III, q. 11 a. 5
Ob dieses Wissen habituell war?
Quaestio 11 · Vom eingeprägten oder eingegossenen Wissen der Seele Christi.
Einwand 1: Es scheint, dass in Christus kein habituelles Wissen war. Denn es wurde gesagt (Quaestio [9], Artikel [1]), dass die höchste Vollkommenheit des Wissens der Seele Christi zukam. Aber die Vollkommenheit eines aktuell existierenden Wissens ist größer als die eines potentiell oder habituell existierenden Wissens. Also war es für Ihn angemessen, alle Dinge aktuell zu wissen. Also hatte Er kein habituelles Wissen.
Einwand 2: Ferner, da Habitus auf Akte hingeordnet sind, schiene ein habituelles Wissen, das niemals in den Akt überführt wird, nutzlos. Nun konnte Christus, da Er alle Dinge wusste, wie in Quaestio [10], Artikel [2] gesagt wurde, nicht alle Dinge aktuell betrachten, indem Er eines nach dem anderen überdachte, da das Unendliche nicht durch Aufzählung durchlaufen werden kann. Also wäre das habituelle Wissen von gewissen Dingen für Ihn nutzlos gewesen – was unangemessen ist. Also hatte Er ein aktuelles und kein habituelles Wissen von dem, was Er wusste.
Einwand 3: Ferner ist habituelles Wissen eine Vollkommenheit des Erkennenden. Aber Vollkommenheit ist edler als das vervollkommnete Ding. Wenn also in der Seele Christi irgendein geschaffener Habitus des Wissens war, würde folgen, dass dieses geschaffene Ding edler war als die Seele Christi. Also gab es kein habituelles Wissen in der Seele Christi.
Dagegen spricht: Das Wissen Christi, von dem wir jetzt sprechen, war univok mit unserem Wissen, so wie seine Seele von derselben Spezies war wie die unsrige. Aber unser Wissen ist im Genus des Habitus. Also war das Wissen Christi habituell.
Ich antworte darauf: Wie oben gesagt (Artikel [4]), kam der Modus des der Seele Christi eingeprägten Wissens dem empfangenden Subjekt zu. Denn das Empfangene ist im Empfänger nach der Weise des Empfängers. Nun ist der konnaturale Modus der menschlichen Seele, dass sie manchmal aktuell und manchmal potentiell versteht. Aber das Medium zwischen einer reinen Potenz und einem vollendeten Akt ist ein Habitus: und Extreme und Medium sind von demselben Genus. So ist es klar, dass es der konnaturale Modus der menschlichen Seele ist, Wissen als einen Habitus zu empfangen. Daher muss gesagt werden, dass das der Seele Christi eingeprägte Wissen habituell war, denn Er konnte es gebrauchen, wann es Ihm beliebte.
Antwort auf Einwand 1: In der Seele Christi gab es ein zweifaches Wissen – jedes höchst vollkommen in seiner Art: das erste überstieg den Modus der menschlichen Natur, da Er durch es das Wesen Gottes sah und andere Dinge in Ihm, und dieses war das schlechthin vollkommenste. Auch war dieses Wissen nicht habituell, sondern aktuell in Bezug auf alles, was Er auf diese Weise wusste. Aber das zweite Wissen war in Christus in einer der menschlichen Natur angemessenen Weise, d.h. insofern Er Dinge durch Ihm göttlich eingeprägte Spezies erkannte, und von diesem Wissen sprechen wir jetzt. Nun war dieses Wissen nicht schlechthin das vollkommenste, sondern lediglich im Genus des menschlichen Wissens; daher geziemte es ihm nicht, immer im Akt zu sein.
Antwort auf Einwand 2: Habitus werden durch den Befehl des Willens in den Akt überführt, da ein Habitus das ist, "womit wir handeln, wenn wir wollen". Nun ist der Wille unbestimmt in Bezug auf unendliche Dinge. Doch ist er nicht nutzlos, selbst wenn er nicht aktuell zu allem tendiert; vorausgesetzt, er tendiert aktuell zu allem an passendem Ort und zu passender Zeit. Und daher ist auch ein Habitus nicht nutzlos, selbst wenn nicht alles, worauf er sich erstreckt, in den Akt überführt wird; vorausgesetzt, dass das, was dem gebührenden Ziel des Willens entspricht, gemäß den Erfordernissen der vorliegenden Sache und der Zeit in den Akt überführt wird.
Antwort auf Einwand 3: Güte und Sein werden auf zwei Arten genommen: Erstens schlechthin; und so ist eine Substanz, die in ihrem Sein und ihrer Güte subsistiert, ein Gut und ein Seiendes; zweitens werden Sein und Güte relativ genommen, und auf diese Weise ist ein Akzidens ein Seiendes und ein Gut, nicht dass es Sein und Güte hat, sondern dass sein Subjekt ein Seiendes und ein Gut ist. Und daher ist habituelles Wissen nicht schlechthin besser oder vorzüglicher als die Seele Christi; sondern relativ, da die ganze Güte des habituellen Wissens zur Güte des Subjekts hinzukommt.