III, q. 6 a. 3
Ob die Seele vom Sohn Gottes vor dem Fleisch angenommen wurde?
Quaestio 6 · Von der Ordnung der Annahme
Einwand 1: Es scheint, dass die Seele Christi vom Wort vor dem Fleisch angenommen wurde. Denn der Sohn Gottes nahm das Fleisch durch die Vermittlung der Seele an, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]). Nun wird das Medium vor dem Ende erreicht. Daher nahm der Sohn Gottes die Seele vor dem Körper an.
Einwand 2: Ferner ist die Seele Christi edler als die Engel, gemäß Ps 96,8: „Betet Ihn an, alle ihr Seine Engel.“ Die Engel aber wurden am Anfang erschaffen, wie oben gesagt wurde (FP, Frage [46], Artikel [3]). Daher (wurde) auch die Seele Christi (am Anfang erschaffen). Aber sie wurde nicht erschaffen, bevor sie angenommen wurde, denn Damascener sagt (De Fide Orth. iii, 2,3,9), dass „weder die Seele noch der Körper Christi jemals irgendeine Hypostase hatten außer der Hypostase des Wortes.“ Daher scheint es, dass die Seele vor dem Fleisch angenommen wurde, welches im Schoß der Jungfrau empfangen wurde.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Joh 1,14): „Wir sahen Ihn [Vulg.: 'Seine Herrlichkeit'] voller Gnade und Wahrheit“, und danach wird hinzugefügt, dass „von seiner Fülle wir alle empfangen haben“ (Joh 1,16), d.h. alle Gläubigen aller Zeiten, wie Chrysostomus es auslegt (Hom. xiii in Joan.). Dies könnte nun nicht sein, wenn die Seele Christi nicht die ganze Fülle der Gnade und Wahrheit vor allen Heiligen gehabt hätte, die seit dem Anfang der Welt waren, denn die Ursache ist der Wirkung nicht nachgeordnet. Da also die Fülle der Gnade und Wahrheit in der Seele Christi aus der Union mit dem Wort war, gemäß dem, was an derselben Stelle geschrieben steht: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“, scheint es folglich, dass die Seele Christi vom Anfang der Welt an durch das Wort Gottes angenommen war.
Dagegen spricht, dass Damascener sagt (De Fide Orth. iv, 6): „Der Intellekt wurde nicht, wie einige unwahrhaftig sagen, mit dem wahren Gott vereint und fortan Christus genannt vor der Inkarnation, die aus der Jungfrau war.“
Ich antworte darauf, dass Origenes (Peri Archon i, 7,8; ii, 8) behauptete, alle Seelen, unter die er die Seele Christi einordnete, seien am Anfang erschaffen worden. Dies ist aber nicht passend, wenn wir annehmen, dass sie zuerst erschaffen, aber nicht sogleich mit dem Wort verbunden wurde, da daraus folgen würde, dass diese Seele einst ihre eigene Subsistenz ohne das Wort hatte; und so, da sie vom Wort angenommen wurde, entweder die Union nicht in der Subsistenz stattfand oder die präexistierende Subsistenz der Seele korrumpiert wurde. Ebenso ist es nicht passend anzunehmen, dass diese Seele von Anfang an mit dem Wort vereint war und dass sie danach im Schoß der Jungfrau Fleisch wurde; denn so schiene Seine Seele nicht von derselben Natur wie die unseren zu sein, die zur gleichen Zeit erschaffen werden, da sie in die Körper eingegossen werden. Daher sagt Papst Leo (Ep. ad Julian. xxxv), dass „Christi Fleisch nicht von einer anderen Natur war als das unsere, noch wurde eine andere Seele am Anfang in es eingegossen als in andere Menschen.“
Antwort auf Einwand 1: Wie oben gesagt wurde (Artikel [1]), wird die Seele Christi als das Medium in der Union des Fleisches mit dem Wort in der Ordnung der Natur bezeichnet; aber daraus folgt nicht, dass sie das Medium in der Ordnung der Zeit war.
Antwort auf Einwand 2: Wie Papst Leo in derselben Epistel sagt, übertrifft Christi Seele unsere Seele „nicht durch Verschiedenheit der Gattung, sondern durch Erhabenheit der Macht“; denn sie ist von derselben Gattung wie unsere Seelen, übertrifft jedoch sogar die Engel an „Fülle der Gnade und Wahrheit“. Aber die Art der Erschaffung steht im Einklang mit der gattungsmäßigen Eigenschaft der Seele; und da sie die Form des Körpers ist, wird sie folglich zur gleichen Zeit erschaffen, da sie in den Körper eingegossen und mit ihm vereint wird; was bei Engeln nicht geschieht, da sie gänzlich von Materie freie Substanzen sind.
Antwort auf Einwand 3: Von der Fülle Christi empfangen alle Menschen gemäß dem Glauben, den sie an Ihn haben; denn es steht geschrieben (Röm 3,22), dass „die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesus Christus für alle und über alle ist, die an Ihn glauben.“ Nun, so wie wir an Ihn als bereits geboren glauben, so glaubten die Alten an Ihn als den, der geboren werden sollte, da wir „denselben Geist des Glaubens haben ... und auch wir glauben“, wie geschrieben steht (2 Kor 4,13). Aber der Glaube, der an Christus ist, hat die Kraft zu rechtfertigen aufgrund des Vorsatzes der Gnade Gottes, gemäß Röm 4,5: „Dem aber, der nicht Werke tut, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet nach dem Vorsatz der Gnade Gottes.“ Da dieser Vorsatz ewig ist, hindert also nichts daran, dass einige durch den Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt werden, sogar bevor Seine Seele voll der Gnade und Wahrheit war.