III, q. 25 a. 4
Ob das Kreuz Christi mit der Anbetung der „Latrie“ verehrt werden soll?
Quaestio 25 · Von der Anbetung Christi
Einwand 1: Es scheint, dass das Kreuz Christi nicht mit der Anbetung der „Latrie“ verehrt werden soll. Denn kein pflichtbewusster Sohn ehrt das, was seinen Vater entehrt, wie die Geißel, mit der er gegeißelt wurde, oder den Galgen, an dem er gehängt wurde; vielmehr verabscheut er es. Nun erlitt Christus den schändlichsten Tod am Kreuz; gemäß Weish 2,20: „Lasst uns ihn zu einem schändlichen Tod verurteilen.“ Deshalb sollten wir das Kreuz nicht verehren, sondern es vielmehr verabscheuen.
Einwand 2: Ferner wird die Menschheit Christi mit der Anbetung der „Latrie“ verehrt, insofern sie mit dem Sohn Gottes in der Person vereint ist. Dies aber kann vom Kreuz nicht gesagt werden. Deshalb sollte das Kreuz Christi nicht mit der Anbetung der „Latrie“ verehrt werden.
Einwand 3: Ferner, wie das Kreuz Christi das Werkzeug seines Leidens und Todes war, so waren es auch viele andere Dinge, zum Beispiel die Nägel, die Krone, die Lanze; doch diesen erweisen wir nicht den Kult der „Latrie“. Es scheint daher, dass das Kreuz Christi nicht mit der Anbetung der „Latrie“ verehrt werden soll.
Dagegen spricht, dass wir den Kult der „Latrie“ dem erweisen, worauf wir unsere Hoffnung auf das Heil setzen. Wir setzen aber unsere Hoffnung auf das Kreuz Christi, denn die Kirche singt:
„O Kreuz, du einzige Hoffnung, sei gegrüßt!
In dieser Zeit der Passion
mehres den Gerechten die Gnade
und schenke den Sündern Vergebung.“
[*Hymnus Vexilla Regis] Deshalb sollte das Kreuz Christi mit der Anbetung der „Latrie“ verehrt werden.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [3]), Ehre oder Ehrfurcht nur einem vernunftbegabten Geschöpf gebührt; während einem unempfindlichen Geschöpf keine Ehre oder Ehrfurcht gebührt, außer aufgrund einer vernunftbegabten Natur. Und dies auf zweierlei Weise. Erstens, insofern es eine vernunftbegabte Natur darstellt: zweitens, insofern es mit ihr auf irgendeine Weise vereint ist. Auf die erste Weise pflegen die Menschen das Bild des Königs zu verehren; auf die zweite Weise sein Gewand. Und beide werden von den Menschen mit derselben Verehrung verehrt, die sie dem König erweisen.
Wenn wir also vom Kreuz selbst sprechen, an dem Christus gekreuzigt wurde, so ist es von uns auf beide Weisen zu verehren – nämlich auf eine Weise, insofern es uns die Gestalt des darauf ausgestreckten Christus darstellt; auf die andere Weise aufgrund seiner Berührung mit den Gliedern Christi und weil es mit seinem Blut getränkt wurde. Weshalb es auf jede Weise mit derselben Anbetung verehrt wird wie Christus, nämlich mit der Anbetung der „Latrie“. Und aus diesem Grund sprechen wir auch zum Kreuz und beten zu ihm wie zum Gekreuzigten selbst. Wenn wir aber vom Abbild des Kreuzes Christi in irgendeinem anderen Material sprechen – zum Beispiel in Stein oder Holz, Silber oder Gold –, so verehren wir das Kreuz lediglich als Bild Christi, welches wir mit der Anbetung der „Latrie“ verehren, wie oben dargelegt (Artikel [3]).
Antwort auf Einwand 1: Wenn wir im Kreuz Christi den Gesichtspunkt und die Absicht jener betrachten, die nicht an Ihn glaubten, wird es als seine Schande erscheinen: wenn wir aber seine Wirkung betrachten, welche unser Heil ist, wird es als mit göttlicher Kraft begabt erscheinen, durch die es über den Feind triumphierte, gemäß Kol 2,14.15: „Er hat ihn aus der Mitte geschafft, indem er ihn ans Kreuz heftete; und nachdem er die Fürstentümer und Mächte entwaffnet hatte, stellte er sie offen zur Schau und triumphierte über sie in sich selbst.“ Weshalb der Apostel sagt (1 Kor 1,18): „Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; denen aber, die gerettet werden – das heißt uns –, ist es Gottes Kraft.“
Antwort auf Einwand 2: Obwohl das Kreuz Christi nicht mit dem Wort Gottes in der Person vereint war, so war es doch auf eine andere Weise mit Ihm vereint, nämlich durch Darstellung und Berührung. Und aus diesem einzigen Grund wird ihm Ehrfurcht erwiesen.
Antwort auf Einwand 3: Aufgrund der Berührung der Glieder Christi verehren wir nicht nur das Kreuz, sondern alles, was zu Christus gehört. Weshalb Damascenus sagt (De Fide Orth. iv, 11): „Das kostbare Holz, da es durch die Berührung seines heiligen Leibes und Blutes geheiligt wurde, sollte geziemend verehrt werden; wie auch seine Nägel, seine Lanze und seine heiligen Wohnstätten, wie die Krippe, die Höhle und so weiter.“ Doch stellen gerade diese Dinge nicht das Bild Christi dar wie das Kreuz, welches „das Zeichen des Menschensohnes“ genannt wird, das „am Himmel erscheinen wird“, wie geschrieben steht (Mt 24,30). Weshalb der Engel zu den Frauen sagte (Mk 16,6): „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten“: er sagte nicht „den Durchbohrten“, sondern „den Gekreuzigten“. Aus diesem Grund verehren wir das Bild des Kreuzes Christi in jedem Material, aber nicht das Bild der Nägel oder irgendeines solchen Dinges.