III, q. 6 a. 6
Ob die menschliche Natur durch die Vermittlung der Gnade angenommen wurde?
Quaestio 6 · Von der Ordnung der Annahme
Einwand 1: Es scheint, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur durch die Vermittlung der Gnade angenommen hat. Denn durch die Gnade sind wir mit Gott vereint. Aber die menschliche Natur in Christus war aufs engste mit Gott vereint. Daher fand die Union durch die Gnade statt.
Einwand 2: Ferner: Wie der Körper durch die Seele lebt, die seine Vollkommenheit ist, so lebt die Seele durch die Gnade. Aber die menschliche Natur wurde durch die Seele für die Annahme geeignet gemacht. Daher nahm der Sohn Gottes die Seele durch die Vermittlung der Gnade an.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (De Trin. xv, 11), dass das inkarnierte Wort unserem gesprochenen Wort gleicht. Aber unser Wort ist mit unserer Sprache mittels des „Atems“ [spiritus] vereint. Daher ist das Wort Gottes mit dem Fleisch mittels des Heiligen Geistes vereint, und daher mittels der Gnade, die dem Heiligen Geist zugeschrieben wird, gemäß 1 Kor 12,4: „Es gibt aber Verschiedenheiten der Gnadengaben, doch denselben Geist.“
Dagegen spricht, dass die Gnade ein Akzidens in der Seele ist, wie oben gezeigt wurde (FS, Frage [110], Artikel [2]). Nun fand die Union des Wortes mit der menschlichen Natur in der Subsistenz statt und nicht akzidentell, wie oben gezeigt wurde (Frage [2], Artikel [6]). Daher wurde die menschliche Natur nicht mittels der Gnade angenommen.
Ich antworte darauf, dass in Christus die Gnade der Union und die habituelle Gnade war. Daher kann die Gnade nicht als das Medium der Annahme der menschlichen Natur verstanden werden, ob wir nun von der Gnade der Union oder von der habituellen Gnade sprechen. Denn die Gnade der Union ist das personale Sein, das der menschlichen Natur in der Person des Wortes gratis von oben gegeben ist, und ist das Ziel [terminus] der Annahme. Wohingegen die habituelle Gnade, die zur geistlichen Heiligkeit des Menschen gehört, eine Wirkung ist, die der Union folgt, gemäß Joh 1,14: „Wir sahen Seine Herrlichkeit ... als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ – wodurch uns zu verstehen gegeben wird, dass, weil dieser Mensch (als Ergebnis der Union) der Eingeborene des Vaters ist, Er voll der Gnade und Wahrheit ist. Wenn wir aber unter Gnade den Willen Gottes verstehen, der etwas gratis tut oder verleiht, fand die Union durch Gnade statt, nicht als ein Mittel, sondern als die Wirkursache.
Antwort auf Einwand 1: Unsere Union mit Gott geschieht durch Operation, insofern wir Ihn erkennen und lieben; und daher geschieht diese Union durch habituelle Gnade, insofern eine vollkommene Operation aus einem Habitus hervorgeht. Nun besteht die Union der menschlichen Natur mit dem Wort Gottes im personalen Sein, welches nicht von irgendeinem Habitus abhängt, sondern von der Natur selbst.
Antwort auf Einwand 2: Die Seele ist die substantielle Vollkommenheit des Körpers; die Gnade ist nur eine akzidentelle Vollkommenheit der Seele. Daher kann die Gnade die Seele nicht auf die personale Union hinordnen, die nicht akzidentell ist, wie die Seele den Körper hinordnet.
Antwort auf Einwand 3: Unser Wort ist mit unserer Sprache mittels des Atems [spiritus] vereint, nicht als formales Medium, sondern als bewegendes Medium. Denn vom innerlich empfangenen Wort geht der Atem aus, aus dem die Sprache geformt wird. Und ähnlich geht vom ewigen Wort der Heilige Geist aus, Der den Leib Christi formte, wie gezeigt werden wird (Frage [32], Artikel [1]). Aber daraus folgt nicht, dass die Gnade des Heiligen Geistes das formale Medium in der besagten Union ist.