III, q. 73 a. 3
Ob die Eucharistie heilsnotwendig ist?
Quaestio 73 · Vom Sakrament der Eucharistie
Einwand 1: Es scheint, dass dieses Sakrament heilsnotwendig ist. Denn unser Herr sagte (Joh 6,54): „Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esst und sein Blut trinkt, werdet ihr das Leben nicht in euch haben.“ Aber das Fleisch Christi wird in diesem Sakrament gegessen und sein Blut getrunken. Daher kann der Mensch ohne dieses Sakrament nicht die Gesundheit des geistlichen Lebens haben.
Einwand 2: Ferner ist dieses Sakrament eine Art geistliche Speise. Aber körperliche Speise ist für die körperliche Gesundheit erforderlich. Daher ist auch dieses Sakrament für die geistliche Gesundheit erforderlich.
Einwand 3: Ferner ist die Eucharistie, wie die Taufe, das Sakrament des Leidens unseres Herrn, ohne das es kein Heil gibt. Denn der Apostel sagt (1 Kor 11,26): „Denn sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ Folglich ist dieses Sakrament ebenso heilsnotwendig wie die Taufe.
Dagegen spricht, Augustinus schreibt (Ad Bonifac. contra Pelag. I): „Du sollst auch nicht annehmen, dass Kinder das Leben nicht besitzen können, die des Leibes und Blutes Christi beraubt sind.“
Ich antworte darauf, In diesem Sakrament sind zwei Dinge zu betrachten, nämlich das Sakrament selbst und das, was darin enthalten ist. Nun wurde oben dargelegt (Artikel [1], Einwand [2]), dass die Realität des Sakraments die Einheit des mystischen Leibes ist, ohne die es kein Heil geben kann; denn es gibt keinen Eintritt in das Heil außerhalb der Kirche, so wie es zur Zeit der Sintflut keinen außerhalb der Arche gab, welche die Kirche bezeichnet, gemäß 1 Petr 3,20.21. Und es wurde oben gesagt (Quaestio [68], Artikel [2]), dass vor dem Empfang eines Sakraments die Realität des Sakraments durch das bloße Verlangen nach dem Empfang des Sakraments erlangt werden kann. Dementsprechend kann ein Mensch vor dem tatsächlichen Empfang dieses Sakraments das Heil durch das Verlangen nach dessen Empfang erlangen, so wie er es vor der Taufe durch das Verlangen nach der Taufe kann, wie oben dargelegt (Quaestio [68], Artikel [2]). Doch gibt es einen Unterschied in zweierlei Hinsicht. Erstens, weil die Taufe der Anfang des geistlichen Lebens und die Tür zu den Sakramenten ist; wohingegen die Eucharistie gleichsam die Vollendung des geistlichen Lebens und das Ziel aller Sakramente ist, wie oben bemerkt wurde (Quaestio [63], Artikel [6]): denn durch die Heiligungen aller Sakramente wird die Vorbereitung für den Empfang oder die Konsekration der Eucharistie getroffen. Folglich ist der Empfang der Taufe notwendig, um das geistliche Leben zu beginnen, während der Empfang der Eucharistie für dessen Vollendung erforderlich ist; indem man nicht tatsächlich, sondern im Verlangen daran teilhat, so wie ein Ziel im Verlangen und in der Absicht besessen wird. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass der Mensch durch die Taufe auf die Eucharistie hingeordnet wird, und daher sind Kinder, dadurch dass sie getauft werden, von der Kirche für die Eucharistie bestimmt; und so wie sie durch den Glauben der Kirche glauben, so verlangen sie die Eucharistie durch die Intention der Kirche und empfangen infolgedessen deren Realität. Aber sie sind durch kein vorhergehendes Sakrament für die Taufe disponiert, und folglich haben sie vor dem Empfang der Taufe in keiner Weise die Taufe im Verlangen; sondern nur Erwachsene haben dies: folglich können sie die Realität des Sakraments nicht haben, ohne das Sakrament selbst zu empfangen. Daher ist dieses Sakrament nicht auf dieselbe Weise heilsnotwendig wie die Taufe.
Antwort auf Einwand 1: Wie Augustinus sagt, indem er Joh 6,54 erklärt („Diese Speise und dieser Trank“, nämlich seines Fleisches und Blutes): „Er möchte, dass wir die Gemeinschaft seines Leibes und seiner Glieder verstehen, welche die Kirche in seinen Vorherbestimmten und Berufenen und Gerechtfertigten und Verherrlichten, seinen Heiligen und Gläubigen ist.“ Daher sagt er in seinem Brief an Bonifatius (Pseudo-Beda, in 1 Kor 10,17): „Niemand sollte den geringsten Zweifel hegen, dass dann jeder der Gläubigen ein Teilhaber des Leibes und Blutes Christi wird, wenn er in der Taufe zu einem Glied des Leibes Christi gemacht wird; noch wird er seines Anteils an jenem Leib und Kelch beraubt, selbst wenn er aus dieser Welt in der Einheit des Leibes Christi scheidet, bevor er jenes Brot isst und von jenem Kelch trinkt.“
Antwort auf Einwand 2: Der Unterschied zwischen körperlicher und geistlicher Speise liegt darin, dass erstere in die Substanz der genährten Person verwandelt wird und folglich nicht zur Erhaltung des Lebens nützen kann, außer sie wird genossen; aber geistliche Speise verwandelt den Menschen in sich selbst, gemäß jenem Wort des Augustinus (Confess. vii), dass er die Stimme Christi hörte, die gleichsam zu ihm sagte: „Du wirst mich nicht in dich verwandeln, wie die Speise deines Fleisches, sondern du wirst in mich verwandelt werden.“ Aber man kann in Christus verwandelt und ihm durch geistiges Verlangen einverleibt werden, auch ohne dieses Sakrament zu empfangen. Und folglich greift der Vergleich nicht.
Antwort auf Einwand 3: Die Taufe ist das Sakrament des Todes und Leidens Christi, insofern der Mensch in Christus kraft seines Leidens neu geboren wird; aber die Eucharistie ist das Sakrament des Leidens Christi, insofern der Mensch in der Vereinigung mit Christus, der gelitten hat, vollendet wird. Daher wird die Taufe das Sakrament des Glaubens genannt, welcher das Fundament des geistlichen Lebens ist, so wie die Eucharistie das Sakrament der Liebe genannt wird, welche „das Band der Vollkommenheit“ ist (Kol 3,14).