III, q. 4 a. 2
Ob der Sohn Gottes eine Person annahm?
Quaestio 4 · Von der Weise der Vereinigung von seiten der menschlichen Natur
Einwand 1: Es scheint, dass der Sohn Gottes eine Person annahm. Denn Damascenus sagt (De Fide Orth. iii, 11), dass der Sohn Gottes die menschliche Natur „in atomo“, d.h. in einem Individuum, annahm. Aber ein Individuum in der vernünftigen Natur ist eine Person, wie aus Boethius (De Duab. Nat.) klar hervorgeht. Also nahm der Sohn Gottes eine Person an.
Einwand 2: Ferner sagt Damascenus (De Fide Orth. iii, 6), dass der Sohn Gottes annahm, „was Er in unsere Natur gesät hatte“. Aber Er säte dort unsere Personalität. Also nahm der Sohn Gottes eine Person an.
Einwand 3: Ferner wird nichts absorbiert, es sei denn, es existiert. Aber Innozenz III. [*Paschas. Diac., De Spiritu Sanct. ii] sagt in einer Dekretale, dass „die Person Gottes die Person des Menschen absorbierte“. Daher scheint es, dass die Person des Menschen existierte, bevor sie angenommen wurde.
Dagegen spricht, dass Augustinus [*Fulgentius] sagt (De Fide ad Petrum ii), dass „Gott die Natur, nicht die Person des Menschen annahm“.
Ich antworte darauf, dass etwas als angenommen bezeichnet wird, insofern es in ein anderes aufgenommen wird. Daher muss das, was angenommen wird, der Annahme vorausgesetzt sein, wie das, was örtlich bewegt wird, der Bewegung vorausgesetzt ist. Nun ist eine Person in der menschlichen Natur der Annahme nicht vorausgesetzt; vielmehr ist sie der Terminus (Zielpunkt) der Annahme, wie gesagt wurde (Quaestio [3], Artikel [1],2). Denn wäre sie vorausgesetzt, müsste sie entweder zerstört worden sein – in welchem Fall sie nutzlos war; oder sie bleibt nach der Vereinigung bestehen – und so gäbe es zwei Personen, eine annehmende und die andere angenommen, was falsch ist, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [2], Artikel [6]). Daher folgt, dass der Sohn Gottes in keiner Weise eine menschliche Person annahm.
Antwort auf Einwand 1: Der Sohn Gottes nahm die menschliche Natur „in atomo“ an, d.h. in einem Individuum, welches kein anderes ist als das ungeschaffene Suppositum, die Person des Sohnes Gottes. Daher folgt nicht, dass eine Person angenommen wurde.
Antwort auf Einwand 2: Der angenommenen Natur fehlt ihre eigene Personalität nicht durch den Verlust von irgendetwas, das zur Vollkommenheit der menschlichen Natur gehört, sondern durch das Hinzukommen von etwas, das über der menschlichen Natur ist, nämlich die Vereinigung mit einer göttlichen Person.
Antwort auf Einwand 3: Absorption impliziert hier nicht die Zerstörung von etwas Präexistierendem, sondern die Hinderung dessen, was sonst hätte sein können. Denn wenn die menschliche Natur nicht von einer göttlichen Person angenommen worden wäre, hätte die menschliche Natur ihre eigene Personalität gehabt; und in dieser Weise wird gesagt, wenngleich uneigentlich, dass die Person „die Person absorbierte“, insofern die göttliche Person durch ihre Vereinigung verhinderte, dass die menschliche Natur ihre Personalität hatte.