III, q. 62 a. 5
Ob die Sakramente des Neuen Gesetzes ihre Kraft aus dem Leiden Christi herleiten?
Quaestio 62 · Von der Hauptwirkung der Sakramente, welche die Gnade ist.
Einwand 1: Es scheint, dass die Sakramente des Neuen Gesetzes ihre Kraft nicht aus dem Leiden Christi herleiten. Denn die Kraft der Sakramente liegt im Bewirken der Gnade, welche das Prinzip des geistigen Lebens in der Seele ist. Aber wie Augustinus sagt (Tract. xix in Joan.): „Das Wort, wie es im Anfang bei Gott war, macht die Seelen lebendig; wie es Fleisch geworden ist, macht es die Leiber lebendig.“ Da also das Leiden Christi zum Wort als Fleisch geworden gehört, scheint es, dass es nicht die Kraft der Sakramente verursachen kann.
Einwand 2: Ferner scheint die Kraft der Sakramente vom Glauben abzuhängen. Denn wie Augustinus sagt (Tract. lxxx in Joan.), vollendet das göttliche Wort das Sakrament „nicht weil es gesprochen wird, sondern weil es geglaubt wird“. Aber unser Glaube betrachtet nicht nur das Leiden Christi, sondern auch die anderen Geheimnisse seiner Menschheit, und in noch höherem Maße seine Gottheit. Also scheint es, dass die Kraft der Sakramente nicht speziell auf das Leiden Christi zurückzuführen ist.
Einwand 3: Ferner sind die Sakramente zur Rechtfertigung des Menschen hingeordnet, gemäß 1 Kor. 6,11: „Ihr seid abgewaschen ... ihr seid gerechtfertigt.“ Nun wird die Rechtfertigung der Auferstehung zugeschrieben, gemäß Röm. 4,25: „(Der) auferstanden ist zu unserer Rechtfertigung.“ Also scheint es, dass die Sakramente ihre Kraft eher aus der Auferstehung Christi herleiten als aus seinem Leiden.
Dagegen spricht, dass zu Röm. 5,14: „Nach der Ähnlichkeit der Übertretung Adams“ usw., die Glosse sagt: „Aus der Seite des am Kreuz entschlafenen Christus flossen die Sakramente, die der Kirche das Heil brachten.“ Folglich scheint es, dass die Sakramente ihre Kraft aus dem Leiden Christi herleiten.
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Artikel [1]), wirkt ein Sakrament beim Bewirken der Gnade nach der Art eines Werkzeugs. Nun ist ein Werkzeug zweifach: das eine getrennt, wie zum Beispiel ein Stock; das andere verbunden, wie eine Hand. Überdies wird das getrennte Werkzeug mittels des verbundenen Werkzeugs bewegt, wie ein Stock durch die Hand. Nun ist die hauptsächliche Wirkursache der Gnade Gott selbst, im Vergleich zu dem die Menschheit Christi wie ein verbundenes Werkzeug ist, wohingegen das Sakrament wie ein getrenntes Werkzeug ist. Folglich muss die heilbringende Kraft von den Sakramenten aus der Gottheit Christi durch seine Menschheit hergeleitet werden.
Nun scheint die sakramentale Gnade prinzipiell auf zwei Dinge hingeordnet zu sein: nämlich die Mängel wegzunehmen, die auf vergangene Sünden folgen, insofern sie in der Tat vorübergehend sind, aber in der Schuld fortdauern; und ferner, die Seele in Dingen zu vervollkommnen, die den göttlichen Kult in Bezug auf die christliche Religion betreffen. Es ist aber offenkundig aus dem, was oben dargelegt wurde (Frage [48], Artikel [1],2,6; Frage [49], Artikel [1],3), dass Christus uns von unseren Sünden prinzipiell durch sein Leiden erlöst hat, nicht nur im Wege der Wirksamkeit und des Verdienstes, sondern auch im Wege der Genugtuung. Ebenso hat er durch sein Leiden die Riten der christlichen Religion eingeweiht, indem er „sich selbst darbrachte – eine Gabe und ein Opfer für Gott“ (Eph. 5,2). Daher ist es offenkundig, dass die Sakramente der Kirche ihre Kraft speziell aus dem Leiden Christi herleiten, dessen Kraft uns gewissermaßen durch unseren Empfang der Sakramente vereint wird. Zum Zeichen dessen flossen aus der Seite des am Kreuz hängenden Christus Wasser und Blut, wovon ersteres zur Taufe gehört, letzteres zur Eucharistie, welche die vornehmsten Sakramente sind.
Antwort auf Einwand 1: Das Wort, insofern es im Anfang bei Gott war, macht die Seelen als Hauptwirkender lebendig; aber sein Fleisch und die darin vollbrachten Geheimnisse sind wie Werkzeugursachen im Prozess, der Seele Leben zu geben: während sie beim Lebendigmachen des Körpers nicht nur als Werkzeugursachen wirken, sondern auch bis zu einem gewissen Grad als Vorbilder, wie wir oben dargelegt haben (Frage [56], Artikel [1], ad 3).
Antwort auf Einwand 2: Christus wohnt in uns „durch den Glauben“ (Eph. 3,17). Folglich wird uns durch den Glauben die Kraft Christi vereint. Nun gehört die Kraft, Sünde zu tilgen, in besonderer Weise seinem Leiden zu. Und daher werden die Menschen von der Sünde besonders durch den Glauben an sein Leiden befreit, gemäß Röm. 3,25: „Den Gott vorgestellt hat als Sühne durch den Glauben an sein Blut.“ Daher wird die Kraft der Sakramente, die zur Vergebung der Sünden hingeordnet ist, prinzipiell aus dem Glauben an das Leiden Christi hergeleitet.
Antwort auf Einwand 3: Die Rechtfertigung wird der Auferstehung zugeschrieben aufgrund des Begriffs „wohin“, welcher die Neuheit des Lebens durch die Gnade ist. Aber sie wird dem Leiden zugeschrieben aufgrund des Begriffs „woher“, d.h. in Bezug auf die Vergebung der Sünde.