III, q. 6 a. 4
Ob das Fleisch Christi vom Wort angenommen wurde, bevor es mit der Seele vereint wurde?
Quaestio 6 · Von der Ordnung der Annahme
Einwand 1: Es scheint, dass das Fleisch Christi vom Wort angenommen wurde, bevor es mit der Seele vereint wurde. Denn Augustinus [*Fulgentius] sagt (De Fide ad Petrum xviii): „Halte ganz fest und zweifle keineswegs daran, dass das Fleisch Christi nicht ohne die Gottheit im Schoß der Jungfrau empfangen wurde, bevor es vom Wort angenommen wurde.“ Aber das Fleisch Christi scheint empfangen worden zu sein, bevor es mit der vernunftbegabten Seele vereint wurde, weil die Materie oder Disposition der vollendenden Form in der Ordnung der Zeugung vorausgeht. Daher wurde das Fleisch Christi angenommen, bevor es mit der Seele vereint wurde.
Einwand 2: Ferner: Wie die Seele ein Teil der menschlichen Natur ist, so ist es auch der Körper. Aber die menschliche Seele in Christus hatte kein anderes Prinzip des Seins als in anderen Menschen, wie aus der oben zitierten Autorität von Papst Leo klar ist (Artikel [3]). Daher scheint es, dass der Körper Christi kein anderes Prinzip des Seins hatte als wir. Bei uns aber wird der Körper gezeugt, bevor die vernunftbegabte Seele zu ihm kommt. Daher war es bei Christus ebenso; und so wurde das Fleisch vom Wort angenommen, bevor es mit der Seele vereint wurde.
Einwand 3: Ferner, wie gesagt wird (De Causis), übertrifft die erste Ursache die zweite im Hervorbringen der Wirkung und geht ihr in ihrer Vereinigung mit der Wirkung voraus. Aber die Seele Christi verhält sich zum Wort wie eine zweite Ursache zu einer ersten. Daher war das Wort mit dem Fleisch vereint, bevor es mit der Seele vereint war.
Dagegen spricht, dass Damascener sagt (De Fide Orth. iii, 2): „Zur gleichen Zeit wurde das Wort Gottes Fleisch, und das Fleisch wurde mit einer vernunftbegabten und intellektuellen Seele vereint.“ Daher ging die Union des Wortes mit dem Fleisch der Union mit der Seele nicht voraus.
Ich antworte darauf, dass das menschliche Fleisch vom Wort annehmbar ist aufgrund der Hinordnung, die es zur vernunftbegabten Seele als seiner eigentlichen Form hat. Nun hat es diese Hinordnung nicht, bevor die vernunftbegabte Seele zu ihm kommt, weil, wenn irgendeine Materie einer Form zu eigen wird, sie zur gleichen Zeit jene Form empfängt; daher ist die Veränderung in demselben Augenblick beendet, in dem die substantielle Form eingeführt wird. Und daher ist es so, dass das Fleisch nicht hätte angenommen werden sollen, bevor es menschliches Fleisch war; und dies geschah, als die vernunftbegabte Seele zu ihm kam. Da also die Seele nicht vor dem Fleisch angenommen wurde, insofern es gegen die Natur der Seele ist, zu sein, bevor sie mit dem Körper vereint ist, so hätte gleichermaßen das Fleisch nicht vor der Seele angenommen werden sollen, da es kein menschliches Fleisch ist, bevor es eine vernunftbegabte Seele hat.
Antwort auf Einwand 1: Menschliches Fleisch hängt für sein Sein von der Seele ab; und daher gibt es vor dem Kommen der Seele kein menschliches Fleisch, sondern es mag eine Disposition zum menschlichen Fleisch geben. Doch bei der Empfängnis Christi hat der Heilige Geist, der ein Agens von unendlicher Macht ist, die Materie disponiert und sie zur gleichen Zeit zu ihrer Vollendung gebracht.
Antwort auf Einwand 2: Die Form gibt aktuell die Spezies; die Materie an sich aber ist in Potenz zur Spezies. Und daher wäre es gegen die Natur einer Form, vor der spezifischen Natur zu existieren. Und deshalb ist die Unähnlichkeit zwischen unserem Ursprung und Christi Ursprung, insofern wir empfangen werden, bevor wir beseelt werden, und Christi Fleisch nicht, begründet durch das, was der Vollendung der Natur vorausgeht, nämlich dass wir aus dem Samen des Mannes empfangen werden und Christus nicht. Aber ein Unterschied, der sich auf den Ursprung der Seele beziehen würde, würde eine Verschiedenheit der Natur bedeuten.
Antwort auf Einwand 3: Es wird verstanden, dass das Wort Gottes mit dem Fleisch vor der Seele vereint ist durch den allgemeinen Modus, wodurch Er im Rest der Geschöpfe durch Wesenheit, Macht und Gegenwart ist. Doch sage ich „vorher“ nicht in der Zeit, sondern in der Natur; denn das Fleisch wird als ein Seiendes verstanden, was es vom Wort hat, bevor es als beseelt verstanden wird, was es von der Seele hat. Aber durch die personale Union verstehen wir das Fleisch als mit der Seele vereint, bevor es mit dem Wort vereint ist, denn aus seiner Union mit der Seele ist es fähig, mit dem Wort in der Person vereint zu werden; besonders da eine Person nur in der vernunftbegabten Natur gefunden wird.