III, q. 25 a. 6
Ob den Reliquien der Heiligen irgendeine Verehrung gebührt?
Quaestio 25 · Von der Anbetung Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die Reliquien der Heiligen überhaupt nicht verehrt werden sollen. Denn wir sollten vermeiden zu tun, was Anlass zum Irrtum sein kann. Aber die Reliquien der Toten zu verehren, scheint nach dem Irrtum der Heiden zu schmecken, die toten Menschen Ehre erwiesen. Deshalb sind die Reliquien der Heiligen nicht zu ehren.
Einwand 2: Ferner scheint es absurd, das Unempfindliche zu verehren. Aber die Reliquien der Heiligen sind unempfindlich. Deshalb ist es absurd, sie zu verehren.
Einwand 3: Ferner ist ein toter Körper nicht von derselben Spezies wie ein lebender Körper: folglich scheint er nicht mit ihm identisch zu sein. Deshalb scheint es, dass sein Körper nach dem Tod eines Heiligen nicht verehrt werden sollte.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (De Eccles. Dogm. xl): „Wir glauben, dass die Leiber der Heiligen, vor allem die Reliquien der seligen Märtyrer, als Glieder Christi in aller Aufrichtigkeit verehrt werden sollen“: und weiter unten: „Wenn jemand eine gegenteilige Meinung vertritt, wird er nicht als Christ angesehen, sondern als ein Anhänger von Eunomius und Vigilantius.“
Ich antworte darauf, dass, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei i, 13): „Wenn der Rock oder Ring eines Vaters oder irgendetwas anderes dieser Art von seinen Kindern umso mehr geschätzt wird, je größer die Liebe zu den Eltern ist, so sind die Leiber selbst keineswegs zu verachten, die viel inniger und enger mit uns vereint sind als irgendein Gewand; denn sie gehören zur wahren Natur des Menschen.“ Hieraus ist klar, dass derjenige, der eine gewisse Zuneigung zu jemandem hat, alles verehrt, was von ihm nach seinem Tod übrig ist, nicht nur seinen Leib und dessen Teile, sondern sogar äußere Dinge, wie seine Kleider und dergleichen. Nun ist es offenkundig, dass wir den Heiligen Gottes Ehre erweisen sollten, als Gliedern Christi, Kindern und Freunden Gottes und unseren Fürsprechern. Weshalb wir zu ihrem Gedächtnis jegliche Reliquien von ihnen auf geziemende Weise ehren müssen: vornehmlich ihre Leiber, die Tempel und Werkzeuge des in ihnen wohnenden und wirkenden Heiligen Geistes waren und dazu bestimmt sind, durch die Herrlichkeit der Auferstehung dem Leib Christi gleichgestaltet zu werden. Daher ehrt Gott selbst solche Reliquien auf geziemende Weise, indem Er in ihrer Gegenwart Wunder wirkt.
Antwort auf Einwand 1: Dies war das Argument des Vigilantius, dessen Worte Hieronymus in dem Buch, das er gegen ihn schrieb (Kap. ii), wie folgt zitiert: „Wir sehen etwas wie einen heidnischen Ritus unter dem Vorwand der Religion eingeführt; sie verehren mit Küssen ich weiß nicht was für ein winziges Häufchen Staub in einem armseligen Gefäß, umgeben von kostbarem Leinen.“ Ihm antwortet Hieronymus (Ep. ad Ripar. cix): „Wir beten nicht an, ich will nicht sagen die Reliquien der Märtyrer, sondern weder die Sonne noch den Mond noch sogar die Engel“ – das heißt, mit der Verehrung der „Latrie“. „Aber wir ehren die Reliquien der Märtyrer, damit wir dadurch Dem Ehre geben, dessen Märtyrer [*Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ‚Märtyrer‘, d.h. das griechische {martys}, ist ‚ein Zeuge‘] sie sind: wir ehren die Diener, damit die ihnen erwiesene Ehre auf ihren Herrn zurückfalle.“ Folglich verfallen wir durch die Ehrung der Märtyrerreliquien nicht dem Irrtum der Heiden, die toten Menschen die Verehrung der „Latrie“ gaben.
Antwort auf Einwand 2: Wir verehren jenen unempfindlichen Leib nicht um seiner selbst willen, sondern um der Seele willen, die einst mit ihm vereint war und nun Gott genießt; und um Gottes willen, dessen Diener die Heiligen waren.
Antwort auf Einwand 3: Der tote Leib eines Heiligen ist nicht identisch mit dem, den der Heilige während des Lebens hatte, aufgrund der Verschiedenheit der Form, nämlich der Seele: aber er ist derselbe durch Identität der Materie, die dazu bestimmt ist, wieder mit ihrer Form vereint zu werden.