III, q. 85 a. 2
Ob die Buße eine spezielle Tugend ist?
Quaestio 85 · Von der Buße als Tugend
Einwand 1: Es scheint, dass die Buße keine spezielle Tugend ist. Denn es scheint, dass sich das Freuen über das Gute, das man getan hat, und das Trauern über das Böse, das man getan hat, als Akte derselben Natur verhalten. Aber die Freude über das Gute, das man getan hat, ist keine spezielle Tugend, sondern eine lobenswerte Regung, die aus der Liebe hervorgeht, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 7,8,9): weshalb der Apostel sagt (1 Kor 13,6), dass die Liebe „sich nicht über die Ungerechtigkeit freut, sondern sich mit der Wahrheit freut“. Daher ist in gleicher Weise auch die Buße, welche Trauer über vergangene Sünden ist, keine spezielle Tugend, sondern eine Regung, die aus der Liebe resultiert.
Einwand 2: Ferner hat jede spezielle Tugend ihre spezielle Materie, weil Habitus durch ihre Akte und Akte durch ihre Objekte unterschieden werden. Aber die Buße hat keine spezielle Materie, weil ihre Materie vergangene Sünden in jedweder Materie sind. Also ist die Buße keine spezielle Tugend.
Einwand 3: Ferner wird nichts entfernt außer durch sein Gegenteil. Aber die Buße entfernt alle Sünden. Also ist sie allen Sünden entgegengesetzt und folglich keine spezielle Tugend.
Dagegen spricht: Das Gesetz hat eine spezielle Vorschrift über die Buße, wie oben gesagt (Quaestio [84], Artikel [5],7).
Ich antworte darauf: Wie in der FS, Quaestio [54], Artikel [1], ad 1, Artikel [2] gesagt, werden Habitus spezifisch unterschieden gemäß der Spezies ihrer Akte, so dass, wann immer ein Akt einen speziellen Grund hat, lobenswert zu sein, notwendigerweise ein spezieller Habitus vorhanden sein muss. Nun ist offensichtlich, dass es einen speziellen Grund gibt, den Akt der Buße zu loben, weil er auf die Zerstörung der vergangenen Sünde abzielt, betrachtet als eine Beleidigung Gottes, was auf keine andere Tugend zutrifft. Wir müssen daher schließen, dass die Buße eine spezielle Tugend ist.
Antwort auf Einwand 1: Ein Akt entspringt der Liebe auf zweifache Weise: erstens, indem er von der Liebe hervorgebracht wird, und ein solcher tugendhafter Akt erfordert keine andere Tugend als die Liebe, z.B. das Gute zu lieben, sich darin zu freuen und über das zu trauern, was ihm entgegengesetzt ist. Zweitens entspringt ein Akt der Liebe, indem er sozusagen von der Liebe befohlen wird; und so, da die Liebe alle Tugenden befiehlt, insofern sie sie auf ihr eigenes Ziel hinordnet, kann ein Akt, der aus der Liebe entspringt, auch zu einer anderen speziellen Tugend gehören. Dementsprechend, wenn wir im Akt des Büßers das bloße Missfallen an der vergangenen Sünde betrachten, gehört es unmittelbar zur Liebe, in gleicher Weise wie die Freude über vergangene gute Taten; aber die Absicht, auf die Zerstörung der vergangenen Sünde abzuzielen, erfordert eine spezielle Tugend, die der Liebe untergeordnet ist.
Antwort auf Einwand 2: Tatsächlich hat die Buße zwar eine allgemeine Materie, insofern sie alle Sünden betrachtet; aber sie tut dies unter einem speziellen Aspekt, insofern sie durch einen Akt des Menschen in Zusammenarbeit mit Gott zu seiner Rechtfertigung geheilt werden können.
Antwort auf Einwand 3: Jede spezielle Tugend entfernt formal den Habitus des entgegengesetzten Lasters, so wie Weiße die Schwärze vom selben Subjekt entfernt: aber die Buße entfernt jede Sünde effektiv, insofern sie auf die Zerstörung der Sünden hinwirkt, gemäß dem, wie sie durch die Gnade Gottes verzeihbar sind, wenn der Mensch damit zusammenwirkt. Daher folgt nicht, dass sie eine allgemeine Tugend ist.