III, q. 3 a. 2
Ob es der göttlichen Natur zukommt, anzunehmen?
Quaestio 3 · Von der Art der Vereinigung von seiten der annehmenden Person
Einwand 1: Es scheint, dass es der göttlichen Natur nicht zukommt, anzunehmen. Denn wie oben gesagt wurde (Artikel [1]), heißt annehmen, etwas zu sich zu nehmen. Aber die göttliche Natur hat die menschliche Natur nicht zu sich genommen, denn die Vereinigung fand nicht in der Natur statt, wie oben gesagt wurde (Frage [2], Artikel [1], 3). Daher kommt es der göttlichen Natur nicht zu, die menschliche Natur anzunehmen.
Einwand 2: Ferner ist die göttliche Natur den drei Personen gemeinsam. Wenn es also der göttlichen Natur zukommt, anzunehmen, so kommt es folglich den drei Personen zu; und so hätte der Vater die menschliche Natur ebenso angenommen wie der Sohn, was irrig ist.
Einwand 3: Ferner heißt annehmen handeln. Aber zu handeln kommt einer Person zu, nicht einer Natur, die vielmehr als das Prinzip aufgefasst wird, durch welches das Agens handelt. Daher kommt das Annehmen der Natur nicht zu.
Dagegen spricht, dass Augustinus (Fulgentius) sagt (De Fide ad Petrum ii): „Jene Natur, die ewig vom Vater gezeugt bleibt“ (d.h. die durch ewige Zeugung vom Vater empfangen ist), „nahm unsere Natur frei von Sünde aus seiner Mutter an.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]), im Wort Annahme zwei Dinge bezeichnet werden – nämlich das Prinzip und der Terminus der Handlung. Nun kommt es der göttlichen Natur an sich zu, das Prinzip der Annahme zu sein, weil die Annahme durch ihre Kraft geschah; aber der Terminus der Annahme zu sein, kommt der göttlichen Natur nicht an sich zu, sondern aufgrund der Person, in der sie betrachtet wird. Daher wird primär und im eigentlicheren Sinne von einer Person gesagt, dass sie annimmt; sekundär aber kann gesagt werden, dass die Natur eine Natur zu ihrer Person annahm. Und in gleicher Weise wird auch von der Natur gesagt, dass sie fleischgeworden ist, nicht dass sie in Fleisch verwandelt wurde, sondern dass sie die Natur des Fleisches annahm. Daher sagt Damascenus (De Fide Orth. iii, 6): „Dem seligen Athanasius und Cyrill folgend sagen wir, dass die Natur Gottes fleischgeworden ist.“
Antwort auf Einwand 1: „Sich“ ist reflexiv und weist auf dasselbe Suppositum hin. Aber die göttliche Natur ist kein von der Person des Wortes verschiedenes Suppositum. Insofern also die göttliche Natur die menschliche Natur zur Person des Wortes nahm, wird gesagt, dass sie sie zu sich nahm. Aber obwohl der Vater die menschliche Natur zur Person des Wortes nimmt, nahm er sie dadurch nicht zu sich selbst, denn das Suppositum des Vaters und des Sohnes ist nicht eines; und daher kann nicht eigentlich gesagt werden, dass der Vater die menschliche Natur annimmt.
Antwort auf Einwand 2: Was der göttlichen Natur an sich zukommt, kommt den drei Personen zu, wie Güte, Weisheit und dergleichen. Aber anzunehmen kommt ihr aufgrund der Person des Wortes zu, wie oben gesagt wurde, und daher kommt es jener Person allein zu.
Antwort auf Einwand 3: Wie in Gott „was ist“ und „wodurch es ist“ dasselbe sind, so sind in Ihm auch „was handelt“ und „wodurch es handelt“ dasselbe, da alles handelt, insofern es ein Seiendes ist. Daher ist die göttliche Natur sowohl das, wodurch Gott handelt, als auch der Gott selbst, der handelt.