III, q. 4 a. 5
Ob der Sohn Gottes die menschliche Natur in allen Individuen hätte annehmen sollen?
Quaestio 4 · Von der Weise der Vereinigung von seiten der menschlichen Natur
Einwand 1: Es scheint, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur in allen Individuen hätte annehmen sollen. Denn was zuerst und durch sich selbst angenommen wird, ist die menschliche Natur. Aber was einer Natur wesenhaft zukommt, kommt allen zu, die in der Natur existieren. Also war es angemessen, dass die menschliche Natur vom Wort Gottes in allen ihren Supposita angenommen würde.
Einwand 2: Ferner ging die göttliche Menschwerdung aus der göttlichen Liebe hervor; daher steht geschrieben (Joh 3,16): „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab.“ Aber die Liebe bewirkt, dass wir uns unseren Freunden so sehr hingeben, wie wir können, und es war dem Sohn Gottes möglich, mehrere menschliche Naturen anzunehmen, wie oben gesagt wurde (Quaestio [3], Artikel [7]), und mit gleichem Recht alle. Daher war es für den Sohn Gottes angemessen, die menschliche Natur in allen ihren Supposita anzunehmen.
Einwand 3: Ferner vollendet ein geschickter Handwerker sein Werk auf die kürzeste mögliche Weise. Aber es wäre ein kürzerer Weg gewesen, wenn alle Menschen zur natürlichen Sohnschaft angenommen worden wären, als dass ein natürlicher Sohn viele zur Annahme an Kindesstatt führt, wie geschrieben steht in Gal 4,5 (vgl. Hebr 2,10). Also hätte die menschliche Natur von Gott in allen ihren Supposita angenommen werden sollen.
Dagegen spricht, dass Damascenus sagt (De Fide Orth. iii, 11), dass der Sohn Gottes „die menschliche Natur nicht als eine Spezies annahm, noch nahm Er alle ihre Hypostasen an“.
Ich antworte darauf, dass es unangemessen war, dass die menschliche Natur vom Wort in allen ihren Supposita angenommen wurde. Erstens, weil die Vielheit der Supposita der menschlichen Natur, die ihr natürlich sind, weggenommen worden wäre. Denn da wir kein anderes Suppositum in der angenommenen Natur sehen dürfen außer der annehmenden Person, wie oben gesagt wurde (Artikel [3]), würde folgen, wenn es keine menschliche Natur gäbe außer der angenommenen, dass es nur ein Suppositum der menschlichen Natur gäbe, welches die annehmende Person ist. Zweitens, weil dies der Würde des fleischgewordenen Sohnes Gottes abträglich gewesen wäre, da Er der Erstgeborene vieler Brüder ist gemäß der menschlichen Natur, so wie Er der Erstgeborene aller Geschöpfe ist gemäß der göttlichen, denn dann wären alle Menschen von gleicher Würde. Drittens, weil es angemessen ist, dass, wie ein göttliches Suppositum fleischgeworden ist, Er so eine menschliche Natur annehmen sollte, damit auf beiden Seiten Einheit gefunden werde.
Antwort auf Einwand 1: Angenommen zu werden kommt der menschlichen Natur von sich aus zu, weil es ihr nicht aufgrund einer Person zukommt, wie es der göttlichen Natur zukommt, aufgrund der Person anzunehmen; jedoch nicht so, dass es ihr von sich aus zukommt, als ob es zu ihren wesentlichen Prinzipien gehörte oder als ihre natürliche Eigenschaft, auf welche Weise es all ihren Supposita zukommen würde.
Antwort auf Einwand 2: Die Liebe Gottes zu den Menschen zeigt sich nicht bloß in der Annahme der menschlichen Natur, sondern besonders in dem, was Er in der menschlichen Natur für andere Menschen litt, gemäß Röm 5,8: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“, was nicht stattgefunden hätte, wenn Er die menschliche Natur in allen ihren Supposita angenommen hätte.
Antwort auf Einwand 3: Um den Weg abzukürzen, was jeder geschickte Handwerker tut, darf das, was durch einen getan werden kann, nicht durch viele getan werden. Daher war es höchst angemessen, dass durch einen Menschen alle übrigen gerettet würden.