III, q. 25 a. 3
Ob das Bild Christi mit der Anbetung der „Latrie“ angebetet werden soll?
Quaestio 25 · Von der Anbetung Christi
Einwand 1: Es scheint, dass das Bild Christi nicht mit der Anbetung der „Latrie“ angebetet werden soll. Denn es steht geschrieben (Ex 20,4): „Du sollst dir kein Schnitzbild machen noch ein Gleichnis von irgendetwas.“ Aber keine Anbetung darf gegen das Gebot Gottes erwiesen werden. Deshalb soll das Bild Christi nicht mit der Anbetung der „Latrie“ angebetet werden.
Einwand 2: Ferner sollten wir nichts gemein haben mit den Werken der Heiden, wie der Apostel sagt (Eph 5,11). Die Heiden aber werden hauptsächlich dafür getadelt, dass sie „die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in die Ähnlichkeit des Bildes eines vergänglichen Menschen verwandelt haben“, wie geschrieben steht (Röm 1,23). Deshalb ist das Bild Christi nicht mit der Anbetung der „Latrie“ anzubeten.
Einwand 3: Ferner gebührt Christus die Anbetung der „Latrie“ aufgrund seiner Gottheit, nicht seiner Menschheit. Aber die Anbetung der „Latrie“ gebührt nicht dem Bild seiner Gottheit, das der vernunftbegabten Seele eingeprägt ist. Viel weniger also gebührt sie dem materiellen Bild, das die Menschheit Christi selbst darstellt.
Einwand 4: Ferner scheint es, dass im göttlichen Kult nichts getan werden sollte, was nicht von Gott eingesetzt ist; weshalb der Apostel (1 Kor 11,23), als er im Begriff war, die Lehre vom Opfer der Kirche darzulegen, sagt: „Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch auch überliefert habe.“ Die Schrift aber legt nichts bezüglich der Anbetung von Bildern fest. Deshalb ist das Bild Christi nicht mit der Anbetung der „Latrie“ anzubeten.
Dagegen spricht, dass Damascenus (De Fide Orth. iv, 16) Basilius zitiert, der sagt: „Die dem Bild erwiesene Ehre geht auf den Urtyp über“, d.h. das Vorbild. Aber das Vorbild selbst – nämlich Christus – ist mit der Anbetung der „Latrie“ anzubeten; deshalb auch sein Bild.
Ich antworte darauf, dass es, wie der Philosoph sagt (De Memor. et Remin. i), eine zweifache Bewegung des Geistes auf ein Bild hin gibt: eine auf das Bild selbst als ein gewisses Ding; eine andere auf das Bild, insofern es das Bild von etwas anderem ist. Und zwischen diesen Bewegungen besteht dieser Unterschied: dass die erstere, durch die man auf ein Bild als ein gewisses Ding hinbewegt wird, verschieden ist von der Bewegung auf das Ding hin; wohingegen die letztere Bewegung, die auf das Bild als Bild gerichtet ist, eine und dieselbe ist wie jene, die auf das Ding gerichtet ist. So müssen wir also sagen, dass dem Bild Christi keine Ehrfurcht erwiesen wird als einem Ding – zum Beispiel geschnitztem oder bemaltem Holz: weil Ehrfurcht nur einem vernunftbegabten Geschöpf gebührt. Es folgt daher, dass ihm Ehrfurcht nur insofern erwiesen werden soll, als es ein Bild ist. Folglich sollte dem Bild Christi dieselbe Ehrfurcht erwiesen werden wie Christus selbst. Da also Christus mit der Anbetung der „Latrie“ angebetet wird, folgt daraus, dass sein Bild mit der Anbetung der „Latrie“ angebetet werden soll.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Gebot verbietet nicht das Machen irgendeines Schnitzbildes oder Gleichnisses, sondern das Machen derselben zum Zwecke der Anbetung, weshalb hinzugefügt wird: „Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen.“ Und weil, wie oben dargelegt, die Bewegung auf das Bild dieselbe ist wie die Bewegung auf das Ding, ist deren Anbetung auf dieselbe Weise verboten wie die Anbetung des Dinges, dessen Bild es ist. Weshalb wir in der zitierten Stelle das Verbot verstehen müssen, jene Bilder anzubeten, welche die Heiden machten, um ihre eigenen Götter, d.h. die Dämonen, zu verehren, und so wird vorausgeschickt: „Du sollst keine fremden Götter neben mir haben.“ Aber kein körperliches Bild könnte zum wahren Gott selbst erhoben werden, da Er unkörperlich ist; weil, wie Damascenus bemerkt (De Fide Orth. iv, 16): „Es die höchste Absurdität und Gottlosigkeit ist, eine Figur dessen zu gestalten, was göttlich ist.“ Aber weil Gott im Neuen Testament Mensch geworden ist, kann Er in seinem körperlichen Bild angebetet werden.
Antwort auf Einwand 2: Der Apostel verbietet uns, etwas mit den „unfruchtbaren Werken“ der Heiden gemein zu haben, aber nicht mit ihren nützlichen Werken. Nun muss die Anbetung von Bildern in zweierlei Hinsicht zu den unfruchtbaren Werken gezählt werden. Erstens, weil einige der Heiden die Bilder selbst als Dinge anbeteten, im Glauben, dass etwas Göttliches darin sei, aufgrund der Antworten, welche die Dämonen in ihnen zu geben pflegten, und aufgrund anderer derartiger wunderbarer Wirkungen. Zweitens aufgrund der Dinge, deren Bilder sie waren; denn sie stellten Bilder für gewisse Geschöpfe auf, denen sie in diesen Bildern die Verehrung der „Latrie“ erwiesen. Wohingegen wir dem Bild Christi, der wahrer Gott ist, die Anbetung der „Latrie“ erweisen, nicht um des Bildes willen, sondern um der Sache willen, deren Bild es ist, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 3: Ehrfurcht gebührt dem vernunftbegabten Geschöpf um seiner selbst willen. Folglich, wenn die Anbetung der „Latrie“ dem vernunftbegabten Geschöpf erwiesen würde, in dem dieses Bild ist, könnte dies ein Anlass zum Irrtum sein – nämlich, dass die Bewegung der Anbetung beim Menschen als einem Ding stehen bliebe und nicht zu Gott weitergeführt würde, dessen Bild er ist. Dies kann im Falle eines geschnitzten oder gemalten Bildes aus unempfindlichem Material nicht geschehen.
Antwort auf Einwand 4: Die Apostel, geleitet durch den inneren Instinkt des Heiligen Geistes, überlieferten den Kirchen gewisse Anweisungen, die sie nicht schriftlich niederlegten, die aber in Übereinstimmung mit der Observanz der Kirche, wie sie von den Gläubigen im Laufe der Zeit praktiziert wurde, angeordnet wurden. Weshalb der Apostel sagt (2 Thess 2,14): „Steht fest und haltet die Überlieferungen, die ihr gelernt habt, sei es durch das Wort“ – das heißt durch mündliches Wort – „oder durch unseren Brief“ – das heißt durch schriftlich niedergelegtes Wort. Zu diesen Überlieferungen gehört die Verehrung des Bildes Christi. Weshalb gesagt wird, dass der selige Lukas das Bild Christi gemalt habe, welches in Rom ist.