III, q. 22 a. 5
: Ob das Priestertum Christi ewig währt?
Quaestio 22 · Vom Priestertum Christi
Einwand 1: Es scheint, dass das Priestertum Christi nicht ewig währt. Denn wie oben gesagt (Art. 4, ad 1 und 3), bedürfen nur jene der Wirkung des Priestertums, die die Schwachheit der Sünde haben, welche durch das Opfer des Priesters gesühnt werden kann. Dies aber wird nicht für immer sein. Denn in den Heiligen wird keine Schwachheit sein, gemäß Jes 60,21: „Dein Volk besteht nur aus Gerechten“: während für die Schwachheit der Sünde keine Sühne möglich sein wird, da „in der Hölle keine Erlösung ist“ (Totenoffizium, Resp. 7). Also währt das Priestertum Christi nicht ewig.
Einwand 2: Ferner offenbarte sich das Priestertum Christi am meisten in seinem Leiden und Tod, als er „durch sein eigenes Blut in das Heiligtum eintrat“ (Hebr 9,12). Aber das Leiden und der Tod Christi werden nicht ewig währen, wie Röm 6,9 sagt: „Christus, von den Toten auferweckt, stirbt nicht mehr.“ Also wird das Priestertum Christi nicht ewig währen.
Einwand 3: Ferner ist Christus Priester nicht als Gott, sondern als Mensch. Aber zu einer Zeit war Christus nicht Mensch, nämlich während der drei Tage, als er tot lag. Also währt das Priestertum Christi nicht ewig.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Ps 109,4): „Du bist Priester auf ewig.“
Ich antworte darauf, dass wir im priesterlichen Amt zwei Dinge betrachten können: erstens die Darbringung des Opfers; zweitens die Vollendung des Opfers, die darin besteht, dass jene, für die das Opfer dargebracht wird, das Ziel des Opfers erlangen. Das Ziel des Opfers nun, das Christus darbrachte, bestand nicht in einem zeitlichen, sondern in einem ewigen Gut, das wir durch seinen Tod erlangen, gemäß Hebr 9,11: „Christus ist gekommen als Hohepriester der zukünftigen Güter“; aus diesem Grund wird das Priestertum Christi ewig genannt. Diese Vollendung des Opfers Christi nun wurde darin vorgebildet, dass der Hohepriester des Alten Gesetzes einmal im Jahr mit dem Blut eines Ziegenbocks und eines Kalbes in das Allerheiligste eintrat, wie in Lev 16,11 festgelegt, und doch opferte er den Ziegenbock und das Kalb nicht innerhalb des Allerheiligsten, sondern außerhalb. In gleicher Weise trat Christus in das Allerheiligste ein – das heißt, in den Himmel – und bereitete uns den Weg, damit wir eintreten könnten kraft seines Blutes, das er für uns auf Erden vergossen hat.
Antwort auf Einwand 1: Die Heiligen, die im Himmel sein werden, bedürfen keiner weiteren Sühne durch das Priestertum Christi, sondern da sie gesühnt sind, bedürfen sie der Vollendung durch Christus selbst, von dem ihre Herrlichkeit abhängt, wie geschrieben steht (Offb 21,23): „Die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie“ – das heißt, die Stadt der Heiligen – „und ihre Leuchte ist das Lamm.“
Antwort auf Einwand 2: Obwohl Christi Leiden und Tod nicht wiederholt werden sollen, währt doch die Kraft jenes Opfers ewig, denn, wie geschrieben steht (Hebr 10,14), „durch ein einziges Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt.“
Daraus ist die Antwort auf den dritten Einwand klar.
Was die Einheit dieses Opfers betrifft, so wurde sie im Gesetz dadurch vorgebildet, dass der Hohepriester des Gesetzes einmal im Jahr mit einer feierlichen Darbringung von Blut in das Heiligtum eintrat, wie in Lev 16,11 festgelegt. Aber das Vorbild blieb hinter der Wirklichkeit zurück, darin, dass das Opfertier keine ewige Kraft hatte, weshalb jene Opfer jedes Jahr erneuert wurden.