III, q. 25 a. 2
Ob die Menschheit Christi mit der Anbetung der „Latrie“ angebetet werden soll?
Quaestio 25 · Von der Anbetung Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die Seele Christi nicht mit der Anbetung der „Latrie“ angebetet werden soll. Denn zu den Worten von Ps 98,5: „Betet an den Schemel seiner Füße, denn er ist heilig“, sagt eine Glosse: „Das vom Wort Gottes angenommene Fleisch wird zu Recht von uns angebetet: denn niemand nimmt geistlich an seinem Fleisch teil, wenn er es nicht zuvor anbetet; aber freilich nicht mit der Anbetung, die ‚Latrie‘ genannt wird, welche allein dem Schöpfer gebührt.“ Nun ist das Fleisch Teil der Menschheit. Deshalb ist die Menschheit Christi nicht mit der Anbetung der „Latrie“ anzubeten.
Einwand 2: Ferner darf der Kult der „Latrie“ keinem Geschöpf erwiesen werden: denn aus diesem Grund wurden die Heiden getadelt, dass sie „dem Geschöpf Verehrung und Dienst erwiesen“, wie geschrieben steht (Röm 1,25). Die Menschheit Christi aber ist ein Geschöpf. Deshalb sollte sie nicht mit der Anbetung der „Latrie“ angebetet werden.
Einwand 3: Ferner gebührt die Anbetung der „Latrie“ Gott in Anerkennung seiner höchsten Herrschaft, gemäß Dtn 6,13: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten [Vulg.: ‚fürchten‘; vgl. Mt 4,10] und Ihm allein dienen.“ Christus als Mensch aber ist geringer als der Vater. Deshalb ist seine Menschheit nicht mit der Anbetung der „Latrie“ anzubeten.
Dagegen spricht, was Damascenus sagt (De Fide Orth. iv, 3): „Wegen der Fleischwerdung des göttlichen Wortes beten wir das Fleisch Christi an, nicht um seiner selbst willen, sondern weil das Wort Gottes der Person nach damit vereint ist.“ Und zu Ps 98,5: „Betet an den Schemel seiner Füße“, sagt eine Glosse: „Wer den Leib Christi anbetet, achtet nicht auf die Erde, sondern vielmehr auf Ihn, dessen Schemel sie ist, zu dessen Ehre er den Schemel anbetet.“ Aber das fleischgewordene Wort wird mit der Anbetung der „Latrie“ angebetet. Deshalb auch sein Leib oder seine Menschheit.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [1]), die Anbetung der subsistierenden Hypostase gebührt: doch kann der Grund für die Ehrung etwas nicht Subsistierendes sein, aufgrund dessen die Person, in der es ist, geehrt wird. Und so kann die Anbetung der Menschheit Christi auf zwei Arten verstanden werden. Erstens so, dass die Menschheit das angebetete Ding ist: und so ist das Anbeten des Fleisches Christi nichts anderes als das Anbeten des fleischgewordenen Wortes Gottes: so wie das Anbeten des Gewandes eines Königs nichts anderes ist als das Anbeten eines gewandeten Königs. Und in diesem Sinne ist die Anbetung der Menschheit Christi die Anbetung der „Latrie“. Zweitens kann die Anbetung der Menschheit Christi so aufgefasst werden, dass sie aufgrund ihrer Vollendung durch jede Gnadengabe erfolgt. Und in diesem Sinne ist die Anbetung der Menschheit Christi nicht die Anbetung der „Latrie“, sondern der „Dulie“. So dass ein und dieselbe Person Christi mit „Latrie“ angebetet wird aufgrund seiner Gottheit, und mit „Dulie“ aufgrund seiner vollkommenen Menschheit.
Und dies ist nicht unpassend. Denn die Ehre der „Latrie“ gebührt Gott dem Vater selbst aufgrund seiner Gottheit; und die Ehre der „Dulie“ aufgrund der Herrschaft, mit der Er über die Geschöpfe herrscht. Weshalb zu Ps 7,2: „Herr, mein Gott, auf Dich habe ich gehofft“, eine Glosse sagt: „Herr über alles durch Macht, dem die ‚Dulie‘ gebührt: Gott über alles durch Schöpfung, dem die ‚Latrie‘ gebührt.“
Antwort auf Einwand 1: Jene Glosse ist nicht so zu verstehen, als ob das Fleisch Christi getrennt von seiner Gottheit angebetet würde: denn dies könnte nur geschehen, wenn es eine Hypostase Gottes und eine andere des Menschen gäbe. Da aber, wie Damascenus sagt (De Fide Orth. iv, 3): „Wenn du durch eine subtile Unterscheidung das Gesehene von dem Verstandenen trennst, kann es nicht angebetet werden, weil es ein Geschöpf ist“ – das heißt, mit der Anbetung der „Latrie“. Und dann, so verstanden als unterschieden vom Wort Gottes, sollte es mit der Anbetung der „Dulie“ angebetet werden; nicht mit irgendeiner Art von „Dulie“, wie sie anderen Geschöpfen erwiesen wird, sondern mit einer gewissen höheren Anbetung, die „Hyperdulie“ genannt wird.
Hieraus ergeben sich die Antworten auf den zweiten und dritten Einwand. Denn die Anbetung der „Latrie“ wird der Menschheit Christi nicht in Bezug auf sie selbst erwiesen, sondern in Bezug auf die Gottheit, mit der sie vereint ist, aufgrund derer Christus nicht geringer ist als der Vater.