III, q. 85 a. 6
Ob die Buße die erste der Tugenden ist?
Quaestio 85 · Von der Buße als Tugend
Einwand 1: Es scheint, dass die Buße die erste der Tugenden ist. Denn zu Mt 3,2, „Tut Buße“ usw., sagt eine Glosse: „Die erste Tugend ist, den alten Menschen zu zerstören und die Sünde mittels der Buße zu hassen.“
Einwand 2: Ferner scheint die Abkehr von einem Extrem der Annäherung an das andere vorauszugehen. Nun scheinen alle anderen Tugenden die Annäherung an ein Ziel zu betreffen, weil sie alle den Menschen anleiten, Gutes zu tun; wohingegen die Buße ihn anleitet, sich vom Bösen abzuwenden. Daher scheint es, dass die Buße allen anderen Tugenden vorausgeht.
Einwand 3: Ferner ist vor der Buße Sünde in der Seele. Nun ist keine Tugend mit der Sünde in der Seele vereinbar. Also geht keine Tugend der Buße voraus, die selbst die erste von allen ist und den anderen die Tür öffnet, indem sie die Sünde austreibt.
Dagegen spricht: Die Buße folgt aus Glaube, Hoffnung und Liebe, wie bereits gesagt (Artikel [2],5). Also ist die Buße nicht die erste der Tugenden.
Ich antworte darauf: Wenn wir von den Tugenden sprechen, betrachten wir nicht die zeitliche Ordnung hinsichtlich der Habitus, weil, da die Tugenden miteinander verbunden sind, wie in der FS, Quaestio [65], Artikel [1] gesagt, sie alle zur gleichen Zeit beginnen, in der Seele zu sein; sondern eine wird gesagt, der anderen in der Ordnung der Natur vorauszugehen, welche Ordnung von der Ordnung ihrer Akte abhängt, insofern der Akt einer Tugend den Akt einer anderen voraussetzt. Dementsprechend muss man also sagen, dass selbst in der zeitlichen Ordnung gewisse lobenswerte Akte dem Akt und dem Habitus der Buße vorausgehen können, z.B. Akte des toten Glaubens und der Hoffnung und ein Akt der knechtischen Furcht; während der Akt und Habitus der Liebe zeitgleich sind mit dem Akt und Habitus der Buße und mit den Habitus der anderen Tugenden. Denn wie in der FS, Quaestio [113], Artikel [7],8 gesagt wurde, sind in der Rechtfertigung des Gottlosen die Bewegung des freien Willens zu Gott hin, welche ein Akt des durch die Liebe belebten Glaubens ist, und die Bewegung des freien Willens gegen die Sünde, welche der Akt der Buße ist, gleichzeitig. Doch von diesen beiden Akten geht der erstere dem letzteren von Natur aus voraus, weil der Akt der Tugend der Buße gegen die Sünde gerichtet ist aus Liebe zu Gott; wobei der erstgenannte Akt der Grund und die Ursache des zweiten ist.
Folglich ist die Buße nicht schlechthin die erste der Tugenden, weder in der zeitlichen Ordnung noch in der Ordnung der Natur, weil in der Ordnung der Natur die theologischen Tugenden ihr schlechthin vorausgehen. Dennoch ist sie in gewisser Hinsicht die erste der anderen Tugenden in der zeitlichen Ordnung, was ihren Akt betrifft, weil dieser Akt der erste in der Rechtfertigung des Gottlosen ist; wohingegen in der Ordnung der Natur die anderen Tugenden vorauszugehen scheinen, wie das Natürliche dem Akzidentellen vorausgeht; weil die anderen Tugenden für das Wohl des Menschen aufgrund ihrer eigentlichen Natur notwendig zu sein scheinen, wohingegen die Buße nur notwendig ist, wenn etwas, nämlich die Sünde, vorausgesetzt wird, wie oben gesagt (Quaestio [55], Artikel [2]), als wir von der Beziehung des Sakraments der Buße zu den anderen vorgenannten Sakramenten sprachen.
Antwort auf Einwand 1: Diese Glosse ist so zu verstehen, dass der Akt der Buße der erste ist in zeitlicher Hinsicht, im Vergleich zu den Akten der anderen Tugenden.
Antwort auf Einwand 2: Bei aufeinanderfolgenden Bewegungen geht die Abkehr von einem Extrem der Annäherung an das andere zeitlich voraus; und auch in der Ordnung der Natur, wenn wir das Subjekt betrachten, d.h. die Ordnung der Materialursache; aber wenn wir die Ordnung der Wirk- und Zweckursachen betrachten, ist die Annäherung an das Ziel das Erste, denn dies ist es, was die Wirkursache zuallererst beabsichtigt: und es ist diese Ordnung, die wir hauptsächlich in den Akten der Seele betrachten, wie in Phys. ii gesagt.
Antwort auf Einwand 3: Die Buße öffnet den anderen Tugenden die Tür, weil sie die Sünde durch die Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe austreibt, die ihr in der Ordnung der Natur vorausgehen; doch öffnet sie ihnen die Tür so, dass sie zur gleichen Zeit eintreten wie sie: weil in der Rechtfertigung des Gottlosen zur gleichen Zeit, wie der freie Wille zu Gott hin und gegen die Sünde bewegt wird, die Sünde vergeben und die Gnade eingegossen wird, und mit der Gnade alle Tugenden, wie in der FS, Quaestio [65], Artikel [3],5 gesagt.