III, q. 3 a. 8
Ob es angemessener war, dass die Person des Sohnes statt irgendeiner anderen göttlichen Person die menschliche Natur annahm?
Quaestio 3 · Von der Art der Vereinigung von seiten der annehmenden Person
Einwand 1: Es scheint, dass es nicht angemessener war, dass der Sohn Gottes fleischgeworden ist, als der Vater oder der Heilige Geist. Denn durch das Mysterium der Menschwerdung werden die Menschen zur wahren Erkenntnis Gottes geführt, gemäß Joh 18,37: „Dazu bin ich geboren und dazu bin ich in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Aber dadurch, dass die Person des Sohnes Gottes fleischgeworden ist, sind viele von der wahren Erkenntnis Gottes abgehalten worden, da sie auf die Person des Sohnes selbst bezogen, was vom Sohn in seiner menschlichen Natur gesagt wurde, wie Arius, der eine Ungleichheit der Personen vertrat, gemäß dem, was gesagt wird (Joh 14,28): „Der Vater ist größer als ich.“ Nun wäre dieser Irrtum nicht entstanden, wenn die Person des Vaters fleischgeworden wäre, denn niemand hätte den Vater für geringer als den Sohn gehalten. Daher scheint es angemessen, dass eher die Person des Vaters als die Person des Sohnes hätte fleischgeworden sein sollen.
Einwand 2: Ferner scheint die Wirkung der Menschwerdung gleichsam eine zweite Schöpfung der menschlichen Natur zu sein, gemäß Gal 6,15: „Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung etwas noch Unbeschnittensein, sondern eine neue Kreatur.“ Aber die Macht der Schöpfung wird dem Vater appropriiert. Daher wäre es dem Vater angemessener gewesen als dem Sohn, fleischgeworden zu sein.
Einwand 3: Ferner ist die Menschwerdung auf die Vergebung der Sünden hingeordnet, gemäß Mt 1,21: „Du sollst seinen Namen Jesus nennen. Denn er wird sein Volk von ihren Sünden erlösen.“ Nun wird die Vergebung der Sünden dem Heiligen Geist zugeschrieben gemäß Joh 20,22.23: „Empfangt den Heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben.“ Daher geziemte es eher der Person des Heiligen Geistes als der Person des Sohnes, fleischgeworden zu sein.
Dagegen spricht, dass Damascenus sagt (De Fide Orth. iii, 1): „Im Mysterium der Menschwerdung werden die Weisheit und Macht Gottes kundgetan: die Weisheit, denn er fand eine höchst passende Begleichung für eine höchst schwere Schuld; die Macht, denn er machte den Besiegten zum Sieger.“ Aber Macht und Weisheit werden dem Sohn appropriiert, gemäß 1 Kor 1,24: „Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ Daher war es angemessen, dass die Person des Sohnes fleischgeworden ist.
Ich antworte darauf, dass es höchst angemessen war, dass die Person des Sohnes fleischgeworden ist. Erstens aufseiten der Vereinigung; denn solche, die ähnlich sind, werden passenderweise vereint. Nun hat die Person des Sohnes, der das Wort Gottes ist, eine gewisse gemeinsame Übereinstimmung mit allen Geschöpfen, weil das Wort des Künstlers, d.h. sein Konzept, eine exemplarische Ähnlichkeit dessen ist, was immer von ihm gemacht wird. Daher ist das Wort Gottes, das sein ewiges Konzept ist, die exemplarische Ähnlichkeit aller Geschöpfe. Und deshalb, wie die Geschöpfe in ihren eigenen Spezies, wenn auch veränderlich, durch die Teilhabe an dieser Ähnlichkeit begründet sind, so war es angemessen, dass das Geschöpf durch die nicht-teilhabende und personale Vereinigung des Wortes mit einem Geschöpf wiederhergestellt würde im Hinblick auf seine ewige und unveränderliche Vollkommenheit; denn der Künstler stellt sein Handwerk, wenn es in Verfall geraten ist, durch die intelligible Form seiner Kunst wieder her, womit er es gestaltet hat. Überdies hat Er eine besondere Übereinstimmung mit der menschlichen Natur, da das Wort ein Konzept der ewigen Weisheit ist, von der alle Weisheit des Menschen abgeleitet ist. Und daher wird der Mensch in der Weisheit vervollkommnet (welche seine eigentliche Vollkommenheit ist, da er vernunftbegabt ist), indem er am Wort Gottes teilhat, wie der Schüler unterwiesen wird, indem er das Wort seines Meisters empfängt. Daher heißt es (Sir 1,5): „Das Wort Gottes in der Höhe ist die Quelle der Weisheit.“ Und daher war es für die vollendete Vollkommenheit des Menschen angemessen, dass das Wort Gottes selbst persönlich mit der menschlichen Natur vereint würde.
Zweitens kann der Grund dieser Angemessenheit vom Ziel der Vereinigung genommen werden, welches die Erfüllung der Vorherbestimmung ist, d.h. derer, die zum himmlischen Erbe vorherbestimmt sind, welches nur Söhnen verliehen wird, gemäß Röm 8,17: „Wenn aber Kinder, dann auch Erben.“ Daher war es angemessen, dass durch Ihn, der der natürliche Sohn ist, die Menschen diese Ähnlichkeit der Sohnschaft durch Adoption teilen sollten, wie der Apostel im selben Kapitel sagt (Röm 8,29): „Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes.“
Drittens kann der Grund für diese Angemessenheit von der Sünde unseres ersten Elternteils genommen werden, für welche die Menschwerdung das Heilmittel lieferte. Denn der erste Mensch sündigte, indem er nach Wissen suchte, wie aus den Worten der Schlange klar ist, die dem Menschen das Wissen von Gut und Böse versprach. Daher war es angemessen, dass der Mensch durch das Wort des wahren Wissens zu Gott zurückgeführt würde, nachdem er durch einen ungeordneten Durst nach Wissen von Gott abgeirrt war.
Antwort auf Einwand 1: Es gibt nichts, was die menschliche Bosheit nicht missbrauchen kann, da sie sogar Gottes Güte missbraucht, gemäß Röm 2,4: „Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte?“ Daher, selbst wenn die Person des Vaters fleischgeworden wäre, wären die Menschen fähig gewesen, einen Anlass zum Irrtum zu finden, als ob der Sohn nicht fähig wäre, die menschliche Natur wiederherzustellen.
Antwort auf Einwand 2: Die erste Schöpfung der Dinge wurde durch die Macht Gottes des Vaters durch das Wort gemacht; daher sollte die zweite Schöpfung durch das Wort, durch die Macht Gottes des Vaters, zustande gebracht werden, damit die Wiederherstellung der Schöpfung entspreche, gemäß 2 Kor 5,19: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst.“
Antwort auf Einwand 3: Die Gabe des Vaters und des Sohnes zu sein, ist dem Heiligen Geist eigen. Aber die Vergebung der Sünden wird vom Heiligen Geist bewirkt, als durch die Gabe Gottes. Und daher war es für die Rechtfertigung des Menschen angemessener, dass der Sohn fleischgeworden ist, dessen Gabe der Heilige Geist ist.