III, q. 62 a. 3
Ob die Sakramente des Neuen Gesetzes Gnade enthalten?
Quaestio 62 · Von der Hauptwirkung der Sakramente, welche die Gnade ist.
Einwand 1: Es scheint, dass die Sakramente des Neuen Gesetzes keine Gnade enthalten. Denn es scheint, dass das, was enthalten ist, im Behälter ist. Aber die Gnade ist nicht in den Sakramenten; weder wie in einem Subjekt, weil das Subjekt der Gnade nicht ein Körper, sondern ein Geist ist; noch wie in einem Gefäß, denn gemäß Phys. iv ist „ein Gefäß ein beweglicher Ort“, und ein Akzidens kann nicht an einem Ort sein. Also scheint es, dass die Sakramente des Neuen Gesetzes keine Gnade enthalten.
Einwand 2: Ferner sind Sakramente als Mittel eingesetzt, wodurch Menschen Gnade erlangen mögen. Da aber Gnade ein Akzidens ist, kann sie nicht von einem Subjekt in ein anderes übergehen. Also wäre es von keiner Bedeutung, wenn Gnade in den Sakramenten wäre.
Einwand 3: Ferner wird ein geistiges Ding nicht von einem körperlichen enthalten, selbst wenn es darin ist; denn die Seele wird nicht vom Körper enthalten; vielmehr enthält sie den Körper. Da also die Gnade etwas Geistiges ist, scheint es, dass sie nicht in einem körperlichen Sakrament enthalten sein kann.
Dagegen spricht, dass Hugo von St. Viktor sagt (De Sacram. i), dass „ein Sakrament, dadurch dass es geheiligt ist, eine unsichtbare Gnade enthält“.
Ich antworte darauf, Ein Ding wird auf verschiedene Weisen als in einem anderen seiend bezeichnet; auf zwei dieser Weisen wird gesagt, dass die Gnade in den Sakramenten ist. Erstens, wie in ihrem Zeichen; denn ein Sakrament ist ein Zeichen der Gnade. Zweitens, wie in ihrer Ursache; denn, wie oben dargelegt (Artikel [1]), ist ein Sakrament des Neuen Gesetzes eine Werkzeugursache der Gnade. Daher ist die Gnade in einem Sakrament des Neuen Gesetzes, nicht hinsichtlich ihrer spezifischen Ähnlichkeit, wie eine Wirkung in ihrer univoken Ursache; noch hinsichtlich irgendeiner eigenen und bleibenden Form, die einer solchen Wirkung angemessen ist, wie Wirkungen in nicht-univoken Ursachen, zum Beispiel wie erzeugte Dinge in der Sonne sind; sondern hinsichtlich einer gewissen instrumentalen Kraft, die vorübergehend und unvollständig in ihrem natürlichen Sein ist, wie später erklärt werden wird (Artikel [4]).
Antwort auf Einwand 1: Es wird gesagt, dass Gnade in einem Sakrament ist, nicht wie in ihrem Subjekt; noch wie in einem Gefäß, das als Ort betrachtet wird, sondern verstanden als das Werkzeug irgendeines zu verrichtenden Werkes, gemäß Ez. 9,1: „Jeder hat ein Zerstörungsgefäß [Vulg.: ‚Waffe‘] in seiner Hand.“
Antwort auf Einwand 2: Obwohl ein Akzidens nicht von einem Subjekt in ein anderes übergeht, geht es dennoch auf eine Weise von seiner Ursache in sein Subjekt durch das Werkzeug über; nicht so, dass es in jedem dieser auf dieselbe Weise wäre, sondern in jedem gemäß dessen jeweiliger Natur.
Antwort auf Einwand 3: Wenn ein geistiges Ding vollkommen in etwas existiert, enthält es dieses und wird nicht von ihm enthalten. Aber in einem Sakrament hat die Gnade eine vorübergehende und unvollständige Seinsweise: und folglich ist es nicht unpassend zu sagen, dass die Sakramente Gnade enthalten.