III, q. 85 a. 5
Ob die Buße aus der Furcht entspringt?
Quaestio 85 · Von der Buße als Tugend
Einwand 1: Es scheint, dass die Buße nicht aus der Furcht entspringt. Denn die Buße entspringt dem Missfallen an der Sünde. Dies aber gehört zur Liebe, wie oben gesagt (Artikel [3]). Also entspringt die Buße eher aus der Liebe als aus der Furcht.
Einwand 2: Ferner werden Menschen zur Buße bewegt durch die Erwartung des Himmelreichs, gemäß Mt 3,2 und Mt 4,17: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe.“ Nun ist das Himmelreich Gegenstand der Hoffnung. Also resultiert die Buße eher aus der Hoffnung als aus der Furcht.
Einwand 3: Ferner ist Furcht ein innerer Akt des Menschen. Aber die Buße scheint nicht durch irgendein Werk des Menschen in uns zu entstehen, sondern durch das Wirken Gottes, gemäß Jer 31,19: „Nachdem du mich bekehrt hast, tat ich Buße.“ Also resultiert die Buße nicht aus der Furcht.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Jes 26,17): „Wie eine schwangere Frau, wenn sie der Zeit ihrer Entbindung nahe kommt, Schmerzen hat und in ihren Wehen schreit, so werden wir“, durch die Buße nämlich; und gemäß einer anderen [*Septuaginta] Version fährt der Text fort: „Aus Furcht vor dir, o Herr, haben wir empfangen und waren gleichsam in Wehen und haben den Geist des Heils hervorgebracht“, d.h. der heilsamen Buße, wie aus dem Vorhergehenden klar ist. Also resultiert die Buße aus der Furcht.
Ich antworte darauf: Wir können von der Buße auf zwei Arten sprechen: erstens hinsichtlich des Habitus, und dann wird sie unmittelbar von Gott eingegossen, ohne dass wir als Hauptursachen wirken, aber nicht ohne dass wir dispositiv durch gewisse Akte mitwirken. Zweitens können wir von der Buße sprechen im Hinblick auf die Akte, wodurch wir in der Buße mit dem wirkenden Gott zusammenwirken, deren erstes Prinzip [*Vgl. FS, Quaestio [113]] das Wirken Gottes in der Bekehrung des Herzens ist, gemäß Klgl 5,21: „Bekehre uns, o Herr, zu dir, und wir werden bekehrt werden“; das zweite ein Akt des Glaubens; das dritte eine Regung der knechtischen Furcht, wodurch ein Mensch aus Furcht vor Strafe von der Sünde abgezogen wird; das vierte eine Regung der Hoffnung, wodurch ein Mensch einen Vorsatz der Besserung fasst, in der Hoffnung, Vergebung zu erlangen; das fünfte eine Regung der Liebe, wodurch die Sünde dem Menschen um ihrer selbst willen missfällt und nicht mehr um der Strafe willen; das sechste eine Regung der kindlichen Furcht, wodurch ein Mensch aus eigenem Antrieb anbietet, Gott aus Furcht vor Ihm Wiedergutmachung zu leisten.
Dementsprechend ist offensichtlich, dass der Akt der Buße aus der knechtischen Furcht als aus der ersten Regung des Begehrens in dieser Richtung resultiert und aus der kindlichen Furcht als aus ihrem unmittelbaren und eigentlichen Prinzip.
Antwort auf Einwand 1: Die Sünde beginnt einem Menschen, besonders einem Sünder, wegen der Strafen zu missfallen, welche die knechtische Furcht betrachtet, bevor sie ihm missfällt, weil sie eine Beleidigung Gottes ist oder wegen ihrer Bosheit, was zur Liebe gehört.
Antwort auf Einwand 2: Wenn gesagt wird, das Himmelreich sei nahe, so ist zu verstehen, dass der König auf dem Weg ist, nicht nur um zu belohnen, sondern auch um zu strafen. Weshalb Johannes der Täufer sagte (Mt 3,7): „Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gezeigt, dem kommenden Zorn zu entfliehen?“
Antwort auf Einwand 3: Auch die Regung der Furcht geht von Gottes Akt der Herzensbekehrung aus; weshalb geschrieben steht (Dtn 5,29): „Wer wird ihnen geben, einen solchen Sinn zu haben, mich zu fürchten?“ Und so hindert die Tatsache, dass die Buße aus der Furcht resultiert, nicht, dass sie aus dem Akt Gottes in der Bekehrung des Herzens resultiert.