III, q. 62 a. 2
Ob die sakramentale Gnade etwas zusätzlich zur Gnade der Tugenden und Gaben verleiht?
Quaestio 62 · Von der Hauptwirkung der Sakramente, welche die Gnade ist.
Einwand 1: Es scheint, dass die sakramentale Gnade nichts zusätzlich zur Gnade der Tugenden und Gaben verleiht. Denn die Gnade der Tugenden und Gaben vervollkommnet die Seele hinreichend, sowohl in ihrem Wesen als auch in ihren Kräften; wie aus dem klar ist, was in der FS, Frage [110], Artikel [3],4 gesagt wurde. Aber die Gnade ist auf die Vervollkommnung der Seele hingeordnet. Also kann die sakramentale Gnade nichts zusätzlich zur Gnade der Tugenden und Gaben verleihen.
Einwand 2: Ferner werden die Mängel der Seele durch Sünde verursacht. Aber alle Sünden werden durch die Gnade der Tugenden und Gaben hinreichend beseitigt: weil es keine Sünde gibt, die nicht irgendeiner Tugend entgegengesetzt ist. Da also die sakramentale Gnade auf die Beseitigung der Mängel der Seele hingeordnet ist, kann sie nichts zusätzlich zur Gnade der Tugenden und Gaben verleihen.
Einwand 3: Ferner verändert jede Hinzufügung oder Wegnahme einer Form die Spezies (Metaph. viii). Wenn also die sakramentale Gnade etwas zusätzlich zur Gnade der Tugenden und Gaben verleiht, folgt daraus, dass sie äquivok Gnade genannt wird: und so sind wir nicht klüger, wenn gesagt wird, dass die Sakramente Gnade bewirken.
Dagegen spricht: Wenn die sakramentale Gnade nichts zusätzlich zur Gnade der Tugenden und Gaben verleiht, ist es nutzlos, die Sakramente jenen zu spenden, die die Tugenden und Gaben haben. Aber es gibt nichts Nutzloses in Gottes Werken. Also scheint es, dass die sakramentale Gnade etwas zusätzlich zur Gnade der Tugenden und Gaben verleiht.
Ich antworte darauf, Wie in der FS, Frage [110], Artikel [3],4 dargelegt, vervollkommnet die Gnade, in sich betrachtet, das Wesen der Seele, insofern sie eine gewisse teilhabende Ähnlichkeit der göttlichen Natur ist. Und so wie die Kräfte der Seele aus ihrem Wesen fließen, so fließen aus der Gnade gewisse Vollkommenheiten in die Kräfte der Seele, welche Tugenden und Gaben genannt werden, wodurch die Kräfte in Bezug auf ihre Handlungen vervollkommnet werden. Nun sind die Sakramente auf gewisse besondere Wirkungen hingeordnet, die im christlichen Leben notwendig sind: so ist die Taufe auf eine gewisse geistige Wiedergeburt hingeordnet, durch die der Mensch dem Laster stirbt und ein Glied Christi wird: welche Wirkung etwas Besonderes ist, zusätzlich zu den Handlungen der Seelenkräfte: und dasselbe gilt für die anderen Sakramente. Folglich, so wie die Tugenden und Gaben zusätzlich zur allgemein so genannten Gnade eine gewisse besondere Vollkommenheit verleihen, die auf die eigentlichen Handlungen der Kräfte hingeordnet ist, so verleiht die sakramentale Gnade, über die allgemein so genannte Gnade hinaus und zusätzlich zu den Tugenden und Gaben, einen gewissen göttlichen Beistand zur Erlangung des Zwecks des Sakraments. Auf diese Weise verleiht die sakramentale Gnade etwas zusätzlich zur Gnade der Tugenden und Gaben.
Antwort auf Einwand 1: Die Gnade der Tugenden und Gaben vervollkommnet das Wesen und die Kräfte der Seele hinreichend in Bezug auf den gewöhnlichen Lebenswandel: aber in Bezug auf gewisse besondere Wirkungen, die in einem christlichen Leben notwendig sind, ist die sakramentale Gnade nötig.
Antwort auf Einwand 2: Laster und Sünden werden durch Tugenden und Gaben hinreichend beseitigt, was die gegenwärtige und zukünftige Zeit betrifft, insofern sie den Menschen daran hindern zu sündigen. Aber in Bezug auf vergangene Sünden, deren Handlungen vorübergehend sind, während ihre Schuld bleibt, wird dem Menschen in den Sakramenten ein besonderes Heilmittel bereitgestellt.
Antwort auf Einwand 3: Die sakramentale Gnade verhält sich zur allgemein so genannten Gnade wie die Spezies zur Gattung. Daher, so wie es nicht äquivok ist, den Begriff „Lebewesen“ in seinem gattungsmäßigen Sinn und angewandt auf einen Menschen zu gebrauchen, so ist es auch nicht äquivok, von der allgemein so genannten Gnade und von der sakramentalen Gnade zu sprechen.