III, q. 63 a. 5
Ob ein Charakter aus der Seele getilgt werden kann?
Quaestio 63 · Von der anderen Wirkung der Sakramente, welche der Charakter ist.
Einwand 1: Es scheint, dass ein Charakter aus der Seele getilgt werden kann. Denn je vollkommener ein Akzidens ist, desto fester haftet es seinem Subjekt an. Aber die Gnade ist vollkommener als ein Charakter; weil ein Charakter auf die Gnade als auf einen weiteren Zweck hingeordnet ist. Nun geht die Gnade durch Sünde verloren. Viel mehr also geht ein Charakter so verloren.
Einwand 2: Ferner wird ein Mensch durch einen Charakter zum Gottesdienst abgeordnet, wie oben gesagt (Artikel [3],4). Aber einige gehen durch den Abfall vom Glauben vom Gottesdienst zu einem entgegengesetzten Kult über. Es scheint daher, dass solche den sakramentalen Charakter verlieren.
Einwand 3: Ferner, wenn der Zweck aufhört, sollten auch die Mittel zum Zweck aufhören: so wird es nach der Auferstehung keine Ehe geben, weil die Zeugung aufhören wird, welche der Zweck der Ehe ist. Nun wird der äußere Kult, auf den ein Charakter hingeordnet ist, im Himmel nicht fortdauern, wo es keine Schatten geben wird, sondern alles Wahrheit ohne Schleier sein wird. Daher dauert der sakramentale Charakter in der Seele nicht ewig fort: und folglich kann er getilgt werden.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Contra Parmen. ii): „Die christlichen Sakramente sind nicht weniger dauerhaft als das körperliche Merkmal“ des Militärdienstes. Aber der Charakter des Militärdienstes wird nicht wiederholt, sondern in dem Mann „erkannt und gebilligt“, der die Vergebung des Kaisers erlangt, nachdem er ihn beleidigt hat. Daher kann auch der sakramentale Charakter nicht getilgt werden.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Artikel [3]), die Gläubigen Christi in einem sakramentalen Charakter Anteil an seinem Priestertum haben; in dem Sinne, dass, wie Christus die volle Vollmacht eines geistlichen Priestertums hat, so seine Gläubigen ihm angeglichen werden, indem sie eine gewisse geistliche Vollmacht in Bezug auf die Sakramente und auf Dinge, die den Gottesdienst betreffen, teilen. Aus diesem Grund ist es unpassend, dass Christus einen Charakter haben sollte: aber sein Priestertum wird mit einem Charakter verglichen, wie das, was vollständig und vollkommen ist, mit einer gewissen Teilhabe an sich selbst verglichen wird. Nun ist das Priestertum Christi ewig, gemäß Ps 109,4: „Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.“ Folglich ist jede Heiligung, die durch sein Priestertum gewirkt wird, immerwährend und dauert so lange an, wie das geheiligte Ding andauert. Dies ist sogar bei unbelebten Dingen klar; denn die Weihe einer Kirche oder eines Altars dauert ewig an, es sei denn, sie werden zerstört. Da also das Subjekt eines Charakters die Seele hinsichtlich ihres intellektiven Teils ist, wo der Glaube wohnt, wie oben gesagt (Artikel [4], ad 3), ist es klar, dass, da der Intellekt ewig und unvergänglich ist, ein Charakter nicht aus der Seele getilgt werden kann.
Antwort auf Einwand 1: Sowohl Gnade als auch Charakter sind in der Seele, aber auf unterschiedliche Weise. Denn die Gnade ist in der Seele als eine Form, die darin ein vollständiges Sein hat: während ein Charakter in der Seele als ein instrumentelles Vermögen ist, wie oben gesagt (Artikel [2]). Nun ist eine vollständige Form in ihrem Subjekt gemäß der Bedingung des Subjekts. Und da die Seele, solange sie ein Pilger ist, in Bezug auf den freien Willen veränderlich ist, folgt daraus, dass die Gnade in der Seele auf veränderliche Weise ist. Aber ein instrumentelles Vermögen folgt eher der Bedingung des Hauptwirkenden: und folglich existiert ein Charakter in der Seele auf unauslöschliche Weise, nicht aufgrund irgendeiner eigenen Vollkommenheit, sondern aufgrund der Vollkommenheit des Priestertums Christi, von dem der Charakter wie ein instrumentelles Vermögen herfließt.
Antwort auf Einwand 2: Wie Augustinus sagt (Contra Parmen. ii), „werden selbst Apostaten ihrer Taufe nicht beraubt, denn wenn sie bereuen und zur Herde zurückkehren, empfangen sie sie nicht noch einmal; woraus wir schließen, dass sie nicht verloren gehen kann.“ Der Grund dafür ist, dass ein Charakter ein instrumentelles Vermögen ist, wie oben gesagt (ad 1), und die Natur eines Instruments als solchem ist es, von einem anderen bewegt zu werden, nicht aber sich selbst zu bewegen; dies kommt dem Willen zu. Folglich, wie sehr auch der Wille in die entgegengesetzte Richtung bewegt wird, wird der Charakter nicht entfernt, aufgrund der Unbeweglichkeit des Hauptbewegers.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl der äußere Kult nach diesem Leben nicht andauert, bleibt doch sein Zweck bestehen. Folglich bleibt nach diesem Leben der Charakter, sowohl bei den Guten zur Mehrung ihrer Herrlichkeit als auch bei den Bösen zur Mehrung ihrer Schande: so wie der Charakter des Militärdienstes bei den Soldaten nach dem Sieg bleibt, als Ruhm der Sieger und Schande der Besiegten.