III, q. 86 a. 2
Ob eine Sünde ohne Buße vergeben werden kann?
Quaestio 86 · Von der Wirkung der Buße hinsichtlich der Vergebung der Todsünde.
Einwand 1: Es scheint, dass eine Sünde ohne Buße vergeben werden kann. Denn die Macht Gottes ist in Bezug auf Erwachsene nicht geringer als in Bezug auf Kinder. Er vergibt aber die Sünden der Kinder ohne Buße. Daher vergibt Er auch Erwachsenen ohne Buße.
Einwand 2: Ferner hat Gott seine Macht nicht an die Sakramente gebunden. Die Buße ist aber ein Sakrament. Daher kann durch Gottes Macht Sünde ohne Buße vergeben werden.
Einwand 3: Ferner ist Gottes Barmherzigkeit größer als die des Menschen. Nun vergibt der Mensch manchmal einem anderen, der ihn beleidigt hat, ohne dass dieser bereut; weshalb unser Herr uns gebot (Mt 5,44): „Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen.“ Umso mehr vergibt daher Gott den Menschen, die ihn beleidigen, ohne dass sie bereuen.
Dagegen spricht, dass der Herr sagte (Jer 18,8): „Wenn jenes Volk ... Buße tut über sein Unheil“, das sie getan haben, „so will auch ich das Unheil reuen, das ich ihnen zu tun gedachte“, so dass andererseits, wenn der Mensch „keine Buße tut“, es scheint, dass Gott ihm seine Sünde nicht vergeben wird.
Ich antworte darauf, dass es unmöglich ist, dass eine aktuelle Todsünde ohne Buße vergeben wird, wenn wir von der Buße als Tugend sprechen. Denn da die Sünde eine Beleidigung Gottes ist, vergibt Er die Sünde auf dieselbe Weise, wie Er eine gegen Ihn begangene Beleidigung vergibt. Nun steht eine Beleidigung direkt der Gnade entgegen, da man sagt, ein Mensch sei einem anderen gram, weil er ihn von seiner Gnade [Gunst] ausschließt. Wie nun in der Prima Secundae, Frage [110], Artikel [1] dargelegt wurde, besteht der Unterschied zwischen der Gnade Gottes und der Gnade des Menschen darin, dass letztere keine wahre oder scheinbare Güte in dem Begnadeten bewirkt, sondern sie voraussetzt, wohingegen die Gnade Gottes Güte in dem Menschen bewirkt, der begnadet wird, weil der gute Wille Gottes, der durch das Wort „Gnade“ bezeichnet wird, die Ursache alles geschaffenen Guten ist. Daher ist es möglich, dass ein Mensch eine Beleidigung vergibt, wegen derer er jemandem gram ist, ohne dass sich der Wille des letzteren ändert; aber es ist unmöglich, dass Gott einem Menschen eine Beleidigung vergibt, ohne dass dessen Wille geändert wird. Nun rührt die Beleidigung der Todsünde daher, dass der Wille des Menschen von Gott abgewandt ist, indem er sich einem veränderlichen Gut zugewandt hat. Folglich ist es für die Vergebung dieser Beleidigung gegen Gott notwendig, dass der Wille des Menschen so geändert wird, dass er sich Gott zuwendet und der Hinwendung zu etwas anderem in der besagten Weise entsagt, zusammen mit dem Vorsatz der Besserung; all dies gehört zur Natur der Buße als Tugend. Daher ist es unmöglich, dass jemandem eine Sünde ohne Buße als Tugend vergeben wird.
Aber das Sakrament der Buße wird, wie oben dargelegt (Frage [88], Artikel [3]), durch das priesterliche Amt des Bindens und Lösens vollendet, ohne welches Gott Sünden vergeben kann, so wie Christus der Ehebrecherin verzieh, wie in Joh 8 berichtet wird, und der Sünderin, wie in Lk 7 berichtet wird, deren Sünden Er jedoch nicht ohne die Tugend der Buße vergab: denn wie Gregor feststellt (Hom. xxxiii in Evang.), „zog Er innerlich durch Gnade“, d.h. durch Buße, „jene an sich, die Er äußerlich durch Seine Barmherzigkeit aufnahm.“
Antwort auf Einwand 1: Bei Kindern gibt es nur die Erbsünde, die nicht in einer aktuellen Unordnung des Willens besteht, sondern in einer habituellen Unordnung der Natur, wie in der Prima Secundae, Frage [82], Artikel [1] erklärt wurde, und so wird bei ihnen die Vergebung der Sünde von einer habituellen Änderung begleitet, die aus der Eingießung der Gnade und der Tugenden resultiert, aber nicht von einer aktuellen Änderung. Andererseits gibt es im Falle eines Erwachsenen, in dem aktuelle Sünden vorliegen, die in einer aktuellen Unordnung des Willens bestehen, keine Vergebung der Sünden, selbst nicht in der Taufe, ohne eine aktuelle Änderung des Willens, welche die Wirkung der Buße ist.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument fasst die Buße als Sakrament auf.
Antwort auf Einwand 3: Gottes Barmherzigkeit ist mächtiger als die des Menschen, indem sie den Willen des Menschen zur Reue bewegt, was die Barmherzigkeit des Menschen nicht tun kann.