III, q. 6 a. 1
Ob der Sohn Gottes das Fleisch durch die Vermittlung der Seele angenommen hat?
Quaestio 6 · Von der Ordnung der Annahme
Einwand 1: Es scheint, dass der Sohn Gottes das Fleisch nicht durch die Vermittlung der Seele angenommen hat. Denn die Art und Weise, in der der Sohn Gottes mit der menschlichen Natur und ihren Teilen vereint ist, ist vollkommener als die Art, in der er in allen Geschöpfen ist. Er ist aber in allen Geschöpfen unmittelbar durch Wesenheit, Macht und Gegenwart. Umso mehr ist also der Sohn Gottes mit dem Fleisch ohne die Vermittlung der Seele vereint.
Einwand 2: Ferner sind Seele und Fleisch mit dem Wort Gottes in der Einheit der Hypostase oder Person vereint. Der Körper aber gehört ebenso unmittelbar zur menschlichen Hypostase oder Person wie die Seele. In der Tat scheint der menschliche Körper, da er Materie ist, der Hypostase sogar näher zu stehen als die Seele, die eine Form ist, da das Prinzip der Individuation, welches im Wort „Hypostase“ impliziert ist, die Materie zu sein scheint. Daher hat der Sohn Gottes das Fleisch nicht durch die Vermittlung der Seele angenommen.
Einwand 3: Ferner: Nimm das Medium weg, und du trennst, was durch das Medium verbunden war; wenn zum Beispiel die Oberfläche entfernt wird, würde die Farbe den Körper verlassen, da sie dem Körper durch die Vermittlung der Oberfläche anhaftet. Aber obwohl die Seele durch den Tod vom Körper getrennt wurde, blieb doch die Union des Wortes mit dem Fleisch bestehen, wie gezeigt werden wird (Frage [50], Artikel [2],3). Daher wurde das Wort nicht durch die Vermittlung der Seele mit dem Fleisch verbunden.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Ep. ad Volusianum cxxxvi): „Die Größe der göttlichen Macht eignete sich eine vernunftbegabte Seele an und durch sie einen menschlichen Leib, um so den ganzen Menschen zu etwas Höherem zu erheben.“
Ich antworte darauf, dass ein Medium in Bezug auf einen Anfang und ein Ende steht. Wie also Anfang und Ende eine Ordnung implizieren, so tut dies auch ein Medium. Nun gibt es eine zweifache Ordnung: eine der Zeit, die andere der Natur. Im Geheimnis der Inkarnation aber wird nichts als Medium in der Ordnung der Zeit bezeichnet, denn das Wort Gottes hat die ganze menschliche Natur zur gleichen Zeit mit sich vereint, wie sich zeigen wird (Frage [30], Artikel [3]). Eine Ordnung der Natur zwischen Dingen kann auf zwei Arten verstanden werden: erstens hinsichtlich des Ranges der Würde, wie wir sagen, dass die Engel in der Mitte zwischen Mensch und Gott stehen; zweitens hinsichtlich der Idee der Kausalität, wie wir sagen, dass eine Ursache in der Mitte zwischen der ersten Ursache und der letzten Wirkung steht. Und diese zweite Ordnung folgt gewissermaßen der ersten; denn wie Dionysius sagt (Coel. Hier. xiii), wirkt Gott auf die entfernteren Substanzen durch die weniger entfernten ein. Wenn wir also den Rang der Würde betrachten, so findet sich die Seele in der Mitte zwischen Gott und dem Fleisch; und in dieser Weise kann gesagt werden, dass der Sohn Gottes das Fleisch durch die Vermittlung der Seele mit sich vereinte. Aber auch hinsichtlich der zweiten Ordnung der Kausalität ist die Seele gewissermaßen die Ursache dafür, dass das Fleisch mit dem Sohn Gottes vereint wird. Denn das Fleisch wäre nicht annehmbar gewesen, außer durch seine Beziehung zur vernunftbegabten Seele, durch welche es menschliches Fleisch wird. Denn es wurde oben gesagt (Frage [4], Artikel [1]), dass die menschliche Natur vor allen anderen annehmbar war.
Antwort auf Einwand 1: Wir können eine zweifache Ordnung zwischen den Geschöpfen und Gott betrachten: Die erste besteht aufgrund der Tatsache, dass die Geschöpfe von Gott verursacht sind und von Ihm als dem Prinzip ihres Seins abhängen; und so berührt Gott aufgrund der Unendlichkeit Seiner Macht jedes Ding unmittelbar, indem Er es verursacht und erhält, und so ist Gott in allen Dingen durch Wesenheit, Gegenwart und Macht. Die zweite Ordnung aber besteht aufgrund der Tatsache, dass die Dinge auf Gott als ihr Ziel hingeordnet sind; und hier gibt es ein Medium zwischen dem Geschöpf und Gott, da die niederen Geschöpfe durch die höheren auf Gott hingeordnet werden, wie Dionysius sagt (Eccl. Hier. v); und zu dieser Ordnung gehört die Annahme der menschlichen Natur durch das Wort Gottes, welches das Ziel der Annahme ist; und daher ist es mit dem Fleisch durch die Seele vereint.
Antwort auf Einwand 2: Wenn die Hypostase des Wortes Gottes einfachhin durch die menschliche Natur konstituiert würde, so folgte daraus, dass der Körper ihr am nächsten wäre, da die Materie das Prinzip der Individuation ist; so wie auch die Seele, da sie die spezifische Form ist, der menschlichen Natur näher wäre. Da aber die Hypostase des Wortes der menschlichen Natur vorausgeht und erhabener ist als sie, ist jener Teil der menschlichen Natur der Hypostase des Wortes umso näher, je erhabener er ist. Und daher ist die Seele dem Wort Gottes näher als der Körper.
Antwort auf Einwand 3: Nichts hindert daran, dass ein Ding die Ursache für die Eignung und Angemessenheit eines anderen ist, und dass dennoch, wenn es weggenommen wird, das andere bestehen bleibt; denn obwohl das Werden eines Dinges von einem anderen abhängen mag, hängt es doch, wenn es im Sein ist, nicht mehr von ihm ab, so wie eine Freundschaft, die durch einen anderen zustande kam, fortdauern kann, wenn letzterer gegangen ist; oder wie eine Frau wegen ihrer Schönheit zur Ehe genommen wird, was die Eignung der Frau für das Eheband ausmacht, doch wenn ihre Schönheit vergeht, bleibt das Eheband dennoch bestehen. So dauerte auch, als die Seele getrennt wurde, die Union des Wortes mit dem Fleisch fort.