III, q. 22 a. 6
: Ob das Priestertum Christi nach der Ordnung Melchisedeks war?
Quaestio 22 · Vom Priestertum Christi
Einwand 1: Es scheint, dass Christi Priestertum nicht nach der Ordnung Melchisedeks war. Denn Christus ist der Quell des gesamten Priestertums, da er der Hauptpriester ist. Nun ist das, was hauptsächliche ist, nicht zweitrangig in Bezug auf andere, sondern andere sind zweitrangig in Bezug darauf. Deshalb sollte Christus nicht Priester nach der Ordnung Melchisedeks genannt werden.
Einwand 2: Ferner war das Priestertum des Alten Gesetzes dem Priestertum Christi ähnlicher als das Priestertum, das vor dem Gesetz existierte. Aber je näher die Sakramente Christus waren, desto klarer bezeichneten sie ihn; wie aus dem hervorgeht, was wir in der SS, Q. 2, Art. 7 gesagt haben. Deshalb sollte das Priestertum Christi eher nach dem Priestertum des Gesetzes benannt werden als nach der Ordnung Melchisedeks, welche vor dem Gesetz war.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Hebr 7,2-3): „Das heißt ‚König des Friedens‘, ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum; er hat weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens“: was nur auf den Sohn Gottes bezogen werden kann. Deshalb sollte Christus nicht Priester nach der Ordnung Melchisedeks genannt werden, wie nach jemand anderem, sondern nach seiner eigenen Ordnung.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Ps 109,4): „Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Art. 4, ad 3), das Priestertum des Gesetzes ein Vorbild des Priestertums Christi war, nicht als die Wirklichkeit adäquat darstellend, sondern als weit dahinter zurückbleibend: sowohl weil das Priestertum des Gesetzes Sünden nicht abwusch, als auch weil es nicht ewig war wie das Priestertum Christi. Die Vorzüglichkeit des Priestertums Christi über das levitische Priestertum nun wurde im Priestertum Melchisedeks vorgebildet, der den Zehnten von Abraham empfing, in dessen Lenden das Priestertum des Gesetzes verzehntet wurde. Folglich wird das Priestertum Christi „nach der Ordnung Melchisedeks“ genannt, wegen der Vorzüglichkeit des wahren Priestertums über das vorbildliche Priestertum des Gesetzes.
Antwort auf Einwand 1: Christus wird nach der Ordnung Melchisedeks genannt, nicht als ob letzterer ein vorzüglicherer Priester wäre, sondern weil er die Vorzüglichkeit des Priestertums Christi über das levitische Priestertum vorbildete.
Antwort auf Einwand 2: Zwei Dinge können im Priestertum Christi betrachtet werden: nämlich die Darbringung, die von Christus gemacht wurde, und (unsere) Teilhabe daran. Was die eigentliche Darbringung betrifft, so wurde das Priestertum Christi deutlicher durch das Priestertum des Gesetzes vorgebildet, wegen des Blutvergießens, als durch das Priestertum Melchisedeks, in welchem es kein Blutvergießen gab. Aber wenn wir die Teilhabe an diesem Opfer und dessen Wirkung betrachten, worin die Vorzüglichkeit des Priestertums Christi über das Priestertum des Gesetzes hauptsächlich besteht, dann wurde ersteres deutlicher durch das Priestertum Melchisedeks vorgebildet, der Brot und Wein darbrachte, was, wie Augustinus sagt (Tract. 26 in Joan.), die kirchliche Einheit bezeichnet, welche durch unsere Teilnahme am Opfer Christi begründet wird. Weshalb auch im Neuen Gesetz das wahre Opfer Christi den Gläubigen unter der Gestalt von Brot und Wein gereicht wird.
Antwort auf Einwand 3: Melchisedek wird als „ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum“ beschrieben, und als einer, der „weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens“ hat, nicht als ob er diese Dinge nicht hätte, sondern weil diese Details in Bezug auf ihn von der Heiligen Schrift nicht geliefert werden. Und dies ist es, dass er, wie der Apostel in derselben Passage sagt, dem „Sohn Gottes angeglichen“ ist, der keinen irdischen Vater, keine himmlische Mutter und keinen Stammbaum hatte, gemäß Jes 53,8: „Wer kann seine Nachkommenschaft beschreiben?“ und der in seiner Gottheit weder Anfang noch Ende der Tage hat.