III, q. 62 a. 4
Ob in den Sakramenten eine Kraft ist, Gnade zu bewirken?
Quaestio 62 · Von der Hauptwirkung der Sakramente, welche die Gnade ist.
Einwand 1: Es scheint, dass in den Sakramenten keine Kraft ist, Gnade zu bewirken. Denn die Kraft, Gnade zu bewirken, ist eine geistige Kraft. Aber eine geistige Kraft kann nicht in einem Körper sein; weder als ihm eigen, weil Kraft aus dem Wesen eines Dinges fließt und folglich dieses nicht übersteigen kann; noch als von etwas anderem abgeleitet, weil das, was in irgendetwas empfangen wird, der Weise des Empfängers folgt. Also ist in den Sakramenten keine Kraft, Gnade zu bewirken.
Einwand 2: Ferner ist alles, was existiert, auf irgendeine Art des Seins und irgendeinen Grad des Guten zurückführbar. Aber es gibt keine zuweisbare Art des Seins, zu der eine solche Kraft gehören kann; wie jeder sehen kann, der sie alle durchgeht. Noch ist sie auf irgendeinen Grad des Guten zurückführbar; denn weder ist sie eines der Güter von geringstem Wert, da Sakramente heilsnotwendig sind: noch ist sie ein mittleres Gut, wie es die Kräfte der Seele sind, welche natürliche Kräfte sind; noch ist sie eines der größeren Güter, denn sie ist weder Gnade noch eine Tugend des Geistes. Also scheint es, dass in den Sakramenten keine Kraft ist, Gnade zu bewirken.
Einwand 3: Ferner, wenn eine solche Kraft in den Sakramenten wäre, müsste ihre Anwesenheit dort auf nichts Geringeres als einen Schöpfungsakt Gottes zurückzuführen sein. Aber es scheint unziemlich, dass ein so vorzügliches, von Gott geschaffenes Wesen aufhören sollte zu existieren, sobald das Sakrament vollendet ist. Also scheint es, dass in den Sakramenten keine Kraft ist, Gnade zu bewirken.
Einwand 4: Ferner kann dasselbe Ding nicht in mehreren sein. Aber mehrere Dinge wirken bei der Vollendung eines Sakraments zusammen, nämlich Worte und Dinge: während in einem Sakrament nur eine Kraft sein kann. Also scheint es, dass in den Sakramenten keine Kraft ist, Gnade zu bewirken.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Tract. lxxx in Joan.): „Woher hat das Wasser so große Kraft, dass es den Körper berührt und das Herz reinigt?“ Und Beda sagt, dass „Unser Herr den Wassern durch die Berührung seines reinsten Leibes eine Kraft der Wiedergeburt verliehen hat.“
Ich antworte darauf, Jene, die behaupten, dass die Sakramente Gnade nicht anders als durch ein gewisses Zusammentreffen bewirken, sprechen den Sakramenten jegliche Kraft ab, die selbst die sakramentale Wirkung hervorbringt, und behaupten, dass die göttliche Kraft den Sakramenten beisteht und ihre Wirkung hervorbringt. Wenn wir aber festhalten, dass ein Sakrament eine Werkzeugursache der Gnade ist, müssen wir notwendigerweise zugestehen, dass in den Sakramenten eine gewisse instrumentale Kraft ist, die sakramentalen Wirkungen hervorzubringen. Nun ist eine solche Kraft dem Werkzeug angemessen: und folglich verhält sie sich im Vergleich zur vollständigen und vollkommenen Kraft irgendeines Dinges wie das Werkzeug zum Hauptwirkenden. Denn ein Werkzeug, wie oben dargelegt (Artikel [1]), wirkt nicht, außer als bewegt vom Hauptwirkenden, welcher aus sich selbst wirkt. Und daher existiert die Kraft des Hauptwirkenden in der Natur vollständig und vollkommen: wohingegen die instrumentale Kraft ein Sein hat, das von einem Ding in ein anderes übergeht und unvollständig ist; so wie Bewegung ein unvollkommener Akt ist, der vom Wirkenden auf das Leidende übergeht.
Antwort auf Einwand 1: Eine geistige Kraft kann nicht in einem körperlichen Subjekt sein nach der Art einer bleibenden und vollständigen Kraft, wie das Argument beweist. Aber es hindert nichts, dass eine instrumentale geistige Kraft in einem Körper ist; insofern ein Körper von einer bestimmten geistigen Substanz bewegt werden kann, um eine bestimmte geistige Wirkung hervorzubringen; so ist in der Stimme selbst, die von den Sinnen wahrgenommen wird, eine gewisse geistige Kraft, insofern sie aus einem geistigen Konzept hervorgeht, um den Geist des Hörers anzuregen. Auf diese Weise ist eine geistige Kraft in den Sakramenten, insofern sie von Gott zur Hervorbringung einer geistigen Wirkung hingeordnet sind.
Antwort auf Einwand 2: So wie Bewegung, da sie ein unvollkommener Akt ist, nicht eigentlich in einer Gattung ist, sondern auf eine Gattung des vollkommenen Aktes zurückführbar ist, zum Beispiel Veränderung auf die Gattung der Qualität: so ist die instrumentale Kraft, eigentlich gesprochen, nicht in irgendeiner Gattung, sondern auf eine Gattung und Spezies des vollkommenen Aktes zurückführbar.
Antwort auf Einwand 3: So wie eine instrumentale Kraft einem Werkzeug dadurch zuwächst, dass es vom Hauptwirkenden bewegt wird, so empfängt ein Sakrament geistige Kraft aus dem Segen Christi und aus der Handlung des Spenders, indem er es zu einem sakramentalen Gebrauch anwendet. Daher sagt Augustinus in einer Predigt über die Erscheinung des Herrn (St. Maximus von Turin, Serm. xii): „Noch sollt ihr euch wundern, wenn wir sagen, dass Wasser, eine körperliche Substanz, die Reinigung der Seele vollbringt. Es tut dies in der Tat und dringt in jeden geheimen Schlupfwinkel des Gewissens ein. Denn fein und klar wie es ist, macht der Segen Christi es noch feiner, so dass es bis in die eigentlichen Lebensprinzipien eindringt und die innersten Winkel des Herzens durchforscht.“
Antwort auf Einwand 4: So wie die eine selbe Kraft des Hauptwirkenden instrumental in allen Werkzeugen ist, die zur Hervorbringung einer Wirkung hingeordnet sind, insofern sie eins sind, da sie so hingeordnet sind: so ist auch die eine selbe sakramentale Kraft sowohl in Worten als auch in Dingen, insofern Worte und Dinge sich verbinden, um ein Sakrament zu bilden.