III, q. 49 a. 1
Ob wir durch das Leiden Christi von der Sünde befreit wurden?
Quaestio 49 · Von den Wirkungen des Leidens Christi
Einwand 1: Es scheint, dass wir durch das Leiden Christi nicht von der Sünde befreit wurden. Denn von der Sünde zu befreien kommt allein Gott zu, gemäß Jes 43,25: „Ich bin es, der deine Missetaten tilgt um meinetwillen.“ Christus aber hat nicht als Gott gelitten, sondern als Mensch. Also hat das Leiden Christi uns nicht von der Sünde befreit.
Einwand 2: Weiter wirkt das Körperliche nicht auf das Geistige ein. Das Leiden Christi aber ist körperlich, während die Sünde in der Seele ist, die ein geistiges Geschöpf ist. Also konnte das Leiden Christi uns nicht von der Sünde reinigen.
Einwand 3: Weiter kann niemand von einer Sünde gereinigt werden, die noch nicht begangen wurde, sondern erst später begangen werden wird. Da nun seit dem Tod Christi viele Sünden begangen wurden und täglich begangen werden, scheint es, dass wir durch den Tod Christi nicht von der Sünde befreit wurden.
Einwand 4: Weiter ist, wenn eine Wirkursache gegeben ist, nichts anderes mehr erforderlich, um die Wirkung hervorzubringen. Für die Vergebung der Sünden sind aber noch andere Dinge erforderlich, wie die Taufe und die Buße. Folglich scheint das Leiden Christi nicht die hinreichende Ursache für die Vergebung der Sünden zu sein.
Einwand 5: Weiter steht geschrieben (Spr 10,12): „Die Liebe deckt alle Sünden zu“; und (Spr 15,27): „Durch Barmherzigkeit und Glaube werden Sünden gereinigt.“ Es gibt aber viele andere Dinge, an die wir glauben und die die Liebe anregen. Also ist das Leiden Christi nicht die eigentliche Ursache der Sündenvergebung.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Offb 1,5): „Er hat uns geliebt und uns von unseren Sünden gewaschen in seinem Blut.“
Ich antworte darauf, dass das Leiden Christi auf dreifache Weise die eigentliche Ursache der Sündenvergebung ist. Erstens, indem es unsere Liebe anregt, denn, wie der Apostel sagt (Röm 5,8): „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ Durch die Liebe aber erlangen wir Vergebung unserer Sünden, gemäß Lk 7,47: „Ihr sind viele Sünden vergeben, weil sie viel geliebt hat.“ Zweitens bewirkt das Leiden Christi die Vergebung der Sünden auf dem Wege der Erlösung. Da er nämlich unser Haupt ist, hat er uns durch das Leiden, das er aus Liebe und Gehorsam ertrug, als seine Glieder von unseren Sünden befreit, gleichsam durch den Preis seines Leidens: so wie wenn ein Mensch durch die gute Arbeit seiner Hände sich von einer Sünde loskaufte, die er mit seinen Füßen begangen hat. Denn wie der natürliche Leib eins ist, obwohl er aus verschiedenen Gliedern besteht, so wird die ganze Kirche, der mystische Leib Christi, als eine Person mit ihrem Haupt gerechnet, welches Christus ist. Drittens auf dem Wege der Wirkkraft, insofern das Fleisch Christi, in dem er das Leiden ertrug, das Werkzeug der Gottheit ist, so dass seine Leiden und Handlungen mit göttlicher Kraft zur Austreibung der Sünde wirken.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl Christus nicht als Gott litt, ist sein Fleisch dennoch das Werkzeug der Gottheit; und daher kommt es, dass sein Leiden eine Art göttlicher Kraft besitzt, die Sünde auszutreiben, wie oben gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl das Leiden Christi körperlich ist, bezieht es doch eine Art geistiger Energie aus der Gottheit, mit der das Fleisch als Werkzeug vereint ist: und gemäß dieser Kraft ist das Leiden Christi die Ursache der Sündenvergebung.
Antwort auf Einwand 3: Christus hat uns durch sein Leiden ursächlich von unseren Sünden befreit – das heißt, indem er die Ursache unserer Befreiung setzte, durch welche alle Sünden, seien sie vergangen, gegenwärtig oder zukünftig, vergeben werden könnten: so wie wenn ein Arzt eine Medizin zubereitete, durch die alle Krankheiten, auch zukünftige, geheilt werden können.
Antwort auf Einwand 4: Wie oben dargelegt, muss das Leiden Christi, da es als eine Art universale Ursache der Sündenvergebung vorausging, auf jeden Einzelnen zur Reinigung von persönlichen Sünden angewendet werden. Dies geschieht nun durch die Taufe und die Buße und die anderen Sakramente, die ihre Kraft aus dem Leiden Christi beziehen, wie später gezeigt werden wird (Quaestio [62], Artikel [5]).
Antwort auf Einwand 5: Das Leiden Christi wird uns auch durch den Glauben angewendet, damit wir an seinen Früchten teilhaben, gemäß Röm 3,25: „Ihn hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten durch den Glauben an sein Blut.“ Aber der Glaube, durch den wir von der Sünde gereinigt werden, ist nicht der „tote Glaube“, der auch mit der Sünde bestehen kann, sondern der „lebendige Glaube“ durch die Liebe; damit so das Leiden Christi uns nicht nur hinsichtlich unseres Verstandes, sondern auch hinsichtlich unseres Herzens angewendet werde. Und auch auf diese Weise werden Sünden durch die Kraft des Leidens Christi vergeben.