III, q. 6 a. 2
Ob der Sohn Gottes eine Seele durch die Vermittlung des Geistes oder des Gemüts angenommen hat?
Quaestio 6 · Von der Ordnung der Annahme
Einwand 1: Es scheint, dass der Sohn Gottes eine Seele nicht durch die Vermittlung des Geistes oder des Gemüts [mens] angenommen hat. Denn nichts ist ein Medium zwischen sich selbst und einem anderen. Der Geist aber ist dem Wesen nach nichts anderes als die Seele selbst, wie oben gesagt wurde (FP, Frage [77], Artikel [1], ad 1). Daher hat der Sohn Gottes eine Seele nicht durch die Vermittlung des Geistes oder des Gemüts angenommen.
Einwand 2: Ferner ist das, was das Medium der Annahme ist, selbst in höherem Maße annehmbar. Aber der Geist oder das Gemüt ist nicht annehmbarer als die Seele; was daraus ersichtlich ist, dass die engelhaften Geister nicht annehmbar sind, wie oben gesagt wurde (Frage [4], Artikel [1]). Daher scheint es, dass der Sohn Gottes eine Seele nicht durch die Vermittlung des Geistes angenommen hat.
Einwand 3: Ferner wird das, was später kommt, vom Ersten durch die Vermittlung dessen angenommen, was vorher kommt. Die Seele aber impliziert die Wesenheit selbst, welche ihrer Kraft – dem Gemüt – von Natur aus vorausgeht. Daher scheint es, dass der Sohn Gottes eine Seele nicht durch die Vermittlung des Geistes oder des Gemüts angenommen hat.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Agone Christ. xviii): „Die unsichtbare und unveränderliche Wahrheit nahm eine Seele mittels des Geistes an, und einen Körper mittels der Seele.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Artikel [1]), vom Sohn Gottes gesagt wird, er habe das Fleisch durch die Vermittlung der Seele angenommen, aufgrund der Ordnung der Würde und der Angemessenheit der Annahme. Beides nun kann auf den Intellekt angewandt werden, der Geist genannt wird, wenn wir ihn mit den anderen Teilen der Seele vergleichen. Denn die Seele wird nur insofern angemessenerweise angenommen, als sie eine Fähigkeit für Gott besitzt, da sie nach Seinem Ebenbild ist: was hinsichtlich des Gemüts gilt, das Geist genannt wird, gemäß Eph 4,23: „Erneuert euch im Geist eures Gemüts.“ So ist auch der Intellekt der höchste und edelste der Teile der Seele und Gott am ähnlichsten, und daher sagt Damascener (De Fide Orth. iii, 6), dass „das Wort Gottes mit dem Fleisch durch die Vermittlung des Intellekts vereint ist; denn der Intellekt ist der reinste Teil der Seele, da Gott selbst ein Intellekt ist.“
Antwort auf Einwand 1: Obwohl der Intellekt von der Seele dem Wesen nach nicht verschieden ist, unterscheidet er sich doch von den anderen Teilen der Seele als eine Kraft; und auf diese Weise hat er die Natur eines Mediums.
Antwort auf Einwand 2: Die Eignung zur Annahme fehlt den engelhaften Geistern nicht aus einem Mangel an Würde, sondern wegen der Unheilbarkeit ihres Falls, was vom menschlichen Geist nicht gesagt werden kann, wie aus dem klar ist, was oben gesagt wurde (FP, Frage [62], Artikel [8]; FP, Frage [64], Artikel [2]).
Antwort auf Einwand 3: Die Seele, zwischen der und dem Wort Gottes der Intellekt als Medium bezeichnet wird, steht nicht für die Wesenheit der Seele, die allen Kräften gemeinsam ist, sondern für die niederen Kräfte, die jeder Seele gemeinsam sind.