III, q. 76 a. 2
Ob der ganze Christus unter jeder der beiden Gestalten dieses Sakraments enthalten ist?
Quaestio 76 · Von der Art und Weise, wie Christus in diesem Sakrament ist.
1. Einwand: Es scheint, dass der ganze Christus nicht unter beiden Gestalten dieses Sakraments enthalten ist. Denn dieses Sakrament ist zum Heil der Gläubigen bestimmt, nicht kraft der Gestalten, sondern kraft dessen, was unter den Gestalten enthalten ist, weil die Gestalten schon vor der Konsekration dort waren, woraus die Kraft dieses Sakraments kommt. Wenn also unter der einen Gestalt nichts enthalten ist als das, was unter der anderen enthalten ist, und wenn der ganze Christus unter beiden enthalten ist, scheint es, dass eine von ihnen in diesem Sakrament überflüssig ist.
2. Einwand: Ferner wurde oben gesagt (Artikel [1], zu 1), dass alle anderen Teile des Leibes, wie die Knochen, Nerven und dergleichen, unter dem Namen Fleisch begriffen sind. Das Blut aber ist einer der Teile des menschlichen Leibes, wie Aristoteles beweist (De Anima Histor. i). Wenn also das Blut Christi unter der Gestalt des Brotes enthalten ist, so wie die anderen Teile des Leibes dort enthalten sind, sollte das Blut nicht gesondert konsekriert werden, so wie kein anderer Teil des Leibes gesondert konsekriert wird.
3. Einwand: Ferner kann das, was einmal „im Sein“ ist, nicht wieder „im Werden“ sein. Der Leib Christi aber hat bereits durch die Konsekration des Brotes begonnen, in diesem Sakrament zu sein. Deshalb kann er nicht durch die Konsekration des Weines erneut beginnen, dort zu sein; und so wird der Leib Christi nicht unter der Gestalt des Weines enthalten sein, und dementsprechend auch nicht der ganze Christus. Deshalb ist der ganze Christus nicht unter jeder Gestalt enthalten.
Dagegen spricht, dass die Glosse zu 1 Kor 11,25, die das Wort „Kelch“ kommentiert, sagt, dass „unter jeder Gestalt“, nämlich von Brot und Wein, „dasselbe empfangen wird“; und so scheint es, dass Christus ganz unter jeder Gestalt ist.
Ich antworte darauf, dass nach dem, was wir oben gesagt haben (Artikel [1]), mit größter Gewissheit festgehalten werden muss, dass der ganze Christus unter jeder sakramentalen Gestalt ist, jedoch nicht auf gleiche Weise in jeder. Denn der Leib Christi ist zwar unter der Gestalt des Brotes durch die Kraft des Sakraments gegenwärtig, während das Blut dort durch reale Konkomitanz ist, wie oben gesagt wurde (Artikel [1], zu 1) in Bezug auf die Seele und Gottheit Christi; und unter der Gestalt des Weines ist das Blut durch die Kraft des Sakraments gegenwärtig, und sein Leib durch reale Konkomitanz, wie auch seine Seele und Gottheit: weil nun das Blut Christi nicht von seinem Leib getrennt ist, wie es zur Zeit seines Leidens und Todes war. Wäre dieses Sakrament also damals gefeiert worden, so wäre der Leib Christi unter der Gestalt des Brotes gewesen, aber ohne das Blut; und unter der Gestalt des Weines wäre das Blut ohne den Leib gegenwärtig gewesen, wie es damals tatsächlich war.
Antwort auf den 1. Einwand: Obwohl der ganze Christus unter jeder Gestalt ist, so ist dies doch nicht ohne Zweck. Denn erstens dient dies dazu, das Leiden Christi darzustellen, in welchem das Blut vom Leib getrennt wurde; daher wird in der Form für die Konsekration des Blutes dessen Vergießen erwähnt. Zweitens entspricht es dem Gebrauch dieses Sakraments, dass der Leib Christi den Gläubigen gesondert als Speise und das Blut als Trank dargeboten wird. Drittens entspricht es seiner Wirkung, in welchem Sinne oben gesagt wurde (Frage [74], Artikel [1]), dass „der Leib zum Heil des Leibes und das Blut zum Heil der Seele dargebracht wird“.
Antwort auf den 2. Einwand: Im Leiden Christi, dessen Gedächtnis dies ist, wurden die anderen Teile des Leibes nicht voneinander getrennt, wie das Blut, sondern der Leib blieb unversehrt, gemäß Ex 12,46: „Ihr sollt kein Bein daran zerbrechen.“ Und deshalb wird in diesem Sakrament das Blut getrennt vom Leib konsekriert, aber kein anderer Teil wird getrennt von den übrigen konsekriert.
Antwort auf den 3. Einwand: Wie oben gesagt, ist der Leib Christi nicht durch die Kraft des Sakraments unter der Gestalt des Weines, sondern durch reale Konkomitanz: und deshalb ist der Leib Christi durch die Konsekration des Weines nicht aus sich selbst dort, sondern begleitend.