III, q. 22 a. 3
: Ob die Wirkung des Priestertums Christi die Sühnung der Sünden ist?
Quaestio 22 · Vom Priestertum Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die Wirkung des Priestertums Christi nicht die Sühnung der Sünden ist. Denn es steht allein Gott zu, Sünden zu tilgen, gemäß Jes 43,25: „Ich bin es, der deine Missetaten tilgt um meinetwillen.“ Christus aber ist Priester nicht als Gott, sondern als Mensch. Also sühnt das Priestertum Christi die Sünden nicht.
Einwand 2: Ferner sagt der Apostel (Hebr 10,1-3), dass die Opfer des Alten Testaments (die Hinzutretenden) nicht „vollkommen machen“ konnten: „Hätte man sonst nicht aufgehört, Opfer darzubringen? Die Kultteilnehmer hätten doch, ein für alle Mal gereinigt, kein Sündenbewusstsein mehr gehabt. Aber durch diese Opfer wird alljährlich nur an die Sünden erinnert.“ In gleicher Weise aber geschieht unter dem Priestertum Christi eine Erinnerung an die Sünden in den Worten: „Vergib uns unsere Schuld“ (Mt 6,12). Zudem wird das Opfer fortwährend in der Kirche dargebracht; weshalb wir wiederum sagen: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Also werden die Sünden durch das Priestertum Christi nicht gesühnt.
Einwand 3: Ferner wurde bei den Sündopfern des Alten Gesetzes meist ein Ziegenbock für die Sünde eines Fürsten, eine Ziege für die Sünde einer Privatperson, ein Kalb für die Sünde eines Priesters geopfert, wie wir aus Lev 4,3.23.28 entnehmen. Christus aber wird mit keinem von diesen verglichen, sondern mit dem Lamm, gemäß Jer 11,19: „Ich war wie ein sanftmütiges Lamm, das zum Schlachten geführt wird.“ Also scheint es, dass sein Priestertum keine Sünden sühnt.
Dagegen spricht, was der Apostel sagt (Hebr 9,14): „Das Blut Christi, der sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer dargebracht hat, wird unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen.“ Tote Werke aber bezeichnen Sünden. Also hat das Priestertum Christi die Kraft, von Sünden zu reinigen.
Ich antworte darauf, dass zwei Dinge zur vollkommenen Reinigung von Sünden erforderlich sind, entsprechend den zwei Dingen, die in der Sünde enthalten sind – nämlich der Makel der Sünde und die Strafschuld. Der Makel der Sünde wird zwar durch die Gnade getilgt, durch welche das Herz des Sünders zu Gott gewendet wird: die Strafschuld aber wird gänzlich durch die Genugtuung entfernt, die der Mensch Gott darbringt. Das Priestertum Christi nun bewirkt beides. Denn durch seine Kraft wird uns Gnade gegeben, durch die unsere Herzen zu Gott gewendet werden, gemäß Röm 3,24-25: „Gerecht gemacht aus seiner Gnade umsonst, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist. Ihn hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten durch sein Blut, wirksam durch Glauben.“ Überdies hat er für uns vollauf Genugtuung geleistet, insofern er „unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen hat“ (Jes 53,4). Daher ist es klar, dass das Priestertum Christi volle Macht hat, Sünden zu sühnen.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl Christus Priester war, nicht als Gott, sondern als Mensch, war doch ein und derselbe sowohl Priester als auch Gott. Daher lesen wir im Konzil von Ephesus (Teil III, Kap. 1, Anath. 10): „Wenn jemand sagt, dass nicht das Wort Gottes selbst unser Hohepriester und Apostel geworden ist, als es Fleisch wurde und ein Mensch wie wir, sondern ein ganz anderer, der von einer Frau geborene Mensch, der sei im Bann.“ Insofern also seine menschliche Natur kraft der göttlichen wirkte, war jenes Opfer höchst wirksam zur Tilgung der Sünden. Aus diesem Grund sagt Augustinus (De Trin. IV, 14): „Da also bei jedem Opfer vier Dinge zu beachten sind – wem es dargebracht wird, von wem es dargebracht wird, was dargebracht wird, für wen es dargebracht wird; so war der eine wahre Mittler, der uns durch das Friedensopfer mit Gott versöhnte, eins mit dem, dem er opferte, vereinte in sich jene, für die er opferte, opferte zugleich sich selbst und war selbst das, was er opferte.“
Antwort auf Einwand 2: Der Sünden wird im Neuen Gesetz gedacht, nicht wegen der Unwirksamkeit des Priestertums Christi, als ob die Sünden durch ihn nicht hinreichend gesühnt wären: sondern im Hinblick auf jene, die entweder nicht teilhaben wollen an seinem Opfer, wie die Ungläubigen, für deren Sünden wir beten, dass sie bekehrt werden; oder die, nachdem sie an diesem Opfer teilgenommen haben, durch irgendeine Art von Sünde davon abfallen. Das Opfer, das jeden Tag in der Kirche dargebracht wird, ist nicht verschieden von jenem, das Christus selbst dargebracht hat, sondern ist dessen Gedächtnis. Daher sagt Augustinus (De Civ. Dei X, 20): „Christus selbst ist sowohl der Priester, der opfert, als auch das Opfer: als heiliges Zeichen dessen wollte er das tägliche Opfer der Kirche sein.“
Antwort auf Einwand 3: Wie Origenes sagt (Sup. Joan. I, 29), war, obwohl verschiedene Tiere unter dem Alten Gesetz geopfert wurden, das tägliche Opfer, das morgens und abends dargebracht wurde, doch ein Lamm, wie aus Num 28,3-4 hervorgeht. Dadurch wurde bezeichnet, dass die Darbringung des wahren Lammes, d.h. Christi, das krönende Opfer von allen war. Daher heißt es (Joh 1,29): „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“