III, q. 4 a. 6
Ob es angemessen war, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur aus dem Stamm Adams annahm?
Quaestio 4 · Von der Weise der Vereinigung von seiten der menschlichen Natur
Einwand 1: Es scheint, dass es nicht angemessen war, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur aus dem Stamm Adams annahm, denn der Apostel sagt (Hebr 7,26): „Denn es war angemessen, dass wir einen solchen Hohenpriester haben... abgesondert von den Sündern.“ Aber Er wäre noch weiter von den Sündern abgesondert gewesen, wenn Er die menschliche Natur nicht aus dem Stamm Adams, eines Sünders, angenommen hätte. Daher scheint es, dass Er die menschliche Natur nicht aus dem Stamm Adams hätte annehmen sollen.
Einwand 2: Ferner ist in jeder Gattung das Prinzip edler als das, was vom Prinzip ist. Wenn Er also die menschliche Natur annehmen wollte, hätte Er sie in Adam selbst annehmen sollen.
Einwand 3: Ferner waren die Heiden größere Sünder als die Juden, wie eine Glosse zu Gal 2,15 sagt: „Denn wir sind von Natur aus Juden und nicht Sünder aus den Heiden.“ Wenn Er also die menschliche Natur von Sündern annehmen wollte, hätte Er sie eher von den Heiden annehmen sollen als aus dem Stamm Abrahams, der gerecht war.
Dagegen spricht, dass (Lk 3) die Genealogie unseres Herrn auf Adam zurückgeführt wird.
Ich antworte darauf, dass, wie Augustinus sagt (De Trin. xiii, 18): „Gott konnte die menschliche Natur anderswoher annehmen als aus dem Stamm Adams, der durch seine Sünde das ganze Menschengeschlecht gefesselt hatte; doch Gott urteilte, es sei besser, die menschliche Natur aus dem besiegten Geschlecht anzunehmen und so den Feind des Menschengeschlechts zu besiegen.“ Und dies aus drei Gründen: Erstens, weil es zur Gerechtigkeit zu gehören scheint, dass derjenige, der gesündigt hat, Wiedergutmachung leistet; und daher sollte aus der Natur, die er verdorben hatte, das angenommen werden, wodurch Genugtuung für die ganze Natur geleistet werden sollte. Zweitens gehört es zur größeren Würde des Menschen, dass der Überwinder des Teufels aus dem vom Teufel überwundenen Stamm entspringen sollte. Drittens, weil Gottes Macht dadurch offenbarer gemacht wird, da Er aus einer verdorbenen und geschwächten Natur das annahm, was zu solcher Macht und Herrlichkeit erhoben wurde.
Antwort auf Einwand 1: Christus sollte von den Sündern abgesondert sein hinsichtlich der Sünde, die Er zu vernichten kam, und nicht hinsichtlich der Natur, die Er zu retten kam, und in welcher „Er in allem seinen Brüdern gleich werden musste“, wie der Apostel sagt (Hebr 2,17). Und darin ist Seine Unschuld umso wunderbarer, da Seine Natur, obwohl aus einer von Sünde befleckten Masse angenommen, mit solcher Reinheit ausgestattet war.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben gesagt wurde (ad 1), ziemte es Ihm, der kam, um die Sünden hinwegzunehmen, hinsichtlich der Sünde von den Sündern abgesondert zu sein, welcher Adam unterworfen war, den Christus „aus seiner Sünde herausführte“, wie geschrieben steht (Weish 10,2). Denn es ziemte Ihm, der kam, um alle zu reinigen, nicht selbst der Reinigung zu bedürfen; so wie in jeder Gattung der Bewegung der erste Beweger hinsichtlich dieser Bewegung unbeweglich ist und das erste Verändernde selbst unveränderlich ist. Daher war es nicht angemessen, dass Er die menschliche Natur in Adam selbst annahm.
Antwort auf Einwand 3: Da Christus besonders hinsichtlich der Sünde von den Sündern abgesondert sein und die höchste Unschuld besitzen sollte, war es angemessen, dass zwischen dem ersten Sünder und Christus einige gerechte Männer in der Mitte standen, in denen gewisse Vorzeichen (Seiner) künftigen Heiligkeit aufleuchten sollten. Und daher setzte Gott, selbst in dem Volk, aus dem Christus geboren werden sollte, Zeichen der Heiligkeit fest, die mit Abraham begannen, welcher als erster die Verheißung Christi empfing, und die Beschneidung als Zeichen, dass der Bund gehalten werden sollte, wie geschrieben steht (Gen 17,11).