III, q. 76 a. 1
Ob der ganze Christus unter diesem Sakrament enthalten ist?
Quaestio 76 · Von der Art und Weise, wie Christus in diesem Sakrament ist.
1. Einwand: Es scheint, dass der ganze Christus nicht unter diesem Sakrament enthalten ist, weil Christus durch die Verwandlung von Brot und Wein beginnt, in diesem Sakrament zu sein. Es ist aber offensichtlich, dass Brot und Wein weder in die Gottheit noch in die Seele Christi verwandelt werden können. Da also Christus in drei Substanzen existiert, nämlich der Gottheit, der Seele und dem Leib, wie oben gezeigt wurde (Frage [2], Artikel [5]; Frage [5], Artikel [1], 3), scheint es, dass der ganze Christus nicht unter diesem Sakrament ist.
2. Einwand: Ferner ist Christus insofern in diesem Sakrament, als es zur Erquickung der Gläubigen bestimmt ist, welche in Speise und Trank besteht, wie oben gesagt wurde (Frage [74], Artikel [1]). Unser Herr aber sagte (Joh 6,56): „Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise, und mein Blut ist wahrhaft ein Trank.“ Deshalb sind nur das Fleisch und das Blut Christi in diesem Sakrament enthalten. Es gibt aber viele andere Teile des Leibes Christi, zum Beispiel die Nerven, Knochen und dergleichen. Deshalb ist der ganze Christus nicht unter diesem Sakrament enthalten.
3. Einwand: Ferner kann ein Körper von größerer Quantität nicht unter dem Maß eines kleineren enthalten sein. Das Maß von Brot und Wein ist aber viel kleiner als das Maß des Leibes Christi. Deshalb ist es unmöglich, dass der ganze Christus unter diesem Sakrament enthalten ist.
Dagegen spricht, was Ambrosius sagt (De Officiis): „Christus ist in diesem Sakrament.“
Ich antworte darauf, dass es gemäß dem katholischen Glauben absolut notwendig ist zu bekennen, dass der ganze Christus in diesem Sakrament ist. Doch muss man wissen, dass etwas von Christus auf zweifache Weise in diesem Sakrament ist: erstens gleichsam durch die Kraft des Sakraments; zweitens durch natürliche Konkomitanz. Durch die Kraft des Sakraments ist unter den Gestalten dieses Sakraments dasjenige, in welches die vorher existierende Substanz von Brot und Wein verwandelt wird, wie es durch die Worte der Form ausgedrückt wird, die hierin wie in den anderen Sakramenten wirksam sind; zum Beispiel durch die Worte: „Das ist mein Leib“ oder „Das ist mein Blut“. Durch natürliche Konkomitanz aber ist in diesem Sakrament auch das, was real mit jenem Ding vereinigt ist, worin die besagte Verwandlung ihren Abschluss findet. Denn wenn irgendwelche zwei Dinge real vereinigt sind, dann muss, wo immer das eine real ist, auch das andere sein: da real vereinigte Dinge nur durch eine Operation des Geistes unterschieden werden.
Antwort auf den 1. Einwand: Weil die Verwandlung von Brot und Wein nicht bei der Gottheit oder der Seele Christi endet, folgt daraus, dass die Gottheit oder die Seele Christi nicht durch die Kraft des Sakraments in diesem Sakrament ist, sondern durch reale Konkomitanz. Da nämlich die Gottheit den angenommenen Leib niemals abgelegt hat, muss notwendigerweise dort, wo der Leib Christi ist, auch die Gottheit sein; und deshalb ist es notwendig, dass die Gottheit begleitend (konkomitierend) mit seinem Leib in diesem Sakrament ist. Daher lesen wir im Glaubensbekenntnis von Ephesus (P. I., Kap. xxvi): „Wir werden teilhaftig des Leibes und Blutes Christi, nicht als ob wir gemeines Fleisch nähmen, noch das eines heiligen Mannes, der mit dem Wort in Würde vereinigt ist, sondern das wahrhaft lebensspendende Fleisch des Wortes selbst.“
Andererseits war seine Seele wahrhaft von seinem Leib getrennt, wie oben gesagt wurde (Frage [50], Artikel [5]). Und wäre dieses Sakrament während jener drei Tage gefeiert worden, als er tot war, so wäre die Seele Christi nicht dort gewesen, weder durch die Kraft des Sakraments noch durch reale Konkomitanz. Da aber „Christus, von den Toten auferstanden, nicht mehr stirbt“ (Röm 6,9), ist seine Seele immer real mit seinem Leib vereinigt. Und deshalb ist in diesem Sakrament der Leib Christi zwar durch die Kraft des Sakraments gegenwärtig, seine Seele aber durch reale Konkomitanz.
Antwort auf den 2. Einwand: Durch die Kraft des Sakraments ist unter ihm, was die Gestalt des Brotes betrifft, nicht nur das Fleisch, sondern der ganze Leib Christi enthalten, das heißt die Knochen, die Nerven und dergleichen. Und dies ist aus der Form dieses Sakraments ersichtlich, worin nicht gesagt wird: „Das ist mein Fleisch“, sondern „Das ist mein Leib“. Wenn dementsprechend unser Herr sagte (Joh 6,56): „Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise“, so steht dort das Wort Fleisch für den ganzen Leib, weil es nach menschlichem Brauch zum Essen geeigneter scheint, da Menschen sich gewöhnlich vom Fleisch der Tiere ernähren, nicht aber von den Knochen oder dergleichen.
Antwort auf den 3. Einwand: Wie bereits gesagt wurde (Frage [75], Artikel [5]), bleiben nach der Konsekration des Brotes in den Leib Christi oder des Weines in sein Blut die Akzidentien beider bestehen. Daraus ist ersichtlich, dass die Dimensionen von Brot oder Wein nicht in die Dimensionen des Leibes Christi verwandelt werden, sondern Substanz in Substanz. Und so ist die Substanz des Leibes oder Blutes Christi durch die Kraft des Sakraments unter diesem Sakrament, nicht aber die Dimensionen des Leibes oder Blutes Christi. Daher ist klar, dass der Leib Christi in diesem Sakrament „nach Art der Substanz“ ist und nicht nach Art der Quantität. Die eigentliche Ganzheit der Substanz aber ist unterschiedslos in einer kleinen oder großen Quantität enthalten; wie die ganze Natur der Luft in einer großen oder kleinen Menge Luft und die ganze Natur eines Menschen in einem großen oder kleinen Individuum. Deshalb ist nach der Konsekration die ganze Substanz des Leibes und Blutes Christi in diesem Sakrament enthalten, so wie die ganze Substanz von Brot und Wein vor der Konsekration dort enthalten war.