III, q. 4 a. 1
Ob die menschliche Natur eher annahmefähig war für den Sohn Gottes als jede andere Natur?
Quaestio 4 · Von der Weise der Vereinigung von seiten der menschlichen Natur
Einwand 1: Es scheint, dass die menschliche Natur nicht eher fähig ist, vom Sohn Gottes angenommen zu werden, als irgendeine andere Natur. Denn Augustinus sagt (Ep. ad Volusianum cxxxvii): „Bei Wundertaten ist der ganze Grund der Tat die Macht des Tuenden.“ Nun ist die Macht Gottes, der die Menschwerdung bewirkte, was ein höchst wunderbares Werk ist, nicht auf eine Natur beschränkt, da die Macht Gottes unendlich ist. Also ist die menschliche Natur nicht eher fähig, angenommen zu werden, als irgendein anderes Geschöpf.
Einwand 2: Ferner ist die Ähnlichkeit der Grund der Angemessenheit der Menschwerdung der göttlichen Person, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [3], Artikel [8]). Wie wir aber in den vernunftbegabten Geschöpfen die Ähnlichkeit des Bildes finden, so finden wir in den vernunftlosen Geschöpfen das Bild der Spur. Also war das vernunftlose Geschöpf ebenso fähig zur Annahme wie die menschliche Natur.
Einwand 3: Ferner finden wir in der engelgleichen Natur eine vollkommenere Ähnlichkeit als in der menschlichen Natur, wie Gregor sagt (Hom. de Cent. Ovib.; xxxiv in Ev.), wo er Ezech. 28,12 anführt: „Du warst das Siegel der Ähnlichkeit.“ Und die Sünde findet sich in den Engeln ebenso wie im Menschen, gemäß Ijob 4,18: „Und in seinen Engeln fand er Bosheit.“ Also war die engelgleiche Natur ebenso fähig zur Annahme wie die Natur des Menschen.
Einwand 4: Ferner, da die höchste Vollkommenheit Gott zukommt, ist ein Ding umso vollkommener, je ähnlicher es Gott ist. Das ganze Universum aber ist vollkommener als seine Teile, zu denen die menschliche Natur gehört. Also ist das ganze Universum eher fähig, angenommen zu werden, als die menschliche Natur.
Dagegen spricht, dass es (Spr 8,31) aus dem Mund der gezeugten Weisheit heißt: „Meine Lust war es, bei den Menschenkindern zu sein“; und daher scheint eine gewisse Angemessenheit in der Vereinigung des Sohnes Gottes mit der menschlichen Natur zu liegen.
Ich antworte darauf, dass etwas als annahmefähig bezeichnet wird, insofern es fähig ist, von einer göttlichen Person angenommen zu werden; und diese Fähigkeit kann nicht in Bezug auf die natürliche passive Potenz verstanden werden, welche sich nicht auf das erstreckt, was die natürliche Ordnung übersteigt, wie die personale Vereinigung eines Geschöpfes mit Gott sie übersteigt. Daher folgt, dass etwas gemäß einer gewissen Angemessenheit für eine solche Vereinigung als annahmefähig bezeichnet wird. Diese Angemessenheit nun kann bei der menschlichen Natur von zwei Dingen hergenommen werden, nämlich gemäß ihrer Würde und gemäß ihrer Bedürftigkeit. Gemäß ihrer Würde, weil die menschliche Natur, da sie vernünftig und intellektuell ist, dazu geschaffen wurde, das Wort durch ihre Tätigkeit, nämlich durch Erkennen und Lieben, in gewissem Maße zu erreichen. Gemäß ihrer Bedürftigkeit – weil sie der Wiederherstellung bedurfte, da sie unter die Erbsünde gefallen war. Diese beiden Dinge nun kommen allein der menschlichen Natur zu. Denn im vernunftlosen Geschöpf fehlt die Angemessenheit der Würde, und in der engelgleichen Natur fehlt die genannte Angemessenheit der Bedürftigkeit. Daher folgt, dass nur die menschliche Natur annahmefähig war.
Antwort auf Einwand 1: Geschöpfe werden als „so beschaffen“ bezeichnet in Bezug auf ihre eigenen Ursachen, nicht in Bezug auf das, was ihnen von ihren ersten und universalen Ursachen zukommt; so nennen wir eine Krankheit unheilbar, nicht weil sie nicht von Gott geheilt werden kann, sondern weil sie nicht durch die eigenen Prinzipien des Subjekts geheilt werden kann. Daher wird ein Geschöpf als nicht annahmefähig bezeichnet, nicht als ob wir der Macht Gottes etwas absprächen, sondern um die Beschaffenheit des Geschöpfes aufzuzeigen, das keine Fähigkeit hierzu besitzt.
Antwort auf Einwand 2: Die Ähnlichkeit des Bildes findet sich in der menschlichen Natur, insofern sie Gottes fähig ist, nämlich indem sie Ihn durch ihre eigene Tätigkeit der Erkenntnis und Liebe erreicht. Die Ähnlichkeit der Spur aber betrifft nur eine Repräsentation durch göttliche Einprägung, die im Geschöpf existiert, und impliziert nicht, dass das vernunftlose Geschöpf, in dem eine solche Ähnlichkeit ist, Gott durch seine eigene Tätigkeit allein erreichen kann. Denn was nicht an das Geringere heranreicht, hat keine Angemessenheit für das Größere; wie ein Körper, der nicht geeignet ist, durch eine sinnliche Seele vervollkommnet zu werden, noch viel weniger geeignet ist für eine intellektuelle Seele. Nun ist die Vereinigung mit Gott im personalen Sein viel größer und vollkommener als die Vereinigung durch Tätigkeit. Und daher hat das vernunftlose Geschöpf, das hinter der Vereinigung mit Gott durch Tätigkeit zurückbleibt, keine Angemessenheit, mit Ihm im personalen Sein vereinigt zu werden.
Antwort auf Einwand 3: Einige sagen, dass Engel nicht annahmefähig sind, da sie in ihrer Personalität vom Beginn ihrer Erschaffung an vollkommen sind, insofern sie nicht dem Werden und Vergehen unterworfen sind; daher können sie nicht zur Einheit einer göttlichen Person angenommen werden, es sei denn, ihre Personalität würde zerstört, und dies ziemt weder der Unvergänglichkeit ihrer Natur noch der Güte des Annehmenden, dem es nicht zukommt, irgendeine Vollkommenheit im angenommenen Geschöpf zu zerstören. Aber dies scheint die Angemessenheit der engelgleichen Natur für die Annahme nicht gänzlich zu widerlegen. Denn Gott könnte, indem Er eine neue engelgleiche Natur hervorbringt, diese in der Einheit der Person mit sich verbinden, und auf diese Weise würde nichts in ihr Präexistierendes zerstört werden. Aber wie oben gesagt wurde, fehlt die Angemessenheit der Bedürftigkeit, weil, obwohl die engelgleiche Natur in einigen Subjekt der Sünde ist, ihre Sünde unheilbar ist, wie oben dargelegt wurde (FP, Quaestio [64], Artikel [2]).
Antwort auf Einwand 4: Die Vollkommenheit des Universums ist nicht die Vollkommenheit einer einzigen Person oder eines Suppositums, sondern von etwas, das eins ist durch Position oder Ordnung, wovon sehr viele Teile nicht fähig zur Annahme sind, wie oben gesagt wurde. Daher folgt, dass nur die menschliche Natur fähig ist, angenommen zu werden.