III, q. 55 a. 2
Ob es angemessen war, dass die Jünger ihn auferstehen sahen?
Quaestio 55 · Von der Kundmachung der Auferstehung
Einwand 1: Es scheint angemessen, dass die Jünger ihn hätten auferstehen sehen sollen, weil es ihr Amt war, Zeugnis von der Auferstehung abzulegen, gemäß Apg 4,33: „Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu Christi, unseres Herrn.“ Aber der sicherste Zeuge von allen ist ein Augenzeuge. Deshalb wäre es angemessen gewesen, dass sie die Auferstehung Christi selbst gesehen hätten.
Einwand 2: Ferner sahen die Jünger, um die Gewissheit des Glaubens zu haben, Christus in den Himmel auffahren, gemäß Apg 1,9: „Als sie zuschauten, wurde er emporgehoben.“ Aber es war für sie ebenso notwendig, den Glauben an die Auferstehung zu haben. Deshalb scheint es, dass Christus vor den Augen der Jünger hätte auferstehen müssen.
Einwand 3: Ferner war die Auferweckung des Lazarus ein Zeichen der kommenden Auferstehung Christi. Der Herr aber erweckte Lazarus vor den Augen der Jünger. Folglich scheint es, dass Christus vor den Augen der Jünger hätte auferstehen müssen.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Mk 16,9): Der Herr „aber stand früh am ersten Tag der Woche auf und erschien zuerst Maria Magdalena.“ Nun sah Maria Magdalena ihn nicht auferstehen; sondern während sie ihn im Grab suchte, hörte sie vom Engel: „Er ist auferstanden, er ist nicht hier.“ Deshalb hat ihn niemand auferstehen sehen.
Ich antworte darauf, wie der Apostel sagt (Röm 13,1): „Was von Gott ist, das ist wohlgeordnet [Vulg.: ‚Die aber sind, sind von Gott geordnet‘].“ Nun ist die göttlich festgesetzte Ordnung diese, dass Dinge, die über das Fassungsvermögen der Menschen hinausgehen, ihnen durch Engel offenbart werden, wie Dionysius sagt (Coel. Hier. iv). Christus aber kehrte bei der Auferstehung nicht zur vertrauten Lebensweise zurück, sondern zu einer Art unsterblichen und gottähnlichen Zustands, gemäß Röm 6,10: „Denn was er lebt, das lebt er Gott.“ Und deshalb war es angemessen, dass die Auferstehung Christi nicht unmittelbar von Menschen bezeugt, sondern ihnen durch Engel verkündet wurde. Dementsprechend sagt Hilarius (Comment. Matth. cap. ult.): „Ein Engel ist deshalb der erste Herold der Auferstehung, damit sie aus Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters verkündet werde.“
Antwort auf Einwand 1: Die Apostel konnten die Auferstehung sogar durch das Sehen bezeugen, weil sie aufgrund des Zeugnisses ihrer eigenen Augen Christus lebendig sahen, von dem sie wussten, dass er tot war. Aber so wie der Mensch vom Hören des Glaubens zur beseligenden Schau gelangt, so kamen die Menschen zur Schau des auferstandenen Christus durch die Botschaft, die sie bereits von Engeln empfangen hatten.
Antwort auf Einwand 2: Die Himmelfahrt Christi war hinsichtlich ihres Ausgangspunktes (terminus a quo) nicht über dem allgemeinen Wissen der Menschen, sondern nur hinsichtlich ihres Zielpunktes (terminus ad quem). Folglich konnten die Jünger die Himmelfahrt Christi hinsichtlich des Ausgangspunktes schauen, das heißt, wie er von der Erde emporgehoben wurde; aber sie schauten ihn nicht hinsichtlich des Zielpunktes, weil sie nicht sahen, wie er in den Himmel aufgenommen wurde. Aber die Auferstehung Christi überstieg das allgemeine Wissen sowohl hinsichtlich des Ausgangspunktes, insofern seine Seele aus der Unterwelt und sein Leib aus dem verschlossenen Grab zurückkehrte, als auch hinsichtlich des Zielpunktes, insofern er zum Leben der Herrlichkeit gelangte. Folglich sollte die Auferstehung nicht so vollzogen werden, dass sie vom Menschen gesehen würde.
Antwort auf Einwand 3: Lazarus wurde so auferweckt, dass er in dasselbe Leben wie zuvor zurückkehrte, welches Leben nicht über das allgemeine Fassungsvermögen des Menschen hinausgeht. Folglich besteht keine Gleichheit.