III, q. 78 a. 3
Ob dies die eigentliche Form für die Konsekration des Weines ist: »Das ist der Kelch meines Blutes« usw.?
Quaestio 78 · Von der Form dieses Sakramentes
Einwand 1: Es scheint, dass dies nicht die eigentliche Form für die Konsekration des Weines ist: »Das ist der Kelch meines Blutes, des Neuen und Ewigen Bundes, das Geheimnis des Glaubens, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.« Denn wie das Brot durch die Kraft der Konsekration in den Leib Christi verwandelt wird, so wird der Wein in das Blut Christi verwandelt, wie aus dem oben Gesagten klar ist (Quaestio 76, Artikel 1, 2, 3). Aber in der Form der Konsekration des Brotes wird der Leib Christi ausdrücklich erwähnt, ohne irgendeinen Zusatz. Daher wird in dieser Form das Blut Christi unpassend im gebeugten Fall (Genitiv) ausgedrückt und der Kelch im Nominativ, wenn gesagt wird: »Das ist der Kelch meines Blutes.«
Einwand 2: Ferner sind die bei der Konsekration des Brotes gesprochenen Worte nicht wirksamer als jene, die bei der Konsekration des Weines gesprochen werden, da beide Worte Christi sind. Aber sobald die Worte gesprochen sind – »Das ist mein Leib« –, ist die Konsekration des Brotes vollkommen. Daher ist, sobald diese anderen Worte geäußert sind – »Das ist der Kelch meines Blutes« –, die Konsekration des Blutes vollkommen; und so scheinen die Worte, die folgen, nicht zur Substanz der Form zu gehören, besonders da sie sich auf die Eigenschaften dieses Sakramentes beziehen.
Einwand 3: Ferner scheint das Neue Testament eine innere Eingebung zu sein, wie daraus ersichtlich ist, dass der Apostel die Worte des Jeremias (31,31) zitiert: »Ich werde dem Hause Israel einen Neuen Bund vollenden... Ich werde meine Gesetze in ihren Sinn geben« (Hebr 8,8). Ein Sakrament aber ist eine äußere sichtbare Handlung. Daher sind in der Form des Sakramentes die Worte »des Neuen Bundes« unpassend hinzugefügt.
Einwand 4: Ferner wird ein Ding neu genannt, das nahe dem Anfang seiner Existenz ist. Was aber ewig ist, hat keinen Anfang seiner Existenz. Daher ist es unkorrekt zu sagen »des Neuen und Ewigen«, weil es nach einem Widerspruch zu schmecken scheint.
Einwand 5: Ferner sollten Anlässe zum Irrtum von den Menschen ferngehalten werden, gemäß Jes 57,14: »Räumt die Stolpersteine aus dem Weg meines Volkes.« Einige aber sind in den Irrtum gefallen zu denken, dass Christi Leib und Blut nur mystisch in diesem Sakrament gegenwärtig seien. Daher ist es unangebracht, »das Geheimnis des Glaubens« hinzuzufügen.
Einwand 6: Ferner wurde oben gesagt (Quaestio 73, Artikel 3, ad 3), dass, wie die Taufe das Sakrament des Glaubens ist, so die Eucharistie das Sakrament der Liebe ist. Folglich sollte in dieser Form eher das Wort »Liebe« als »Glaube« verwendet werden.
Einwand 7: Ferner ist das Ganze dieses Sakramentes, sowohl hinsichtlich des Leibes als auch des Blutes, ein Gedächtnis des Leidens unseres Herrn, gemäß 1 Kor 11,26: »Sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn.« Folglich sollte eher in der Form der Konsekration des Blutes Erwähnung von Christi Leiden und dessen Frucht gemacht werden als in der Form der Konsekration des Leibes, besonders da unser Herr sagte: »Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird« (Lk 22,19).
Einwand 8: Ferner genügte, wie bereits bemerkt wurde (Quaestio 48, Artikel 2; Quaestio 49, Artikel 3), Christi Leiden für alle; während es hinsichtlich seiner Wirksamkeit für viele nützlich war. Daher sollte gesagt werden: »Welches für alle vergossen wird«, oder sonst »für viele«, ohne hinzuzufügen »für euch«.
Einwand 9: Ferner beziehen die Worte, durch die dieses Sakrament konsekriert wird, ihre Wirksamkeit aus der Einsetzung Christi. Aber kein Evangelist berichtet, dass Christus all diese Worte sprach. Daher ist dies keine angemessene Form für die Konsekration des Weines.
Dagegen spricht, dass die Kirche, von den Aposteln unterwiesen, diese Form verwendet.
