III, q. 48 a. 3
Ob das Leiden Christi auf dem Wege des Opfers wirkte?
Quaestio 48 · Von der Wirksamkeit des Leidens Christi
Einwand 1: Es scheint, dass das Leiden Christi nicht auf dem Wege des Opfers wirkte. Denn die Wahrheit muss der Vorbildgestalt entsprechen. Aber Menschenfleisch wurde niemals in den Opfern des Alten Gesetzes dargebracht, welche Vorbilder auf Christus waren: vielmehr galten solche Opfer als gottlos, gemäß Ps 105,38: „Und sie vergossen unschuldiges Blut: das Blut ihrer Söhne und ihrer Töchter, welches sie den Götzen Kanaans opferten.“ Es scheint daher, dass das Leiden Christi nicht als Opfer bezeichnet werden kann.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (De Civ. Dei x), dass „ein sichtbares Opfer ein Sakrament – das heißt ein heiliges Zeichen – eines unsichtbaren Opfers ist.“ Nun ist das Leiden Christi kein Zeichen, sondern eher die Sache, die durch andere Zeichen bezeichnet wird. Also scheint es, dass das Leiden Christi kein Opfer ist.
Einwand 3: Ferner vollzieht jeder, der ein Opfer darbringt, einen heiligen Ritus, wie das Wort „Opfer“ (sacrificium) selbst zeigt. Aber jene Männer, die Christus töteten, vollzogen keine heilige Handlung, sondern begingen vielmehr ein großes Unrecht. Also war das Leiden Christi eher ein Frevel als ein Opfer.
Dagegen spricht, was der Apostel sagt (Eph 5,2): „Er hat sich selbst für uns als Gabe und Opfer für Gott dargebracht, zum lieblichen Geruch.“
Ich antworte darauf: Ein Opfer im eigentlichen Sinne ist etwas, das zu jener Ehre getan wird, die Gott eigentümlich gebührt, um ihn zu besänftigen: und daher sagt Augustinus (De Civ. Dei x): „Ein wahres Opfer ist jedes gute Werk, das getan wird, damit wir Gott in heiliger Gemeinschaft anhangen, jedoch bezogen auf jenes Ziel des Glücks, in dem wir wahrhaft selig sein können.“ Wie aber an derselben Stelle hinzugefügt wird: „Christus hat sich selbst im Leiden für uns dargebracht“: und dieses freiwillige Erdulden des Leidens war Gott höchst angenehm, da es aus der Liebe kam. Deshalb ist es offenkundig, dass das Leiden Christi ein wahres Opfer war. Überdies waren, wie Augustinus weiter unten im selben Buch sagt, „die ursprünglichen Opfer der heiligen Väter viele und verschiedene Zeichen dieses wahren Opfers, wobei das eine durch viele vorgebildet wurde, so wie ein einziger gedanklicher Begriff durch viele Worte ausgedrückt wird, um ihn ohne Langeweile zu empfehlen“: und wie Augustinus bemerkt (De Trin. iv), „da bei jedem Opfer vier Dinge zu beachten sind – nämlich wem es dargebracht wird, von wem es dargebracht wird, was dargebracht wird und für wen es dargebracht wird –, so sollte derselbe eine wahre Mittler, der uns durch das Friedensopfer mit Gott versöhnte, eins bleiben mit dem, dem er es darbrachte, eins sein mit denen, für die er es darbrachte, und selbst der Darbringende und das Dargebrachte sein.“
Antwort auf Einwand 1: Obwohl die Wahrheit der Vorbildgestalt in mancher Hinsicht entspricht, tut sie es doch nicht in allem, da die Wahrheit über die Vorbildgestalt hinausgehen muss. Deshalb war das Vorbild dieses Opfers, in dem das Fleisch Christi dargebracht wird, passenderweise Fleisch, jedoch nicht das Fleisch von Menschen, sondern von Tieren, um das Christi zu bezeichnen. Und dies ist ein vollkommenstes Opfer. Erstens, da es Fleisch der menschlichen Natur ist, wird es passenderweise für Menschen dargebracht und von ihnen unter dem Sakrament empfangen. Zweitens, weil es leidensfähig und sterblich war, war es zur Opferung geeignet. Drittens, weil es sündlos war, hatte es die Kraft, von Sünden zu reinigen. Viertens, weil es das eigene Fleisch des Opfernden war, war es Gott angenehm wegen seiner Liebe bei der Darbringung seines eigenen Fleisches. Daher sagt Augustinus (De Trin. iv): „Was sonst könnte von Menschen so passend empfangen oder für Menschen dargebracht werden wie menschliches Fleisch? Was sonst könnte für diese Opferung so angemessen sein wie sterbliches Fleisch? Was sonst ist so rein zur Reinigung der Sterblichen wie das Fleisch, das im Schoß ohne fleischliche Begierde geboren wurde und aus einem jungfräulichen Schoß kam? Was könnte so wohlgefällig dargebracht und angenommen werden wie das Fleisch unseres Opfers, das zum Leib unseres Priesters gemacht wurde?“
Antwort auf Einwand 2: Augustinus spricht dort von sichtbaren bildlichen Opfern: und auch das Leiden Christi, obwohl es durch andere bildliche Opfer bezeichnet wurde, ist doch ein Zeichen für etwas, das von uns zu beachten ist, gemäß 1 Petr 4,1: „Da nun Christus im Fleische gelitten hat, so wappnet auch ihr euch mit demselben Sinn: denn wer im Fleische gelitten hat, der hat aufgehört mit Sünden: damit er nun die übrige Zeit im Fleische nicht nach den Begierden der Menschen, sondern nach dem Willen Gottes lebe.“
Antwort auf Einwand 3: Das Leiden Christi war zwar ein Frevel von Seiten seiner Mörder; aber von seiner eigenen Seite war es das Opfer eines aus Liebe Leidenden. Daher wird gesagt, dass Christus dieses Opfer dargebracht hat, und nicht die Henker.