III, q. 63 a. 1
Ob ein Sakrament der Seele einen Charakter einprägt?
Quaestio 63 · Von der anderen Wirkung der Sakramente, welche der Charakter ist.
Einwand 1: Es scheint, dass ein Sakrament der Seele keinen Charakter einprägt. Denn das Wort „Charakter“ scheint eine Art unterscheidendes Zeichen zu bedeuten. Die Glieder Christi aber unterscheiden sich von den anderen durch die ewige Vorherbestimmung, welche nichts in den Vorherbestimmten setzt, sondern nur in Gott, der vorherbestimmt, wie wir im ersten Teil (Frage [23], Artikel [2]) dargelegt haben. Denn es steht geschrieben (2 Tim 2,19): „Das feste Fundament Gottes besteht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die Seinen.“ Daher prägen die Sakramente der Seele keinen Charakter ein.
Einwand 2: Ferner ist ein Charakter ein unterscheidendes Zeichen. Ein Zeichen aber ist, wie Augustinus sagt (De Doctr. Christ. ii), „das, was über die Gestalt hinaus, die es den Sinnen aufprägt, etwas anderes in das Denken bringt.“ Aber nichts in der Seele kann den Sinnen eine Gestalt aufprägen. Daher scheint es, dass durch die Sakramente kein Charakter in die Seele eingeprägt wird.
Einwand 3: Ferner, wie der Gläubige vom Ungläubigen durch die Sakramente des Neuen Gesetzes unterschieden wird, so war es auch unter dem Alten Gesetz. Aber die Sakramente des Alten Gesetzes prägten keinen Charakter ein; weshalb sie vom Apostel „Rechtsvorschriften des Fleisches“ (Hebr 9,10) genannt werden. Daher tun dies anscheinend auch die Sakramente des Neuen Gesetzes nicht.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (2 Kor 1,21.22): „Gott ist es aber, der uns ... gesalbt hat, der uns auch sein Siegel aufgedrückt und das Unterpfand des Geistes in unsere Herzen gegeben hat.“ Ein Charakter aber bedeutet nichts anderes als eine Art Siegelung. Daher scheint es, dass Gott uns durch die Sakramente seinen Charakter einprägt.
Ich antworte darauf, dass, wie aus dem bereits Gesagten (Frage [62], Artikel [5]) hervorgeht, die Sakramente des Neuen Gesetzes zu einem doppelten Zweck hingeordnet sind: nämlich als Heilmittel gegen die Sünden und zur Vervollkommnung der Seele in den Dingen, die den Gottesdienst gemäß dem Ritus des christlichen Lebens betreffen. Wann immer nun jemand zu einem bestimmten Zweck abgeordnet wird, pflegt er ein äußeres Zeichen dafür zu empfangen; so wurden in alten Zeiten Soldaten, die in das Heer eintraten, mit bestimmten Charakteren (Merkmalen) am Körper gezeichnet, da sie zu einem körperlichen Dienst abgeordnet waren. Da nun die Menschen durch die Sakramente zu einem geistlichen Dienst abgeordnet werden, der den Gottesdienst betrifft, folgt daraus, dass die Gläubigen durch sie einen gewissen geistlichen Charakter empfangen. Weshalb Augustinus sagt (Contra Parmen. ii): „Wenn ein Deserteur aus Furcht vor dem militärischen Zeichen an seinem Körper sich der Milde des Kaisers unterwirft und, nachdem er Gnade erfleht und erhalten hat, zum Kampf zurückkehrt: wird dann jener Charakter erneuert, wenn der Mann befreit und zurechtgewiesen ist? Wird er nicht vielmehr anerkannt und gebilligt? Sind die christlichen Sakramente etwa von geringerer Dauer als dieses körperliche Merkmal?“
Antwort auf Einwand 1: Die Gläubigen Christi sind durch das Siegel der göttlichen Vorherbestimmung zum Lohn der zukünftigen Herrlichkeit bestimmt. Aber zu Handlungen, die der gegenwärtigen Kirche angemessen sind, werden sie durch ein gewisses geistliches Siegel abgeordnet, das ihnen aufgesetzt wird und Charakter genannt wird.
Antwort auf Einwand 2: Der der Seele eingeprägte Charakter ist insofern eine Art Zeichen, als er durch ein sinnlich wahrnehmbares Sakrament eingeprägt wird: denn wir wissen, dass jemand den Taufcharakter empfangen hat, weil er durch das sinnlich wahrnehmbare Wasser gereinigt wurde. Dennoch kann aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit alles, was ein Ding einem anderen angleicht oder ein Ding von einem anderen unterscheidet, auch wenn es nicht sinnlich wahrnehmbar ist, Charakter oder Siegel genannt werden; so nennt der Apostel Christus die „Figur“ oder den {charakter} „der Substanz des Vaters“ (Hebr 1,3).
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt (Frage [62], Artikel [6]), hatten die Sakramente des Alten Gesetzes in sich keine geistliche Kraft, eine geistliche Wirkung hervorzubringen. Folglich war in jenen Sakramenten kein geistlicher Charakter notwendig, und die körperliche Beschneidung genügte, welche der Apostel ein „Siegel“ nennt (Röm 4,11).