III, q. 22 a. 4
: Ob sich die Wirkung des Priestertums Christi nicht nur auf andere, sondern auch auf ihn selbst bezog?
Quaestio 22 · Vom Priestertum Christi
Einwand 1: Es scheint, dass sich die Wirkung des Priestertums Christi nicht nur auf andere, sondern auch auf ihn selbst bezog. Denn es gehört zum Amt des Priesters, für das Volk zu beten, gemäß 2 Makk 1,23: „Die Priester verrichteten das Gebet, während das Opfer verzehrt wurde.“ Christus aber betete nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst, wie wir oben gesagt haben (Q. 21, Art. 3), und wie ausdrücklich gesagt wird (Hebr 5,7): „In den Tagen seines Fleisches hat er Gebete und Bitten mit lautem Schreien und unter Tränen vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte.“ Also hatte das Priestertum Christi eine Wirkung nicht nur in anderen, sondern auch in ihm selbst.
Einwand 2: Ferner hat sich Christus in seinem Leiden als Opfer dargebracht. Aber durch sein Leiden hat er Verdienste erworben, nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst, wie oben dargelegt (Q. 19, Art. 3 und 4). Also hatte das Priestertum Christi eine Wirkung nicht nur in anderen, sondern auch in ihm selbst.
Einwand 3: Ferner war das Priestertum des Alten Gesetzes ein Vorbild des Priestertums Christi. Der Priester des Alten Gesetzes aber brachte das Opfer nicht nur für andere dar, sondern auch für sich selbst: denn es steht geschrieben (Lev 16,17), dass „kein Mensch im Offenbarungszelt sein darf, wenn der Hohepriester hineingeht, um im Heiligtum Sühne zu vollziehen für sich, für sein Haus und für die ganze Gemeinde Israels.“ Also hatte auch das Priestertum Christi eine Wirkung nicht bloß in anderen, sondern auch in ihm selbst.
Dagegen spricht, was wir in den Akten des Konzils von Ephesus lesen (Teil III, Kap. 1, Anath. 10): „Wenn jemand sagt, dass Christus für sich selbst Opfer dargebracht hat und nicht vielmehr für uns allein (denn der, der keine Sünde kannte, bedurfte keines Opfers), der sei im Bann.“ Das Amt des Priesters aber besteht hauptsächlich im Darbringen des Opfers. Also hatte das Priestertum Christi keine Wirkung in ihm selbst.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Art. 1), ein Priester zwischen Gott und den Menschen gestellt ist. Derjenige nun bedarf eines Mittlers zwischen sich und Gott, der von sich aus nicht zu Gott nahen kann; und ein solcher ist dem Priestertum unterworfen, indem er an dessen Wirkung teilhat. Dies aber kann von Christus nicht gesagt werden; denn der Apostel sagt (Hebr 7,25): „Er tritt von sich aus vor Gott, da er allezeit lebt, um für uns einzutreten.“ Und deshalb ist es nicht angemessen, dass Christus Empfänger der Wirkung seines Priestertums ist, sondern vielmehr, dass er sie anderen mitteilt. Denn der Einfluss des ersten Wirkenden in jeder Gattung ist so beschaffen, dass er nichts in dieser Gattung empfängt: so gibt die Sonne Licht, empfängt es aber nicht; Feuer gibt Hitze, empfängt sie aber nicht. Christus nun ist der Quell des gesamten Priestertums: denn der Priester des Alten Gesetzes war ein Vorbild von ihm; während der Priester des Neuen Gesetzes in seiner Person wirkt, gemäß 2 Kor 2,10: „Wenn ich etwas verziehen habe, ... so habe ich es um euretwillen getan im Angesicht [in der Person] Christi.“ Deshalb ist es nicht angemessen, dass Christus die Wirkung seines Priestertums empfängt.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl das Gebet den Priestern zukommt, ist es nicht ihr eigentliches Amt, denn es kommt jedem zu, sowohl für sich als auch für andere zu beten, gemäß Jak 5,16: „Betet füreinander, damit ihr gerettet werdet.“ Und so können wir sagen, dass das Gebet, mit dem Christus für sich selbst betete, keine Handlung seines Priestertums war. Aber diese Antwort scheint durch den Apostel ausgeschlossen zu sein, der, nachdem er gesagt hat (Hebr 5,6): „Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks“, hinzufügt: „Er hat in den Tagen seines Fleisches Gebete dargebracht“ usw., wie oben zitiert (Einwand 1): so dass es scheint, dass das Gebet, das Christus darbrachte, zu seinem Priestertum gehörte. Wir müssen daher sagen, dass andere Priester an der Wirkung ihres Priestertums teilhaben, nicht als Priester, sondern als Sünder, wie wir weiter unten darlegen werden (ad 3). Christus aber hatte schlechthin keine Sünde; obwohl er die „Gestalt des sündigen Fleisches“ hatte, wie in Röm 8,3 geschrieben steht. Und folglich dürfen wir nicht schlechthin sagen, dass er an der Wirkung seines Priestertums teilhatte, sondern mit dieser Einschränkung – in Bezug auf die Leidensfähigkeit des Fleisches. Weshalb er pointiert hinzufügt: „vor den, der ihn aus dem Tod retten konnte.“
Antwort auf Einwand 2: Zwei Dinge können bei der Darbringung eines Opfers durch irgendeinen Priester betrachtet werden – nämlich das Opfer selbst, das dargebracht wird, und die Hingabe des Opfernden. Die eigentliche Wirkung des Priestertums ist nun jene, die aus dem Opfer selbst resultiert. Christus aber erlangte ein Ergebnis aus seinem Leiden, nicht kraft des Opfers, das als Genugtuung dargebracht wird, sondern durch die Hingabe selbst, mit der er aus Liebe demütig das Leiden erduldete.
Antwort auf Einwand 3: Ein Vorbild kann der Wirklichkeit nicht gleichkommen, weshalb der vorbildliche Priester des Alten Gesetzes keine solche Vollkommenheit erlangen konnte, dass er keines Opfers der Genugtuung bedurfte. Christus aber bedurfte dessen nicht. Folglich gibt es keinen Vergleich zwischen den beiden; und das ist es, was der Apostel sagt (Hebr 7,28): „Das Gesetz macht Menschen zu Hohenpriestern, die der Schwachheit unterworfen sind; das Wort des Eides aber, der später als das Gesetz kam, setzt den Sohn ein, der auf ewig vollendet ist.“