III, q. 48 a. 2
Ob das Leiden Christi unser Heil auf dem Wege der Genugtuung bewirkte?
Quaestio 48 · Von der Wirksamkeit des Leidens Christi
Einwand 1: Es scheint, dass das Leiden Christi unser Heil nicht auf dem Wege der Genugtuung bewirkte. Denn es scheint, dass die Leistung der Genugtuung demjenigen obliegt, der die Sünde begeht; wie es in den anderen Teilen der Buße klar ist, weil derjenige, der das Unrecht getan hat, darüber Schmerz empfinden und es beichten muss. Christus aber hat niemals gesündigt, gemäß 1 Petr 2,22: „Der keine Sünde tat.“ Also leistete er keine Genugtuung durch sein persönliches Leiden.
Einwand 2: Ferner wird einem anderen keine Genugtuung geleistet, indem man ein schwereres Vergehen begeht. Beim Leiden Christi aber wurde das schwerste aller Vergehen verübt, weil jene, die ihn töteten, aufs schwerste sündigten, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [47], Artikel [6]). Folglich scheint es, dass Gott durch das Leiden Christi keine Genugtuung geleistet werden konnte.
Einwand 3: Ferner impliziert Genugtuung eine Gleichheit mit dem Vergehen, da sie ein Akt der Gerechtigkeit ist. Das Leiden Christi scheint aber nicht allen Sünden des Menschengeschlechts gleichzukommen, weil Christus nicht in seiner Gottheit litt, sondern in seinem Fleisch, gemäß 1 Petr 4,1: „Da nun Christus im Fleische gelitten hat.“ Nun ist die Seele, die das Subjekt der Sünde ist, von größerem Wert als das Fleisch. Also hat Christus für unsere Sünden durch sein Leiden keine Genugtuung geleistet.
Dagegen spricht, was in Ps 68,5 in der Person Christi geschrieben steht: „Da musste ich bezahlen, was ich nicht geraubt habe.“ Aber derjenige hat nicht bezahlt, der nicht voll Genugtuung geleistet hat. Also scheint es, dass Christus durch sein Leiden für unsere Sünden voll Genugtuung geleistet hat.
Ich antworte darauf: Derjenige leistet für ein Vergehen in eigentlichem Sinne Genugtuung, der etwas darbringt, was der Beleidigte gleichermaßen oder sogar mehr liebt, als er das Vergehen verabscheute. Durch das Leiden aus Liebe und Gehorsam aber gab Christus Gott mehr, als erforderlich war, um das Vergehen des ganzen Menschengeschlechts auszugleichen. Erstens wegen der überragenden Liebe, aus der er litt; zweitens wegen der Würde seines Lebens, das er zur Genugtuung hingab, denn es war das Leben eines, der Gott und Mensch war; drittens wegen des Ausmaßes des Leidens und der Größe des ertragenen Schmerzes, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [46], Artikel [6]). Und deshalb war das Leiden Christi nicht nur eine hinreichende, sondern eine überflüssige Genugtuung für die Sünden des Menschengeschlechts; gemäß 1 Joh 2,2: „Er ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“
Antwort auf Einwand 1: Das Haupt und die Glieder sind wie eine mystische Person; und deshalb gehört die Genugtuung Christi allen Gläubigen, da sie seine Glieder sind. Auch insofern zwei Menschen in der Liebe eins sind, kann der eine für den anderen Genugtuung leisten, wie später gezeigt werden soll (XP, Quaestio [13], Artikel [2]). Aber derselbe Grund gilt nicht für Beichte und Reue, weil Genugtuung in einer äußeren Handlung besteht, für die Hilfsmittel herangezogen werden können, zu denen Freunde zu rechnen sind.
Antwort auf Einwand 2: Die Liebe Christi war größer als die Bosheit seiner Mörder: und deshalb übertraf der Wert seines Leidens in der Genugtuung die mörderische Schuld jener, die ihn kreuzigten: so sehr, dass das Leiden Christi eine hinreichende und überflüssige Genugtuung für das Verbrechen seiner Mörder war.
Antwort auf Einwand 3: Die Würde des Fleisches Christi ist nicht allein nach der Natur des Fleisches zu bemessen, sondern auch nach der Person, die es annahm – nämlich insofern es das Fleisch Gottes war, woraus folgte, dass es von unendlichem Wert war.