 8,24): „Ich sehe die Menschen, als wären es Bäume, die umhergehen“; und danach wurde er vollkommen wiederhergestellt, „so dass er alle Dinge klar sah“. Nun bezeichnet die Erleuchtung des Blinden die Befreiung des Sünders. Daher verbleiben nach der ersten Vergebung der Sünde, wodurch der Sünder zum geistlichen Sehen wiederhergestellt wird, noch einige Überreste seiner vergangenen Sünde in ihm.
Ich antworte darauf, dass die Todsünde, insofern sie sich ungeordnet einem veränderlichen Gut zuwendet, in der Seele eine gewisse Disposition oder sogar einen Habitus hervorruft, wenn die Handlungen häufig wiederholt werden. Nun wurde oben gesagt (Artikel [4]), dass die Schuld der Todsünde durch die Gnade vergeben wird, welche die Abwendung des Geistes von Gott entfernt. Dennoch, wenn das, was auf Seiten der Abwendung ist, durch die Gnade weggenommen wurde, kann das, was auf Seiten der ungeordneten Hinwendung zu einem veränderlichen Gut ist, verbleiben, da dies ohne das andere geschehen kann, wie oben festgestellt (Artikel [4]). Folglich gibt es keinen Grund, warum nach der Vergebung der Schuld die durch vorangegangene Handlungen verursachten Dispositionen nicht verbleiben sollten, welche die Überreste der Sünde genannt werden. Doch verbleiben sie geschwächt und vermindert, so dass sie den Menschen nicht beherrschen, und sie sind eher nach der Art von Dispositionen als von Habitus, wie der „Zunder“ (fomes), der nach der Taufe verbleibt.
Antwort auf Einwand 1: Gott heilt den ganzen Menschen vollkommen; aber manchmal plötzlich, wie die Schwiegermutter des Petrus sofort zu vollkommener Gesundheit wiederhergestellt wurde, so dass sie „aufstand und ihnen diente“ (Lk 4,39), und manchmal stufenweise, wie wir oben (Frage [44], Artikel [3], ad 2) über den Blinden sagten, der sehend gemacht wurde (Mt 8). Und so wendet Er auch manchmal das Herz des Menschen mit solcher Macht, dass es sofort vollkommene geistliche Gesundheit empfängt, wobei nicht nur die Schuld vergeben, sondern alle Überreste der Sünde entfernt werden, wie es bei Magdalena der Fall war (Lk 7); wohingegen Er zu anderen Zeiten zuerst die Schuld durch die wirkende Gnade vergibt und danach durch die mitwirkende Gnade die Überreste der Sünde stufenweise entfernt.
Antwort auf Einwand 2: Auch die Sünde ruft manchmal sofort eine schwache Disposition hervor, wie sie das Ergebnis einer einzigen Handlung ist, und manchmal eine stärkere Disposition, das Ergebnis vieler Handlungen.
Antwort auf Einwand 3: Eine einzige menschliche Handlung entfernt nicht alle Überreste der Sünde, weil, wie in den Prädikamenten (Categor. viii) festgestellt wird, „ein lasterhafter Mensch durch das Tun guter Werke nur wenig Fortschritt machen wird, so dass er etwas besser wird, aber wenn er in der guten Übung fortfährt, wird er am Ende gut sein hinsichtlich der erworbenen Tugend.“ Aber Gottes Gnade tut dies viel wirksamer, sei es durch eine oder durch mehrere Handlungen.