Ich antworte darauf, dass es bezüglich dieser Form eine zweifache Meinung gibt. Einige haben behauptet, dass allein die Worte »Das ist der Kelch meines Blutes« zur Substanz dieser Form gehören, nicht aber jene Worte, die folgen. Dies scheint nun unkorrekt, weil die Worte, die ihnen folgen, Bestimmungen des Prädikats sind, das heißt des Blutes Christi; folglich gehören sie zur Integrität des Ausdrucks.
Und aus diesem Grund sagen andere genauer, dass alle Worte, die folgen, zur Substanz der Form gehören, bis zu den Worten: »Sooft ihr dies tut«, welche zum Gebrauch dieses Sakramentes gehören und folglich nicht zur Substanz der Form. Daher kommt es, dass der Priester all diese Worte unter demselben Ritus und in derselben Weise ausspricht, nämlich indem er den Kelch in seinen Händen hält. Überdies sind in Lk 22,20 die folgenden Worte in die vorangehenden eingeschoben: »Das ist der Kelch, der neue Bund in meinem Blut.«
Folglich muss gesagt werden, dass alle vorgenannten Worte zur Substanz der Form gehören; dass aber durch die ersten Worte, »Das ist der Kelch meines Blutes«, die Verwandlung des Weines in Blut bezeichnet wird, wie oben erklärt (Artikel 2) in der Form für die Konsekration des Brotes; durch die Worte aber, die danach kommen, wird die Kraft des im Leiden vergossenen Blutes gezeigt, welche Kraft in diesem Sakrament wirkt und für drei Zwecke geordnet ist. Erstens und hauptsächlich zur Sicherung unseres ewigen Erbes, gemäß Hebr 10,19: »Da wir nun Zuversicht haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Christi«; und um dies zu bezeichnen, sagen wir: »des Neuen und Ewigen Bundes«. Zweitens zur Rechtfertigung durch die Gnade, welche durch den Glauben geschieht gemäß Röm 3,25.26: »Den Gott dazu bestimmt hat, eine Sühne zu sein durch den Glauben an sein Blut... damit er selbst gerecht sei und den rechtfertige, der aus dem Glauben an Jesus Christus ist«: und aus diesem Grund fügen wir hinzu: »das Geheimnis des Glaubens«. Drittens zur Entfernung der Sünden, welche die Hindernisse für beide dieser Dinge sind, gemäß Hebr 9,14: »Das Blut Christi... wird unser Gewissen reinigen von toten Werken«, das heißt von Sünden; und aus diesem Grund sagen wir: »das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden«.
Antwort auf Einwand 1: Der Ausdruck »Das ist der Kelch meines Blutes« ist eine Redefigur, die auf zwei Arten verstanden werden kann. Erstens als eine Figur der Metonymie; weil das Gefäß für den Inhalt gesetzt wird, so dass die Bedeutung ist: »Das ist mein Blut, das im Kelch enthalten ist«; wovon nun Erwähnung gemacht wird, weil Christi Blut in diesem Sakrament konsekriert wird, insofern es der Trank der Gläubigen ist, was unter dem Begriff des Blutes nicht impliziert ist; folglich musste dies durch das für solchen Gebrauch geeignete Gefäß bezeichnet werden.
Zweitens kann es im Wege der Metapher genommen werden, so dass Christi Leiden durch den Kelch verstanden wird im Wege des Vergleichs, weil es wie ein Becher berauscht, gemäß Klgl 3,15: »Er hat mich mit Bitterkeit gefüllt, er hat mich mit Wermut berauscht«: daher sprach unser Herr selbst von seinem Leiden als einem Kelch, als er sagte (Mt 26,39): »Lass diesen Kelch an mir vorübergehen«: so dass die Bedeutung ist: »Das ist der Kelch meines Leidens.« Dies wird dadurch bezeichnet, dass das Blut getrennt vom Leib konsekriert wird; denn durch das Leiden wurde das Blut vom Leib getrennt.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben gesagt wurde (ad 1; Quaestio 76, Artikel 2, ad 1), stellt das getrennt konsekrierte Blut ausdrücklich Christi Leiden dar, und deshalb wird Erwähnung von den Früchten des Leidens eher in der Konsekration des Blutes gemacht als in der des Leibes, da der Leib das Subjekt des Leidens ist. Dies wird auch in dem Ausspruch unseres Herrn aufgezeigt: »der für euch hingegeben wird«, als ob er sagte: »der für euch das Leiden erdulden wird«.
