III, q. 57 a. 6
Ist die Himmelfahrt Christi die Ursache unseres Heils?
Quaestio 57 · Von der Himmelfahrt Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die Himmelfahrt Christi nicht die Ursache unseres Heils ist. Denn Christus war die Ursache unseres Heils, insofern er es verdiente. Aber er verdiente nichts für uns durch seine Himmelfahrt, weil seine Himmelfahrt zum Lohn seiner Erhöhung gehört: und dasselbe ist nicht zugleich Verdienst und Lohn, so wie auch ein Weg und sein Ziel nicht dasselbe sind. Daher scheint es, dass die Himmelfahrt Christi nicht die Ursache unseres Heils ist.
Einwand 2: Ferner, wenn die Himmelfahrt Christi die Ursache unseres Heils ist, scheint dies hauptsächlich darauf zurückzuführen zu sein, dass seine Himmelfahrt die Ursache der unseren ist. Aber dies wurde uns durch sein Leiden geschenkt, denn es steht geschrieben (Heb 10,19): „Wir haben [Vulg.: ‚Da wir haben‘] Zuversicht zum Eintritt in das Heiligtum durch“ sein „Blut.“ Daher scheint es, dass die Himmelfahrt Christi nicht die Ursache unseres Heils war.
Einwand 3: Ferner ist das Heil, das Christus schenkt, ein ewiges, gemäß Jes 51,6: „Mein Heil wird für immer sein.“ Aber Christus fuhr nicht in den Himmel auf, um ewig dort zu bleiben; denn es steht geschrieben (Apg 1,11): „Er wird so kommen, wie ihr ihn habt in den Himmel gehen sehen.“ Außerdem lesen wir, dass er sich vielen heiligen Menschen auf Erden zeigte, nachdem er in den Himmel aufgefahren war, zum Beispiel Paulus (Apg 9). Folglich scheint es, dass die Himmelfahrt Christi nicht die Ursache unseres Heils ist.
Dagegen spricht: Er selbst sagte (Joh 16,7): „Es ist gut für euch, dass ich gehe“; d.h. dass ich euch verlasse und in den Himmel auffahre.
Ich antworte darauf: Die Himmelfahrt Christi ist auf zweifache Weise die Ursache unseres Heils: erstens auf unserer Seite; zweitens auf seiner.
Auf unserer Seite, insofern durch die Himmelfahrt unsere Seelen zu ihm emporgehoben werden; weil, wie oben gesagt (Artikel [1], ad 3), seine Himmelfahrt erstens den Glauben fördert; zweitens die Hoffnung; drittens die Liebe. Viertens wird dadurch unsere Ehrfurcht vor ihm vermehrt, da wir ihn nicht mehr für einen irdischen Menschen halten, sondern für den Gott des Himmels; so sagt der Apostel (2 Kor 5,16): „Wenn wir Christus nach dem Fleisch gekannt haben – ‚das heißt, als sterblich, wodurch wir ihn für einen bloßen Menschen hielten‘“, wie die Glosse die Worte auslegt – „so kennen wir ihn jetzt nicht mehr so.“
Auf seiner Seite, im Hinblick auf jene Dinge, die er beim Auffahren für unser Heil tat. Erstens bereitete er den Weg für unseren Aufstieg in den Himmel, gemäß seinem eigenen Wort (Joh 14,2): „Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten“, und den Worten des Micha (2,13): „Es wird einer hinaufsteigen, der ihnen den Weg öffnet.“ Denn da er unser Haupt ist, müssen die Glieder folgen, wohin das Haupt gegangen ist: daher sagte er (Joh 14,3): „Damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“ Zum Zeichen dessen nahm er die Seelen der Heiligen, die aus der Hölle befreit waren, mit sich in den Himmel, gemäß Ps 67,19 (vgl. Eph 4,8): „Hinaufsteigend in die Höhe, führte er die Gefangenschaft gefangen“, weil er jene mit sich in den Himmel nahm, die vom Teufel gefangen gehalten worden waren – in den Himmel, als an einen der menschlichen Natur fremden Ort. Gefangene in der Tat einer glücklichen Gefangennahme, da sie durch seinen Sieg erworben wurden.
Zweitens, weil Christus, wie der Hohepriester im Alten Testament in das Heiligtum eintrat, um für das Volk vor Gott zu stehen, so auch in den Himmel eintrat, „um für uns einzutreten“, wie in Heb 7,25 gesagt wird. Denn das bloße Zeigen seiner selbst in der menschlichen Natur, die er mit sich in den Himmel nahm, ist ein Flehen für uns. Damit Gott, aus eben dem Grund, dass er die menschliche Natur in Christus so erhöhte, sich derer erbarme, für die der Sohn Gottes die menschliche Natur annahm. Drittens, damit er, in seinem himmlischen Sitz als Gott und Herr eingesetzt, Gaben auf die Menschen herabsende, gemäß Eph 4,10: „Er ist über alle Himmel aufgefahren, damit er alles erfülle“, das heißt, „mit seinen Gaben“, gemäß der Glosse.
Zu Einwand 1: Die Himmelfahrt Christi ist die Ursache unseres Heils nicht im Wege des Verdienstes, sondern der Wirkkraft, wie oben bezüglich seiner Auferstehung gesagt wurde (Quaestio [56], Artikel [1], ad 3,4).
Zu Einwand 2: Das Leiden Christi ist die Ursache unseres Aufstiegs in den Himmel, eigentlich gesprochen, durch die Beseitigung des Hindernisses, welches die Sünde ist, und auch im Wege des Verdienstes: wohingegen die Himmelfahrt Christi die direkte Ursache unseres Aufstiegs ist, indem sie ihn in Ihm beginnt, der unser Haupt ist, mit dem die Glieder vereint sein müssen.
Zu Einwand 3: Christus erwarb durch das einmalige Auffahren in den Himmel für sich und für uns auf ewig das Recht und die Würdigkeit einer himmlischen Wohnstätte; welche Würdigkeit in keiner Weise leidet, wenn er aufgrund einer besonderen Fügung manchmal leiblich zur Erde herabkommt; entweder um sich der ganzen Welt zu zeigen, wie beim Gericht; oder aber um sich einem einzelnen besonders zu zeigen, z.B. im Fall des Paulus, wie wir in Apg 9 lesen. Und damit niemand denke, dass Christus nicht leiblich anwesend war, als dies geschah, wird das Gegenteil aus dem gezeigt, was der Apostel in 1 Kor 15,8 sagt, um den Glauben an die Auferstehung zu bekräftigen: „Zuletzt wurde er auch von mir gesehen, gleichsam von einer Missgeburt“: welche Vision die Wahrheit der Auferstehung nicht bekräftigen würde, wenn er nicht Christi wahren Leib geschaut hätte.