III, q. 62 a. 1
Ob die Sakramente Ursache der Gnade sind?
Quaestio 62 · Von der Hauptwirkung der Sakramente, welche die Gnade ist.
Einwand 1: Es scheint, dass die Sakramente nicht Ursache der Gnade sind. Denn es scheint, dass ein und dasselbe nicht zugleich Zeichen und Ursache ist: da der Charakter des Zeichens eher mit einer Wirkung übereinzustimmen scheint. Ein Sakrament aber ist ein Zeichen der Gnade. Also ist es nicht ihre Ursache.
Einwand 2: Ferner kann nichts Körperliches auf ein geistiges Ding einwirken: da „das Wirkende vorzüglicher ist als das Leidende“, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. xii). Das Subjekt der Gnade aber ist der menschliche Geist, welcher etwas Geistiges ist. Also können die Sakramente keine Gnade bewirken.
Einwand 3: Ferner sollte das, was Gott eigen ist, nicht einem Geschöpf zugeschrieben werden. Es ist aber Gott eigen, Gnade zu bewirken, gemäß Ps. 83,12: „Gnade und Herrlichkeit wird der Herr geben.“ Da also die Sakramente aus gewissen Worten und geschaffenen Dingen bestehen, scheint es, dass sie keine Gnade bewirken können.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Tract. lxxx in Joan.), das Taufwasser „berührt den Körper und reinigt das Herz“. Das Herz aber wird nicht gereinigt außer durch die Gnade. Also bewirkt es Gnade: und aus gleichem Grund tun dies auch die anderen Sakramente der Kirche.
Ich antworte darauf, dass man sagen muss, dass die Sakramente des Neuen Gesetzes auf irgendeine Weise Gnade bewirken. Denn es ist offensichtlich, dass der Mensch durch die Sakramente des Neuen Gesetzes Christus eingegliedert wird: so sagt der Apostel über die Taufe (Gal. 3,27): „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ Der Mensch aber wird ein Glied Christi allein durch die Gnade.
Einige jedoch sagen, dass sie nicht durch ihre eigene Wirksamkeit Ursache der Gnade sind, sondern insofern, als Gott die Gnade in der Seele bewirkt, wenn die Sakramente gespendet werden. Und sie geben als Beispiel einen Mann an, der, wenn er eine bleierne Münze vorzeigt, auf Befehl des Königs hundert Pfund erhält: nicht als ob die bleierne Münze durch irgendeine eigene Wirksamkeit bewirkte, dass ihm jene Geldsumme gegeben wird; dies ist vielmehr die Wirkung des bloßen Willens des Königs. Daher sagt Bernhard in einer Predigt über das Abendmahl des Herrn: „Wie ein Kanoniker durch ein Buch, ein Abt durch einen Stab, ein Bischof durch einen Ring investiert wird, so werden durch die verschiedenen Sakramente verschiedene Arten der Gnade verliehen.“ Wenn wir aber die Frage richtig untersuchen, werden wir sehen, dass gemäß der obigen Weise die Sakramente bloße Zeichen sind. Denn die bleierne Münze ist nichts als ein Zeichen des königlichen Befehls, dass dieser Mann Geld erhalten soll. In gleicher Weise ist das Buch ein Zeichen für die Verleihung eines Kanonikats. Daher wären nach dieser Meinung die Sakramente des Neuen Gesetzes bloße Zeichen der Gnade; wohingegen wir es auf die Autorität vieler Heiliger hin haben, dass die Sakramente des Neuen Gesetzes die Gnade nicht nur bezeichnen, sondern auch bewirken.
