III, q. 57 a. 4
Ist Christus über alle Himmel aufgefahren?
Quaestio 57 · Von der Himmelfahrt Christi
Einwand 1: Es scheint, dass Christus nicht über alle Himmel aufgefahren ist, denn es steht geschrieben (Ps 10,5): „Der Herr ist in seinem heiligen Tempel, des Herrn Thron ist im Himmel.“ Was aber im Himmel ist, ist nicht über dem Himmel. Also ist Christus nicht über alle Himmel aufgefahren.
Einwand 2: Ferner gibt es keinen Ort über den Himmeln, wie in De Coelo i bewiesen wird. Aber jeder Körper muss einen Ort einnehmen. Also ist der Leib Christi nicht über alle Himmel aufgefahren.
Einwand 3: Ferner können zwei Körper nicht denselben Ort einnehmen. Da es also keinen Übergang von Ort zu Ort gibt außer durch den mittleren Raum, scheint es, dass Christus nicht über alle Himmel hätte auffahren können, es sei denn, der Himmel wäre geteilt worden; was unmöglich ist.
Einwand 4: Ferner wird berichtet (Apg 1,9), dass „eine Wolke ihn ihren Blicken entzog.“ Wolken können aber nicht über den Himmel emporgehoben werden. Folglich ist Christus nicht über alle Himmel aufgefahren.
Einwand 5: Ferner glauben wir, dass Christus für immer an dem Ort wohnen wird, wohin er aufgefahren ist. Aber was gegen die Natur ist, kann nicht für immer dauern, weil das, was der Natur entspricht, vorherrschender ist und häufiger vorkommt. Da es also der Natur eines irdischen Leibes entgegensteht, über dem Himmel zu sein, scheint es, dass der Leib Christi nicht über den Himmel aufgefahren ist.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Eph 4,10): „Er ist über alle Himmel aufgefahren, damit er alles erfülle.“
Ich antworte darauf: Je voller etwas Körperliches an der göttlichen Güte teilhat, desto höher ist sein Platz in der körperlichen Ordnung, welche eine Ordnung des Ortes ist. Daher sehen wir, dass die formhafteren Körper von Natur aus die höheren sind, wie aus dem Philosophen (Phys. iv; De Coelo ii) hervorgeht, da jeder Körper durch seine Form am göttlichen Wesen teilhat, wie in Physik i gezeigt wird. Aber durch die Herrlichkeit leitet der Leib einen größeren Anteil an der göttlichen Güte ab als jeder andere natürliche Körper durch seine natürliche Form; während unter anderen herrlichen Leibern offenkundig ist, dass der Leib Christi mit größerer Herrlichkeit strahlt. Daher war es höchst angemessen, dass er über alle Körper gesetzt wurde. So sagt die Glosse zu Eph 4,8: „Hinaufsteigend in die Höhe“: „an Ort und Würde.“
Zu Einwand 1: Gottes Sitz wird im Himmel genannt, nicht als ob der Himmel ihn enthielte, sondern vielmehr, weil er von ihm enthalten wird. Daher ist es nicht notwendig, dass irgendein Teil des Himmels höher ist, sondern dass er über allen Himmeln ist; gemäß Ps 8,2: „Denn deine Herrlichkeit ist erhoben über die Himmel, o Gott!“
Zu Einwand 2: Ein Ort impliziert den Begriff des Enthaltens; daher hat das erste Behältnis die Formalität des ersten Ortes, und ein solcher ist der erste Himmel. Daher müssen Körper an sich an einem Ort sein, insofern sie von einem Himmelskörper enthalten werden. Aber verherrlichte Leiber, besonders der Christi, bedürfen dessen nicht, so enthalten zu werden, weil sie nichts von den Himmelskörpern beziehen, sondern von Gott durch die Seele. So steht nichts dem entgegen, dass der Leib Christi jenseits des enthaltenden Radius der Himmelskörper ist und nicht an einem enthaltenden Ort. Noch ist es nötig, dass ein Vakuum außerhalb des Himmels existiert, da dort kein Ort ist, noch irgendeine Potentialität, die für einen Körper empfänglich wäre, sondern die Potentialität, dorthin zu gelangen, liegt in Christus. Wenn also Aristoteles beweist (De Coelo ii), dass es keinen Körper jenseits des Himmels gibt, muss dies von Körpern verstanden werden, die sich im Zustand der reinen Natur befinden, wie aus den Beweisen ersichtlich ist.
Zu Einwand 3: Obwohl es nicht zur Natur eines Körpers gehört, mit einem anderen Körper am selben Ort zu sein, kann Gott es doch wunderbarerweise bewirken, dass ein Körper mit einem anderen am selben Ort ist, wie Christus es tat, als er aus dem versiegelten Schoß der Jungfrau hervorging, und auch als er durch verschlossene Türen zu den Jüngern trat, wie Gregor sagt (Hom. xxvi). Daher kann der Leib Christi mit einem anderen Körper am selben Ort sein, nicht durch eine dem Körper innewohnende Eigenschaft, sondern durch den Beistand und die Wirkung der göttlichen Kraft.
Zu Einwand 4: Jene Wolke bot dem auffahrenden Christus keine Stütze als Vehikel: sondern sie erschien als Zeichen der Gottheit, so wie Gottes Herrlichkeit Israel in einer Wolke über dem Offenbarungszelt erschien (Ex 40,32; Num 9,15).
Zu Einwand 5: Ein verherrlichter Leib hat die Kraft, im Himmel oder über dem Himmel zu sein, nicht aus seinen natürlichen Prinzipien, sondern von der beseligten Seele, von der er seine Herrlichkeit ableitet: und so wie die Aufwärtsbewegung eines verherrlichten Leibes nicht gewaltsam ist, so ist auch seine Ruhe nicht gewaltsam: folglich steht nichts dem entgegen, dass sie ewig währt.