III, q. 49 a. 4
Ob wir durch das Leiden Christi mit Gott versöhnt wurden?
Quaestio 49 · Von den Wirkungen des Leidens Christi
Einwand 1: Es scheint, dass wir durch das Leiden Christi nicht mit Gott versöhnt wurden. Denn zwischen Freunden bedarf es keiner Versöhnung. Gott aber hat uns immer geliebt, gemäß Weish 11,25: „Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von dem, was du gemacht hast.“ Also hat das Leiden Christi uns nicht mit Gott versöhnt.
Einwand 2: Weiter kann ein und dasselbe nicht Ursache und Wirkung sein: daher fällt die Gnade, welche die Ursache des Verdienstes ist, nicht unter das Verdienst. Aber Gottes Liebe ist die Ursache des Leidens Christi, gemäß Joh 3,16: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab.“ Es scheint also nicht, dass wir durch das Leiden Christi mit Gott versöhnt wurden, so dass er uns von neuem zu lieben begann.
Einwand 3: Weiter wurde das Leiden Christi dadurch vollendet, dass Menschen ihn töteten; und dadurch beleidigten sie Gott schwer. Also ist das Leiden Christi eher die Ursache des Zorns als der Versöhnung mit Gott.
Dagegen spricht, was der Apostel sagt (Röm 5,10): „Wir sind mit Gott versöhnt durch den Tod seines Sohnes.“
Ich antworte darauf, dass das Leiden Christi auf zweifache Weise die Ursache unserer Versöhnung mit Gott ist. Auf die erste Weise, insofern es die Sünde wegnimmt, durch welche die Menschen zu Feinden Gottes wurden, gemäß Weish 14,9: „Gott sind der Gottlose und seine Gottlosigkeit gleichermaßen verhasst“; und Ps 5,7: „Du hassest alle, die Unrecht tun.“ Auf eine andere Weise, insofern es ein Gott höchst angenehmes Opfer ist. Nun ist es die eigentliche Wirkung des Opfers, Gott zu besänftigen: so wie auch ein Mensch eine gegen ihn begangene Beleidigung aufgrund eines ihm erwiesenen gefälligen Huldigungsaktes nachsieht. Daher steht geschrieben (1 Sam 26,19): „Wenn der Herr dich gegen mich aufreizt, so möge er ein Opfer annehmen.“ Und in gleicher Weise war das freiwillige Leiden Christi eine so gute Tat, dass Gott, weil sie in der menschlichen Natur vorgefunden wurde, für jede Beleidigung des Menschengeschlechts besänftigt wurde im Hinblick auf jene, die mit dem gekreuzigten Christus in der genannten Weise eins geworden sind (Artikel [1], zu 4).
Antwort auf Einwand 1: Gott liebt alle Menschen hinsichtlich ihrer Natur, die er selbst gemacht hat; doch hasst er sie in Bezug auf die Verbrechen, die sie gegen ihn begehen, gemäß Sir 12,3: „Der Höchste hasst die Sünder.“
Antwort auf Einwand 2: Es wird nicht gesagt, Christus habe uns mit Gott versöhnt, als ob Gott von neuem begonnen hätte, uns zu lieben, da geschrieben steht (Jer 31,3): „Ich habe dich je und je geliebt“; sondern weil die Quelle des Hasses durch das Leiden Christi weggenommen wurde, sowohl durch die Abwaschung der Sünde als auch durch die geleistete Entschädigung in Form einer wohlgefälligeren Opfergabe.
Antwort auf Einwand 3: Wie die Mörder Christi Menschen waren, so war auch der getötete Christus Mensch. Nun übertraf die Liebe des leidenden Christus die Bosheit seiner Mörder. Dementsprechend überwog das Leiden Christi mehr darin, Gott mit dem ganzen Menschengeschlecht zu versöhnen, als ihn zum Zorn zu reizen.