Antwort auf Einwand 3: Ein Testament ist die Verfügung über ein Erbe. Gott aber verfügte über ein himmlisches Erbe für die Menschen, das durch die Kraft des Blutes Jesu Christi verliehen werden sollte; denn gemäß Hebr 9,16: »Wo ein Testament ist, da muss notwendig der Tod des Erblassers eintreten.« Nun wurde Christi Blut den Menschen auf zwei Arten gezeigt. Zuerst in einer Vorabbildung, und dies gehört zum Alten Testament; folglich schließt der Apostel (Hebr 9,18): »Daher wurde auch der erste [Bund] nicht ohne Blut eingeweiht«, was daraus ersichtlich ist, dass, wie in Ex 24,7.8 berichtet wird, »als jedes« Gebot des Gesetzes von Mose »verlesen worden war, er das ganze Volk besprengte« und sagte: »Das ist das Blut des Bundes, den der Herr euch aufgetragen hat.«
Zweitens wurde es in voller Wahrheit gezeigt; und dies gehört zum Neuen Testament. Dies ist es, was der Apostel vorausschickt, wenn er sagt (Hebr 9,15): »Darum ist er der Mittler des Neuen Bundes, damit durch seinen Tod... die Berufenen die Verheißung des ewigen Erbes empfangen.« Folglich sagen wir hier: »Das Blut des Neuen Bundes«, weil es nun nicht in einer Vorabbildung, sondern in Wahrheit gezeigt wird; und deshalb fügen wir hinzu: »das für euch vergossen wird«. Die innere Eingebung aber hat ihren Ursprung in der Kraft dieses Blutes, insofern wir durch Christi Leiden gerechtfertigt werden.
Antwort auf Einwand 4: Dieser Bund ist ein »neuer« aufgrund seines Erscheinens: doch wird er »ewig« genannt, sowohl wegen Gottes ewiger Vorherbestimmung als auch wegen des ewigen Erbes, das durch diesen Bund bereitet wird. Überdies ist Christi Person ewig, in dessen Blut dieser Bund festgesetzt ist.
Antwort auf Einwand 5: Das Wort »Geheimnis« ist eingefügt, nicht um die Realität auszuschließen, sondern um zu zeigen, dass die Realität verborgen ist, weil Christi Blut in diesem Sakrament auf verborgene Weise ist und sein Leiden im Alten Testament dunkel vorausgeschattet war.
Antwort auf Einwand 6: Es wird das »Sakrament des Glaubens« genannt, als Gegenstand des Glaubens: weil wir allein durch den Glauben an der Gegenwart von Christi Blut in diesem Sakrament festhalten. Überdies rechtfertigt Christi Leiden durch den Glauben. Die Taufe wird das »Sakrament des Glaubens« genannt, weil sie ein Glaubensbekenntnis ist. Dies wird das »Sakrament der Liebe« genannt, als bildhaft und wirksam dafür.
Antwort auf Einwand 7: Wie oben dargelegt (ad 2), stellt das getrennt konsekrierte Blut Christi Blut ausdrücklicher dar; und deshalb wird Erwähnung von Christi Leiden und seinen Früchten eher in der Konsekration des Blutes gemacht als in der des Leibes.
Antwort auf Einwand 8: Das Blut von Christi Leiden hat seine Wirksamkeit nicht bloß in den Auserwählten unter den Juden, denen das Blut des Alten Bundes gezeigt wurde, sondern auch in den Heiden; noch nur in den Priestern, die dieses Sakrament konsekrieren, und in jenen anderen, die daran teilhaben; sondern ebenso in jenen, für die es geopfert wird. Und deshalb sagt er ausdrücklich: »für euch«, die Juden, »und für viele«, nämlich die Heiden; oder: »für euch«, die ihr davon esst, und »für viele«, für die es geopfert wird.
Antwort auf Einwand 9: Die Evangelisten beabsichtigten nicht, die Formen der Sakramente zu überliefern, die in der Urkirche verborgen gehalten werden mussten, wie Dionysius am Ende seines Buches über die kirchliche Hierarchie bemerkt; ihr Ziel war es, die Geschichte Christi zu schreiben. Dennoch können fast alle diese Worte aus verschiedenen Stellen der Schrift gesammelt werden. Denn die Worte »Das ist der Kelch« finden sich in Lk 22,20 und 1 Kor 11,25, während Matthäus in Kapitel 26,28 sagt: »Das ist mein Blut des Neuen Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.« Die hinzugefügten Worte, nämlich »ewig« und »Geheimnis des Glaubens«, wurden der Kirche von den Aposteln überliefert, die sie von unserem Herrn empfingen, gemäß 1 Kor 11,23: »Ich habe vom Herrn empfangen, was ich auch euch überliefert habe.«