III, q. 83 a. 1
Ob Christus in diesem Sakrament geopfert wird?
Quaestio 83 · Vom Ritus dieses Sakramentes
Einwand 1: Es scheint, dass Christus bei der Feier dieses Sakramentes nicht geopfert wird. Denn es steht geschrieben (Hebr 10,14), dass „Christus durch eine einzige Darbringung für immer die vollendet hat, die geheiligt werden.“ Jene Darbringung aber war seine eigene Darbringung. Also wird Christus bei der Feier dieses Sakramentes nicht geopfert.
Einwand 2: Ferner geschah das Opfer Christi am Kreuz, wo „Er sich selbst für uns als Gabe und Opfer für Gott zum lieblichen Geruch hingegeben hat“, wie es in Eph 5,2 heißt. Aber Christus wird bei der Feier dieses Geheimnisses nicht gekreuzigt. Also wird er auch nicht geopfert.
Einwand 3: Ferner sind, wie Augustinus sagt (De Trin. iv), im Opfer Christi der Priester und die Opfergabe ein und dasselbe. Bei der Feier dieses Sakramentes aber sind Priester und Opfergabe nicht dasselbe. Also ist die Feier dieses Sakramentes kein Opfer Christi.
Dagegen spricht, was Augustinus im Liber Sentent. Prosp. (vgl. Ep. xcviii) sagt: „Christus wurde einmal in sich selbst geopfert, und doch wird er täglich im Sakrament geopfert.“
Ich antworte darauf, dass die Feier dieses Sakramentes aus zwei Gründen ein Opfer genannt wird. Erstens, weil, wie Augustinus sagt (Ad Simplician. ii), „die Bilder der Dinge mit den Namen der Dinge bezeichnet werden, deren Bilder sie sind; so wie wir, wenn wir ein Gemälde oder ein Fresko betrachten, sagen: ‚Das ist Cicero und das ist Sallust‘.“ Wie aber oben gesagt wurde (Quaestio [79], Artikel [1]), ist die Feier dieses Sakramentes ein Bild, das das Leiden Christi repräsentiert, welches sein wahres Opfer ist. Demgemäß wird die Feier dieses Sakramentes das Opfer Christi genannt. Daher sagt Ambrosius im Kommentar zu Hebr 10,1: „In Christus wurde ein Opfer dargebracht, das fähig ist, ewiges Heil zu geben; was tun also wir? Opfern wir es nicht jeden Tag zum Gedächtnis seines Todes?“ Zweitens wird es ein Opfer genannt im Hinblick auf die Wirkung seines Leidens: weil wir nämlich durch dieses Sakrament teilhaftig werden an der Frucht des Leidens unseres Herrn. Daher sagen wir in einem der Sonntagsgebete (Neunter Sonntag nach Pfingsten): „Sooft das Gedächtnis dieses Opfers gefeiert wird, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung.“ Folglich ist es gemäß dem ersten Grund wahr zu sagen, dass Christus geopfert wurde, sogar in den Vorbildern des Alten Testaments: daher heißt es in der Offenbarung (13,8): „Deren Namen nicht geschrieben stehen im Buch des Lebens des Lammes, das geschlachtet ist von Anbeginn der Welt.“ Aber gemäß dem zweiten Grund ist es diesem Sakrament eigen, dass Christus in seiner Feier geopfert wird.
Antwort auf Einwand 1: Wie Ambrosius sagt (Kommentar zu Hebr 10,1), „gibt es nur ein Opfer“, nämlich jenes, das Christus dargebracht hat und das wir darbringen, „und nicht viele Opfer, weil Christus nur einmal dargebracht wurde: und dieses letztere Opfer ist das Abbild des früheren. Denn so wie das, was überall dargebracht wird, ein Leib ist und nicht viele Leiber, so ist es auch nur ein Opfer.“
Antwort auf Einwand 2: Da die Feier dieses Sakramentes ein Bild ist, das das Leiden Christi repräsentiert, so repräsentiert der Altar das Kreuz selbst, auf dem Christus in seiner eigenen Gestalt geopfert wurde.
Antwort auf Einwand 3: Aus demselben Grund (vgl. Antwort auf Einwand [2]) trägt auch der Priester das Bild Christi, in dessen Person und durch dessen Kraft er die Worte der Wandlung spricht, wie aus dem oben Gesagten ersichtlich ist (Quaestio [82], Artikel [1] und 3). Und so sind gewissermaßen Priester und Opfergabe ein und dasselbe.