Wir müssen daher anders sagen, dass eine Wirkursache zweifach ist: die Hauptursache und die Werkzeugursache. Die Hauptursache wirkt durch die Kraft ihrer Form, welcher Form die Wirkung angeglichen wird; so wie Feuer durch seine eigene Hitze etwas heiß macht. Auf diese Weise kann niemand außer Gott Gnade bewirken: da Gnade nichts anderes ist als eine teilhabende Ähnlichkeit der göttlichen Natur, gemäß 2 Petr. 1,4: „Er hat uns die größten und kostbaren Verheißungen geschenkt, damit ihr teilhaftig werdet der göttlichen Natur.“ Die Werkzeugursache aber wirkt nicht durch die Kraft ihrer Form, sondern nur durch die Bewegung, mit der sie vom Hauptwirkenden bewegt wird: so dass die Wirkung nicht dem Werkzeug angeglichen wird, sondern dem Hauptwirkenden: zum Beispiel gleicht das Bettgestell nicht der Axt, sondern der Kunst, die im Geist des Handwerkers ist. Und so bewirken die Sakramente des Neuen Gesetzes Gnade: denn sie sind von Gott eingesetzt, um zu dem Zweck angewendet zu werden, Gnade zu verleihen. Daher sagt Augustinus (Contra Faust. xix): „All diese Dinge“, nämlich die zu den Sakramenten gehörenden, „geschehen und vergehen, aber die Kraft“, nämlich Gottes, „die durch sie wirkt, bleibt immer.“ Nun ist das, eigentlich gesprochen, ein Werkzeug, womit jemand wirkt: weshalb geschrieben steht (Tit. 3,5): „Er hat uns gerettet durch das Bad der Wiedergeburt.“
Antwort auf Einwand 1: Die Hauptursache kann nicht eigentlich ein Zeichen ihrer Wirkung genannt werden, selbst wenn letztere verborgen und die Ursache selbst sinnlich wahrnehmbar und offenbar ist. Aber eine Werkzeugursache kann, wenn sie offenbar ist, ein Zeichen einer verborgenen Wirkung genannt werden, aus diesem Grund, dass sie nicht bloß eine Ursache ist, sondern gewissermaßen auch eine Wirkung, insofern sie vom Hauptwirkenden bewegt wird. Und in diesem Sinne sind die Sakramente des Neuen Gesetzes sowohl Ursache als auch Zeichen. Daher kommt es auch, dass sie, um den gebräuchlichen Ausdruck zu verwenden, „bewirken, was sie bezeichnen“. Daraus ist klar, dass sie die Bedingungen eines Sakraments vollkommen erfüllen; da sie auf etwas Heiliges hingeordnet sind, nicht nur als Zeichen, sondern auch als Ursache.
Antwort auf Einwand 2: Ein Werkzeug hat eine zweifache Tätigkeit; eine ist instrumentell, in Bezug auf welche es nicht durch seine eigene Kraft wirkt, sondern durch die Kraft des Hauptwirkenden: die andere ist seine eigentliche Tätigkeit, die ihm in Bezug auf seine eigene Form zukommt: so kommt es einer Axt zu, aufgrund ihrer Schärfe zu trennen, aber ein Bettgestell zu machen, insofern sie das Werkzeug einer Kunst ist. Aber sie vollendet die instrumentelle Tätigkeit nicht, außer indem sie ihre eigentliche Tätigkeit ausübt: denn indem sie schneidet, macht sie ein Bettgestell. In gleicher Weise vollenden die körperlichen Sakramente durch ihre Wirksamkeit, die sie auf den Körper ausüben, den sie berühren, durch die göttliche Einsetzung eine instrumentelle Wirksamkeit auf die Seele; zum Beispiel reinigt das Wasser der Taufe in Bezug auf seine eigentliche Kraft den Körper, und dadurch, insofern es das Werkzeug der göttlichen Kraft ist, reinigt es die Seele: da aus Seele und Körper ein Ding gemacht ist. Und so ist es, dass Augustinus sagt (Gen. ad lit. xii), dass es „den Körper berührt und das Herz reinigt“.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument betrachtet das, was Gnade als Hauptwirkender bewirkt; denn dies kommt Gott allein zu, wie oben dargelegt.